«Wir waren ein Stachel im Fleisch der Eidgenossenschaft»

Alt Nationalrat Hans Steffen: «Gewisse Medien breiteten das Leichentuch des Schweigens über mich als NA-Politiker» (Foto: ww)

Fast 15 Jahre – von Anfang 1985 bis Ende 1999 – gehörte der Fischenthaler Lehrer Hans Steffen als Vertreter der Nationalen Aktion (später der Schweizer Demokraten) dem Nationalrat an. Auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere präsidierte er die achtköpfige Fraktion in der Bundesversammlung.

Kürzlich traf Hans Steffens Tochter in den Ferien zufällig den legendären Genfer SP-Politiker und Bankenkritiker Jean Ziegler. Als dieser erfuhr, wer ihr Vater sei, habe er in seiner emotionalen Art von diesem mutigen Zürcher Politiker zu erzählen begonnen. Steffen und Ziegler stehen bis heute in Kontakt miteinander. «Zwar hatten wir als Nationalräte das Heu nicht auf der gleichen Bühne», sagt Hans Steffen, «aber es gab eine gegenseitige Wertschätzung». Die Arbeit der Anderen respektieren und anständig umgehen miteinander, das war Steffens Grundhaltung in der Politik.

Konservativ-liberale Gesinnung

Begonnen hat Hans Steffens politische Karriere in Fischenthal. Hier war ihm, dem «stolzen Stadtzürcher», nach dem Lehrerseminar von der Erziehungsdirektion eine Stelle für die 7. und 8. Primarschulklasse zugewiesen worden. «Ich musste zuerst auf der Karte nach diesem Ort im oberen Tösstal suchen», lacht er heute. Nie hätte er geglaubt, hier heimisch zu werden.

Bald aber wurde er politisch aktiv und gründete mit weiteren Interessierten die Freisinnige Ortspartei Fischenthal. Wenig später trat er der Volksbewegung «Nationale Aktion» bei. Diese Partei, die er massgebend mitprägte, entsprach seiner konservativ-liberalen Gesinnung. Nebst dem Kampf gegen die Überfremdung setzte sie die Schwerpunkte auf sinnvollen Umweltschutz (durch Beschränkung der Einwanderung), auf eine starke Armee, die Stärkung des Bildungswesens sowie die Förderung der einheimischen Landwirtschaft zwecks Selbstversorgung.

Mit dem Einzug ins eidgenössische Parlament im Jahre 1985 wurde seine politische Arbeit von der Wählerschaft honoriert. Seine Wahl wurde von den anderen bürgerlichen Parteien im Zürcher Oberland nicht gerne gesehen. «Die FDP-nahe Regionalzeitung, deren Chefredaktor selber liebend gerne nach Bern gezogen wäre, breitete das Leichentuch des Schweigens über mich als NA-Politiker», erinnert sich Steffen. Auch andere Medien hätten ihn oft «gemieden».

Mitbegründer der AUNS

Ein denkwürdiger Tag war für ihn der 19. Juni 1986, als er zusammen mit den Nationalräten Jean-Pierre Bonny, Ernst Mühlemann (beide FDP), Paul Eisenring (CVP) und Christoph Blocher (SVP) sowie mit alt Nationalrat Otto Fischer die AUNS gründete, die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz. «Die Namen der Gründungsmitglieder zeigen, dass da keine extrem rechtslastige Organisation entstand», betont Steffen und steht auch heute noch überzeugt hinter deren Zielen.

Im Nationalrat wirkte er in mehreren Kommissionen mit, wurde Präsident der achtköpfigen Fraktion und gehörte in dieser Funktion auch dem Ratsbüro an.

Wenn man Hans Steffen nach seinen Erfolgen fragt, weiss er vieles zu erzählen. Aber etwas, das mit Mitmenschlichkeit zu tun hat, hat ihn speziell gefreut: Über ein Hilfswerk hatte er erfahren, dass ein deutsch-russischer Namensvetter Iwan-Petrovich Steffen, ein Baptisten-Prediger, krank in einem Arbeitslager in Sibirien vegetiere. Steffen intervenierte über das EDA, die sowjetische Botschaft in Bern und die Schweizer Botschaft in Moskau, damit dieser Mann freikomme. «Nach langen Bemühungen wurde meine Bitte erfüllt. Die Sowjets liessen den Mann und seine grosse Familie nach Deutschland ausreisen, wo sie seit Ende der 80er-Jahre leben».

Kein Fremdenhasser

Einer der grössten Erfolge der Partei war die Annahme der Volksinitiative «Für einen arbeitsfreien Bundesfeiertag» mit einem Ja-Stimmenanteil von fast 84 Prozent. Der Fokus der politischen Arbeit lag aber im Kampf gegen die Überfremdung. «Unsere Partei blieb bis 1999 ein Stachel im politischen Fleisch der Eidgenossenschaft», sagt Hans Steffen, wenn er auf die Erfolge und Misserfolge im Bundeshaus zurückblickt. «Unser Engagement gegen die Überfremdung führte indirekt denn auch zu einer gewissen Beschränkung der Ausländerzahl».

Immer wieder betont Hans Steffen, dass er nichts gegen fremde Menschen habe. Seine Sorge gelte unserem Land, unserer Bevölkerung, die unter der starken Einwanderung teilweise leide und überfordert sei. Als Lehrer sei er übrigens mit fremdländischen Schülern und Eltern bestens ausgekommen. Deshalb habe er gelitten, wenn die linksgrüne Seite ihn als Fremdenhasser diffamierte.

Blick auf die heutige Politik

Hans Steffen verfolgt das politische Geschehen immer noch sehr interessiert. Was rund um die Armee passiert, kann er nicht mehr verstehen. «Mit einem Bestand von nur noch 100’000 und ein paar sündhaft teuren Flugzeugen wird der Verfassungsauftrag nicht mehr erfüllt», ist er überzeugt. Die Entwicklungen in der Bildungspolitik, der Landwirtschaftspolitik und vor allem auch in der Europapolitik würden ihm Sorge bereiten.

Die direkte Demokratie und das Festhalten an abendländischer Ethik und Norm sind ihm unumstössliche Grundwerte. Als wertvoll erachtet er überblickbare, kleine Strukturen. «Ich habe allerdings nicht die Illusion, dass unsere heutigen Gemeindestrukturen dem von oben herab ausgeübten Fusionsdruck mittelfristig werden standhalten können», sagt er resigniert.

Eine gewisse Wehmut wird spürbar, wenn die Rede auf den Niedergang seiner Partei kommt. «Die Führung der SVP hatte entschieden, dass rechts von ihr nichts mehr sein darf und hat Auto-Partei, NA und SD gewissermassen aufgesogen». Kollegen von der SVP hätten ihn denn auch mehrmals zu einem Fraktionswechsel ermuntert, aber das sei ihm ferngelegen.

Der Glaube als Fundament

Hans Steffen weiss viel zu erzählen, und er erinnert sich gerne an sein politisches Wirken in Partei und Parlament. Fragt man ihn nach seinem heutigen Denken, seinem Lebensinhalt als Senior, so kommt die Antwort aus tiefster Überzeugung:

«Mit meinen 85 Jahren bin ich meinem Schöpfer dankbar, dass Gattin Hilde und ich die alten Tage zusammen verbringen dürfen und so Freud und Schwieriges gemeinsam leben können. Mit unserem Nachwuchs verbringen wir frohe Stunden, und ein grosser Freundeskreis und angenehme Nachbarn verhindern Langeweile. Am Sonntag besuchen wir den Gottesdienst in einer freikirchlichen Gemeinde, wo nach reformatorischer Manier das Wort Gottes aus der Bibel verkündet und frohe Gemeinschaft gepflegt wird». Der ehemalige Amtsträger, Offizier und Lehrer geht geistlich den schmalen Weg Richtung Ewigkeit, begleitet von Jesus, seinem Erlöser.

Werner Wäckerli wohnt in Wila und war von 1974 bis 1979 und von 1981 bis 1984 Redaktor beim «Tößthaler».

EINST IM RAMPENLICHT
Einst populäre Persönlichkeiten, die im Tösstal eine Rolle spielten, sind von der öffentlichen Bildfläche verschwunden. Was machen diese Leute heute, wie denken sie über ihr damaliges Wirken und die heutige Welt? «Der Tößthaler» hat einige Frauen und Männer herausgegriffen und mit ihnen Gespräche geführt. Heute mit Hans Steffen aus Fischenthal.