Zeit, Zeit, Zeit

Im Dezember des letzten Jahres konnte ich meinen 60. Geburtstag feiern. Lange Zeit hat mein Alter keine Rolle gespielt. Als ich jung war, empfand ich alle anderen als alt. Dann war ich so beschäftigt mit Weiterbildung, Familiengründung, beruflicher Karriere, dass ich für Nebensächlichkeiten wie das Alter keine Zeit hatte. Heute ertappe ich mich, dass ich beim Überfliegen der Todesanzeigen mehr auf den Jahrgang der verstorbenen Person achte. Die eigene Vergänglichkeit ist mir nach dem Tod meiner Eltern so richtig bewusst geworden. Niemand war mehr da von der älteren Generation, plötzlich war ich selber der nächste in der Reihe. Und ein unscheinbares Wörtchen hat sich in meinen Wortschatz eingeschlichen: Früher.

Aufgefallen ist mir dieser Bezug auf früher Erlebtes bei einem Anlass nach dem Neujahr. Die Gäste tauschten sich aus, wie sie Silvester verbracht hätten. Wir erwähnten, dass wir im Fernsehen die alten Episoden von der «Versteckten Kamera» aus Teleboy gesehen hatten. Was haben wir gelacht. Auch die Klassiker wie «Söll emol cho» oder «Gipfelitunken» wurden ausgestrahlt. Diese Streiche sind mittlerweile über 40 Jahre alt. Ja, früher hätte sich niemand Gedanken gemacht über eine Abstimmung zu «No Billag». Nicht weiter verwunderlich, dass die Jüngeren an unserem Anlass mit den Schultern zuckten. «Teleboy»? Noch nie gehört oder gesehen.

Heute bin ich in der glücklichen Lage, meine Zeit selbstständiger planen zu können. Für 2018 habe ich meine Agenda neu gestaltet. Am Montag ist ein fixer Bürotag eingeplant. Dienstag und Mittwoch sind für mein Mandat bei der Spitex Mittleres Tösstal reserviert. Am Donnerstag bin ich offen für externe Termine. Der Freitag ist nicht verplant und das Wochenende gehört mir. Die ersten Erfahrungen haben gezeigt, wie schwer die neue Planung einzuhalten ist. Die Donnerstage sind auf Wochen hinaus belegt und ich muss spontane Termine auch an anderen Tagen wahrnehmen.

Kürzlich habe ich drei Porträts gelesen, welche unter dem Titel «Begegnung mit dem Glück» standen. Drei Menschen um die 70 erzählten, was ihr Leben zu einem guten Leben macht. Alle Porträtierten sind immer noch sehr aktiv, auch wenn die Gesundheit nicht immer mitmacht. Eine weitere Gemeinsamkeit habe ich bei allen gefunden: Sie nehmen sich Zeit für sich und für andere. Und erfahren so Glück.

Meinen Standpunkt schliesse ich mit einer kleinen Geschichte: 86’400 Franken? Jeden Tag? Was würdest du damit tun? Stelle dir vor, du hast bei einem Wettbewerb folgenden Preis gewonnen: Jeden Morgen, stellt dir die Bank 86’400 Franken auf deinem Bankkonto zur Verfügung. Doch dieses Spiel hat auch Regeln, so wie jedes Spiel bestimmte Regeln hat. Die erste Regel ist: Alles was du im Laufe des Tages nicht ausgegeben hast, wird dir wieder weggenommen, du kannst das Geld nicht einfach auf ein anderes Konto überweisen, du kannst es nur ausgeben. Aber jeden Morgen, wenn du erwachst, eröffnet dir die Bank ein neues Konto mit neuen 86’400 Franken für den kommenden Tag. Zweite Regel: Die Bank kann das Spiel ohne Vorwarnung beenden, zu jeder Zeit kann sie sagen: Es ist vorbei. Das Spiel ist aus. Sie kann das Konto schliessen und du bekommst kein neues mehr.

Was würdest du tun? Du würdest dir alles kaufen, was du möchtest? Nicht nur für dich selbst, auch für alle Menschen, die du liebst. Vielleicht sogar für Menschen, die du nicht kennst, da du das nie alles nur für dich alleine ausgeben könntest. Du würdest versuchen, jeden Rappen auszugeben und ihn zu nutzen. Oder? Aber eigentlich ist dieses Spiel die Realität: Jeder von uns hat so eine «magische Bank». Wir sehen das nur nicht. Die magische Bank ist die Zeit. Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, bekommen wir 86’400 Sekunden Leben für den Tag geschenkt und wenn wir am Abend einschlafen, wird uns die übrige Zeit nicht gutgeschrieben. Was wir an diesem Tag nicht gelebt haben, ist verloren, für immer verloren, Gestern ist vergangen. Jeden Morgen beginnt sich das Konto neu zu füllen, aber die Bank kann das Konto jederzeit auflösen, ohne Vorwarnung.

Was machst du also mit deinen täglichen 86’400 Sekunden? Sind sie nicht viel mehr wert als die gleiche Menge in Franken? Also fang an, dein Leben zu leben! Danke für die Zeit, die Sie sich für diesen Standpunkt genommen haben.