Zum Kern vordringen

Liebe Leser und Leserinnen, wieder einmal befinden wir uns in der sogenannten heiligen Zeit. Überall erstrahlen Lichter. Wunderschöne Dekorationen erinnern uns an das Fest der Feste. Da und dort hört man fröhliche Weihnachtsmusik.

Als ich noch Kind war, beeindruckte mich das immer sehr. Ich hatte eine grosse Vorfreude auf Weihnachten. Ich fühlte mich irgendwie geborgen. Es war heimelig, warm, gemütlich, trotz der Kälte draussen. Die Advents- und Weihnachtszeit erschien mir wie der Abend, an dem man einen erfüllten Tag genussvoll ausklingen lassen kann. Ich konnte in diesem Gefühl richtig schwelgen.

Ich denke, dass es bei vielen Leuten ähnliche positive Erinnerungen an Weihnachten gibt. Mit den Jahren wurden diese allerdings überdeckt durch das Vordergründige: Den Kommerz, den Kitsch – übersüsses Jesuskindelein mit dicklichen kleinen Engelchen –, den Weihnachtsstress. Das schöne Bild von Weihnachten wurde entstellt. Ich erinnere mich noch an meinen Mathelehrer, der die Weihnachtszeit negativ erlebte und froh war, wenn alles vorüber war. Vielen wird in dieser Zeit ihre Einsamkeit stärker bewusst. Andere arbeiten Verpflichtungen ab. Ich sollte noch dies und das. So wird Weihnachten zum Druck, was der eigentlichen Botschaft von Weihnachten diametral entgegensteht. Ob all dem Stress erscheint es klar, warum man sich besinnliche Weihnachten wünscht – eine kleine Oase der Ruhe. Aber worauf soll man sich denn besinnen?

Die meisten von Ihnen werden wohl merken, dass dieses Vordergründige nicht das Eigentliche sein kann. Die positiven Gefühle aus der Kindheit Weihnachten gegenüber dürften darauf
hinweisen. Gibt es denn ein Geheimnis von Weihnachten und wenn ja, welches?

Wahrscheinlich wissen Sie, dass wir die Geburt Jesu vor gut 2000 Jahren feiern. Aber warum eigentlich? Warum ist Weihnachten ein Fest der Freude und des Friedens? Was ist denn die gute Botschaft von Weihnachten? Dieses kleine Kind soll mir etwas geben können? Es ist der Ausdruck davon, dass Gott den Himmel verliess, auf die Erde kam und Mensch wurde, uns gleich wurde. Schwach und hilflos, wie ein Kind. Weil er uns gleich wurde und all unsere Schwachheit auf sich nahm, kann er zu unserem Heiland werden; zu demjenigen, der uns von allem befreien kann, was uns bedrückt.

Das ist der Kern von Weihnachten. Die grosse Freude, dass wir nicht auf uns selbst gestellt sind, sondern, dass der grosse Gott an unseren Leben Anteil nimmt, uns begleiten und auch führen will. Glaube ist daher nicht in erster Linie ein «du sollst» wie oben erwähnt, sondern ein «du darfst». Du darfst leben, du darfst dich entfalten, du darfst derjenige oder diejenige sein, der oder die du bist. Weihnachten ist eine Frohbotschaft und nicht eine Drohbotschaft. Durch Jesus sind wir nicht mehr in unseren menschlichen Möglichkeiten gefangen.

Die Bibel spricht davon, dass wir neu geboren werden, wenn wir uns Jesus und somit Gott zuwenden. Unser Leben bekommt eine neue Qualität. So empfinden wir, inspiriert durch die Liebe Gottes, eine neue Liebe für die Menschen, die Welt und uns selbst. Friede breitet sich in unseren Leben aus, weil wir dem Friedefürst Jesus begegnet sind. Neue Hoffnung keimt in uns auf, weil wir merken, dass wir alten eingeschliffenen Charakterzügen nicht mehr hilflos ausgeliefert sind. Durch den Glauben können diese verkrusteten Strukturen aufgebrochen werden. So tun sich ganz neue Möglichkeiten auf.

Ist das nicht etwas, was jede und jeder gebrauchen könnte? Haben wir nicht alle eine Hand zum Führen und eine um geführt zu werden? Wir brauchen doch jemand über uns, ein Held, jemand, dem wir vertrauen können und der es gut mit uns meint. Wo es nicht Gott ist, suchen wir uns andere Idole: Fussballprofis, Investmentlegenden, Rockstars.

Vielleicht sagen Sie wie Goethes Faust: Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Es gibt tausend Gründe gegen den Glauben, aber auch tausende dafür. Beweisen lässt sich der Glaube sowieso nicht. Sie allein sind die Instanz, die bestimmt, ob Jesus für Sie geboren wurde oder nicht. Freilich hat ihr Urteil nicht zwingend etwas mit der Wahrheit zu tun. Wenn Ihnen Ihr Glaube abhandengekommen ist, müssen Sie nicht meinen, Gott sei damit verschwunden. Eher verschwinden Sie als Gott.

Glaube ist ein Geschenk. Sie können ihn nicht selber produzieren. Die Frage ist, ob Sie offen dafür sind? Lassen Sie sich berühren? Lassen Sie sich allenfalls in Ihrer Meinung revidieren? Versuchen Sie es doch! Bitten Sie Gott, sich Ihnen zu bezeugen! Fordern Sie ihn heraus! Andernfalls können Sie beim Glauben nicht wirklich mitreden. Man muss ihn erlebt haben. Es ist wie bei einem Land. Wie wollte man sich als Experte für ein Land aufspielen, wenn man es noch gar nie besucht hat? Die Botschaft von Weihnachten ist immer noch brandaktuell. Dringen Sie zum Kern vor! Entdecken Sie dieses weihnachtliche Land des Friedens, der Liebe und der Freiheit. Sie können nichts verlieren, aber alles gewinnen. 

Eine gesegnete Weihnachtszeit wünscht Ihnen Pfarrer Philipp Müller.