«Wünsche mir einfühlsamen Mann»

Neues Glück mit 70: Maja Canonica und Kurt Bosshard (Foto: ek)

Am 7. Juli 2017 druckte der «Tößthaler» eine für das Blatt spezielle Annonce: Eine Frau suchte auf diesem Weg einen Partner. «Bis 70 Jahre. Freue mich.» Schrieb sie. Kurt Bosshard ist glücklich, dass er auf Maja Canonicas Inserat reagierte.

Maja Canonica und Kurt Bosshard aus Turbenthal wagten etwas und fanden so mit 70 nochmals Liebe. «Das soll jetzt aber keine Liebesgeschichte werden», erklärt Canonica resolut. Wer die beiden zusammen sieht, dem fällt das allerdings schwer zu glauben. Canonica und Bosshard scherzen und necken sich wie verknallte Teenager. Was Canonica aber zu sagen versucht, ist, dass sie nicht im Mittelpunkt stehen will, sondern die einsamen Menschen im Tösstal motivieren möchte, ihrem Beispiel zu folgen. «Es gibt so viele alleinstehende Menschen hier. Ich weiss das, weil ich das Glück habe, dass sich mir Menschen gerne mitteilen. Und ich gerne zuhöre», erzählt sie.

Canonica ist 71 Jahre alt. Nachdem ihr Lebenspartner an Krebs erkrankte, begleitete sie ihn eineinhalb Jahre lang durch sein Leiden, bis er letzten April in ihren Armen starb. So kam der Abschied nicht überraschend. Canonica hatte lange Zeit, sich zu verabschieden. Dem entsprechend alleine fühlte sie sich auch schon lange vor seinem Tod. «Ich wollte nicht mehr alleine sein», erzählt sie.

Wer weiss schon, wie lange man noch hat

«Bin zierlich, schlank, sportlich.» steht oben auf dem lilafarbenen Inserat, welches sie letztes Jahr am 7. Juli im «Tößthaler» abdrucken liess. Sie wehrweisste, ob sie das tun soll. Denn Leos Tod, mit dem sie 25 Jahre zusammen war, lag gerade mal drei Monate zurück. Doch wie schnell das Leben manchmal vorbei sein kann, erlebte sie bei einer 30-jährigen Frau aus der Sterbebegleitungsgruppe – ihr ebenso junge Ehemann verstarb plötzlich ohne jegliche Vorzeichen über Nacht. «So Maja,» sagte sie sich also, «du bist jetzt 70», und entschloss sich, in der Lokalzeitung eine kleine Kontaktanzeige aufzugeben.

«Wünsche mir einfühlsamen, kultivierten, gepflegten Mann. Bis 70 Jahre. Freue mich.» Bosshard war der erste, der anrief. Auch er brauchte etwas Anlauf. «Ich setzte mich auf meine Couch, nahm den Telefonhörer, wählte und legte wieder auf», erzählt er ausgelassen. Beim zweiten Mal habe er dann klingeln lassen. Nach etwas Geplauder verabredeten sie sich auf den kommenden Mittwoch bei ihm für ein erstes Date.

Auch Bosshard ist Wittwer. Seine Frau Edith starb drei Monate vor Leo. Nicht wie bei Canonicas Partner kam ihr Tod aus heiterem Himmel. Zusammen waren sie am Bahnhof in Turbenthal und wollten für die geplanten Ferien einchecken, als seine Frau plötzlich starke Kopfschmerzen bekam. Bereits im Koma erreichte sie das Spital, wo sie am nächsten Tag an den Folgen einer akuten Hirnblutung verstarb. Bosshard war mit 72 nach 43 Ehejahren von einem Tag auf den nächsten alleine.

Nur noch einmal geliebt werden

«Ich hatte riesen Glück, dass du so Freude an mir hattest», sagt Canonica zu Bosshard. Sein Wesen war so ganz anders, als sie es sich von Leo gewohnt war – das erschreckte sie. Doch er war von Anfang an positiv eingestellt: «Das kommt gut. Schritt für Schritt, nichts überstürzen», habe er sich gesagt. Auch Canonica sei eine ganz andere Persönlichkeit, als seine Edith. Beide sind sich bewusst, dass man in ihrem Alter bereits einen grossen Rucksack an Erfahrungen und Gewohnheiten mitträgt. «Man muss grosszügig sein und Freiheit geben», sind sie sich einig.

Canonica spreche manchmal in Gedanken mit ihrem verstorbenen Partner. Sie wünschte sich, einfach noch einmal geliebt zu werden, habe aber auch heute noch ein schlechtes Gewissen, dass sie sich wieder jemanden gesucht habe. Sie sage ihm: «Leo, ich möchte einfach noch etwas glücklich sein.» Bosshard hat aber kein schlechtes Gewissen. Auch er wollte nicht alleine bleiben und freut sich in erster Linie, dass er nochmals jemanden finden durfte, den er gerne hat. Die Trauer ist bei beiden noch nicht überwunden und Canonica und Bosshard unterstützen sich gegenseitig bei der Verarbeitung.

Sie haben nun jemanden kennengelernt, der 180 Grad anders ist, als ihre verstorbenen Partner. «Das braucht auf beiden Seiten viel Anpassung», sagen sie, und: «Es hat sich gelohnt.» Im Alter müsse man langsam und offen dran gehen. «Man muss sich bewusst sein, dass das jetzt ein neuer, anderer Mensch ist», sagen sie. Will man das überhaupt wagen? Denn keine Beziehung sei wie die andere. So gingen sie es langsam an und ihre Liebe wurde immer tiefer. Canonica ist überzeugt: «Man kann das Glück hemmen oder man kann es suchen.»