Wohin geht denn die Reise?

Im Juni sind die meisten Sommerferienpläne bereits geschmiedet und die Würfel bezüglich Traumziel sollten – hoffentlich – längst gefallen sein. Doch was man da so harmlos ausgeheckt hat, lässt Psychologen tief blicken – zumindest, wenn man ihnen glaubt, dass die angesteuerte Destination unseren wahren Charakter entlarve. So oder so geniesst man beim Blättern in Ferienkatalogen die Vorfreude und lässt die Reisebilder wirken. Zweifellos sind sie Projektionsflächen des persönlichen Charakters und üben eine starke Magnetwirkung aus – dabei ist deren subjektive Wahrnehmung bei jedem Betrachter unterschiedlich.

«Wir sehen immer das, was wir sehen wollen, nämlich unseren ganz persönlichen Traum vom idealen Urlaub», kommentiert der Münsteraner Professor und Diplom-Psychologe für Differentielle Psychologie (Persönlichkeitspsychologie) Alfred Gebert die Destinations-Hitparade respektive die von uns bevorzugten Fotosujets. Der als Wirtschaftspsychologe tätige Wissenschafter und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Medienwirkungsforschung ist davon überzeugt, dass die Vorliebe für ein bestimmtes Motiv viel über unsere Persönlichkeit verrät. So untersuchte er die am häufigsten angeklickten Bilder eines Reise-Portals für exklusive Destinationen auf ihre psychologische Wirkung und definiert aufgrund dieser Entscheidungskriterien die Motive, die die Wesenszüge der Betrachter widerspiegeln. Zwar erinnern die Typisierungen an Horoskope und wirken etwas spekulativ. Aber sie regen zumindest zum Hinterfragen unserer Hitliste an.

Laut diesen Analysen zählen beispielsweise Alpen-Liebhaber zu den eher introvertierten Träumern und Geniessern, die schönen vergangenen Zeiten nachhängen und Veränderungen gegenüber im Allgemeinen kritisch sind. Gebert beurteilt sie als eher verschlossen, zurückhaltend und kühl; deshalb müsse man sich ihr Vertrauen erst erarbeiten. Wenn es indessen gelinge, hinter die abweisende Fassade zu blicken, sei man von der Sinnlichkeit, Feinfühligkeit und Sensibilität dieser als treu, zuverlässig und vernünftig geltenden Menschen beeindruckt.

Ebenfalls als treue Seelen eingeschätzt werden Marokko-Fans, die sich von einem edlen Riad in Marrakesch inspirieren lassen. Sie seien unkompliziert und wünschten sich ein geordnetes Leben ohne viel Aufregung. Immerhin: «Als freundliche, hilfsbereite Menschen gehen sie für ihre Liebsten durch das Feuer.» So wie sie sich selbst treu sind, wünschen sie das auch von ihrem Partner und wollen sich blind auf ihn verlassen. Eigenartig hingegen der Kontrast zwischen dem Wunsch nach Zuneigung und Treue und der ausgeprägten Vorliebe für den Zauber der Fremde und geheimnisvollen Ferienregionen, die prägende Erinnerungen und packende Erlebnisse bescheren. Gebert rät dazu, vor Marokko-Fans das Tagebuch besser zu verstecken, seien sie doch sehr neugierig.

Wen es weiter nach Süden und auf die Malediven zieht, der gehört anscheinend zu den pflichtbewussten, mit Charme ausgestatteten Pragmatikern. Diese denken vorausschauend, haben eine starke Überzeugungskraft und vereinen zahlreiche Gegensätze, attestiert ihnen doch der Diplom-Psychologe sowohl Experimentierfreudigkeit als auch Modernität und Traditionsbewusstsein. Als gut gelaunte, ausgelassene Charaktere versuchten sie, jeden Moment im Leben bewusst wahrzunehmen und fühlten sich am wohlsten in Gesellschaft, seien aber auch gern ab und zu alleine. Bali-Bild-Betrachter wiederum sind laut Gebert auf der Suche nach Abenteuer und Anerkennung, «finden sich selbst attraktiv und wollen bewundert werden». Es lockt das Abenteuer, das Neue und Aussergewöhnliche und damit das Leben auf der Überholspur. Trotz aller Leidenschaft sehnen sie sich nach Harmonie und wollen sich deshalb möglichst korrekt verhalten.

Obwohl Professor Gebert erstaunlich exakte «Roboterbilder» der verschiedenen Urlauber-Charaktere liefert, weiss er um die beschränkte Aussagekraft seiner Einschätzungen. Angesprochen auf die Frage, wie er beispielsweise jene einordnet, die sowohl die Alpen als auch den Sandstrand und die Designhotels lieben, empfiehlt er, selber aus den entsprechenden Beschreibungen einen Mischtypen zu wählen. «Oder man fragt sich, was trifft besonders gut zu. Ich bin auch Alpen- und Seeliebhaber, aber deutlich eher Seereisender.» Trotz unbestrittener akademischer Qualifikation warnt er vor zu viel Respekt seinen Aussagen und seiner Gilde gegenüber: «Nehmen Sie die Wissenschaft nicht gar zu ernst. Der Wetterbericht war vor 30 Jahren auch noch recht ungenau und ist heute besser.» In diesem Sinne also unbeschwerte Ferien, ohne gross auf psychologische Deutungen zu hören!