«Wir haben in der Familie schon immer gesungen»

Angelika Plüss zuhause in ihrem Wohnzimmer (Foto: rl )

Im Frühjahr 1997 beschloss die Primarlehrerin Angelika Plüss den Kinder- und Jugendchor in Bauma in die Welt zu setzen. Die Musikschule Zürcher Oberland unterstützte das Projekt von Beginn weg und stellte Plüss damals als Chorleiterin ein. Der Aufgabe ist sie bis heute treu geblieben.

Er gehört zu den grössten Kinder- und Jugendchören im Kanton Zürich und kann auf eine über 20-jährige Geschichte zurückblicken. Auch in diesem Jahr ist der Kinder- und Jugendchor, den Angelika Plüss leitet und der derzeit aus 71 Kindern besteht, wieder aktiv. Im Juni wird er beim 70-jährigen Jubiläum des FC-Baumas auftreten. «Der Tößthaler» wollte mehr über die Motivation und die Geschichte des Chors wissen und interviewte Angelika Plüss. 

Frau Plüss, wie entstand der Kinder- und Jugendchor?
Ich arbeitete als Primarlehrerin in Bauma und habe immer viel mit meinen Schülerinnen und Schülern gesungen. Das hat uns viel Spass gemacht und ich war überzeugt, dass das Singen ein Bedürfnis des Menschen ist. Im Frühjahr 1997 habe ich mich dann entschlossen, einen Kinder- und Jugendchor zu gründen. Deshalb fragte ich bei der Musikschule Zürcher Oberland (MZO) an, ob sie diese Idee unterstützen und mich als Chorleiterin einstellen würden. Die Antwort war positiv und nach den Sommerferien starteten wir mit 21 Kindern im Kinder- und 12 Jugendlichen im Jugendchor. 

Wie viel Zeit investieren Sie wöchentlich in die ehrenamtliche Arbeit des Kinder- und Jugendchors?
Als Erstes muss ich da wohl anmerken, dass meine Arbeit nicht ehrenamtlich ist. Da ich von der MZO angestellt bin, erhalte ich den Lohn einer Orchesterleiterin. Meine Arbeit hängt sehr davon ab, was gerade ansteht. Wenn wir ein neues Programm erarbeiten und viele neue Lieder einstudieren müssen, dann habe ich auch zu Hause viel zu tun. Ich muss ja immer alle Lieder bis ins Detail singen können, das heisst dass ich bei den meist dreistimmigen Jugendchorliedern jede einzelne Stimme vorsingen können muss. Ich sollte auch den Text im Kopf haben und gleichzeitig das Lied mit der Gitarre begleiten können. Das erfordert einiges an Vorbereitung. Dann gibt es aber natürlich auch Zeiten, in denen wir dem Programm «nur noch» den letzten Schliff geben und ich nichts Neues lernen muss. Dann habe ich zu Hause wenig vorzubereiten.

Was bedeutet Musik für Sie? Was löst sie bei Ihnen aus?
Musik und im Besonderen das Singen bedeuten mir sehr viel. Allerdings muss ich gestehen, dass ich zu Hause relativ selten Musik höre, da ich es neben meiner Tätigkeit in der Schule einfach geniesse, wenn es um mich herum einmal ruhig ist. Sobald mein Mann ins Haus kommt, läuft dann aber immer Musik. Mit dem Singen ist es so, dass es mich immer beruhigt, es reinigt mich irgendwie innerlich und gibt mir ganz einfach ein gutes Gefühl. Ich habe auch oft in der Schule gemerkt, dass die Kinder aufnahmebereit und geerdet sind, nachdem wir unsere obligaten zwei Lieder gesungen haben.

Wann entdeckten Sie die Leidenschaft fürs Singen?
Wir haben in unserer Familie schon immer gesungen. Als ich ein Kind war, haben wir uns längere Autofahrten mit gemeinsamen Liedern verkürzt. Am schönsten war es, wenn mein Vater eines seiner lustigen Lumpenliedchen gesungen hat. Das fanden wir supertoll. Diese Tradition haben wir mit unserer Familie fortgesetzt. Wir haben zwar nicht oft im Auto gesungen, da haben wir, ebenso wie die meisten anderen Familien, aufs Tonbändli und später CDs gesetzt. Aber wir haben jeden Abend ausgedehnt Gute-Nacht-Lieder gesungen. Ich habe dazu jeweils Gitarre gespielt und mein Mann hat uns mit der Querflöte unterstützt. Das ging so weit, dass wir in den Sommerferien auf dem Zeltplatz im Tessin jeden Abend von 21.30 bis 22.00 Uhr mit allen Kindern, die gerade anwesend waren, eine halbe Stunde lang gesungen haben, bevor sie sich dann zufrieden ins Bett verzogen. Das war lange Zeit ein fester Bestandteil unserer Zeltferien.

Wie viele Kinder- und Jugendliche gehen derzeit in den Kinder- und Jugendchor? Ist es auch für Kinder- und Jugendliche ausserhalb von Bauma möglich, den Chor zu besuchen?
Im Gesamten besuchen aktuell 71 Kinder den Kinder- und Jugendchor. 25 Kinder gehören zum Kinder- und 46 zum Jugendchor eins und zwei. Die allermeisten Kinder sind natürlich aus Bauma und Saland. Wir haben aber auch einige aus Fischenthal, Steg und Gibswil. Selbstverständlich ist jedes Kind bei uns willkommen, egal wo es wohnt. Wichtig ist doch vor allem, dass es Freude am Singen hat. 

Den Chor leiten Sie mittlerweile seit 21 Jahren; wie lange gedenken Sie diesen noch zu leiten?
Ja, das ist die grosse Frage. Ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Ursprünglich wollte ich mich letztes Jahr mit dem 20-Jahr-Jubiläum verabschieden. Im Moment läuft es aber sehr gut und da sehe ich keinen Grund zum Aufhören. Es gab natürlich schon Zeiten, in denen es mich viel Kraft gekostet hat, weil die Jugendlichen nur unwillig mitgemacht und viel lieber geschwatzt haben. Heute sind wir –mein Mann und ich – sehr zufrieden mit den Chorproben und der Beteiligung der Jungs und Mädels und da macht es halt wirklich Freude. Ah, wenn ich gerade von meinem Mann spreche, seit einigen Jahren ist er von der MZO als Assistent angestellt und begleitet mich zu zwei der drei Chorproben. Das erleichtert mir die Arbeit sehr, denn er hilft mir einerseits beim Einhalten der Disziplin und beim Jugendchor unterstützt er die tiefste Stimme.

Gesungen wird bei Ihnen Pop, Rock, Schlager, Gospel, Afro, Kanon, aber auch Lumpen- und Kinderlieder; gibt es Genres oder spezielle Lieder, welche bevorzugt und vermehrt gesungen werden?
Im Moment befassen wir uns im Jugendchor mit Songs aus der deutschen Pop- und Rock-Szene. Das macht extrem Spass. Die Texte sind viel einfacher zu lernen und die meisten Kinder kennen die Songs bereits und lernen dann ihre Stimme recht schnell. Da hört man Ausrufe wie: «Ou, min Papi findet die Toten Hosen au mega cool!», und das hilft natürlich mit, dass ein Lied sehr schnell gut klingt, weil die Grundeinstellung total positiv ist. Aber ehrlich gesagt, habe ich auch schon zu hören bekommen: «Chömer nöd emal echli öppis Moderners lehre? Wüssed Sie, Ihri Lieder sind scho schön, aber …» Man muss immer am Puls der Zeit bleiben und neue Literatur suchen. Mit den Kindern im Kinderchor singen wir einfach Kinderlieder. Auch da bin ich natürlich dauernd auf der Suche, damit unsere langjährigen Konzertbesucher immer mal wieder etwas Neues zu hören bekommen.

Was sind die nächsten grösseren Projekte, die für den Chor anstehen?
Als Nächstes steht das Konzert beim FC Bauma an. Der Klub feiert im Juni seinen 70. Geburtstag. Da sind wir für einen circa einstündigen Auftritt eingeladen. Er wird am Samstag, den 23. Juni um 15.00 Uhr, im Zelt auf der Schwendiwiese in Bauma stattfinden. Dann singen wir wie immer am Sonntag, 19. August, im Gottesdienst zum Schuljahresanfang, allerdings ausschliesslich mit den Kindern vom Kinderchor. Und was auch nicht fehlen darf, ist das Konzert am Singing Christmas Tree in Zürich. Das wird dieses Jahr am Samstag, den 15. Dezember um 17.30 und 18.30 Uhr stattfinden. Etwas wurde nun gar nicht angesprochen. Seit 21 Jahren wird unser Chor durch eine coole Band unterstützt. Momentan spielen unsere acht Musiker Geige, Saxophon, Querflöte, Klavier, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Die Musiker sind zum Teil ehemalige Sängerinnen und Sänger, oder Eltern von ehemaligen Sängern, oder ganz einfach Freunde des Hauses. Einmal im Monat treffen wir uns zum gemeinsamen Üben. Nach zwei Stunden Probe setzen wir uns dann gemütlich zusammen, um auch die gegenseitige Freundschaft zu pflegen. Zusammen mit dem Chor wird bis auf die Hauptprobe nie geübt. Trotzdem klappt die Zusammenarbeit an den Konzerten immer wunderbar. Ich bin diesen Musikern sehr dankbar, dass sie bereit sind ihre Freizeit für uns zu opfern, denn sie peppen unseren Gesang auf.