Wie weit darf Mann gehen?

Kurz vor Silvester trat Roman Kilchsperger in seiner Sendung in ein Fettnäpfchen. Er fragte beim Spiel «Top Secret» den Kandidaten, welches der drei aufgeführten Models den grössten Brustumfang habe. Umgehend empörten sich Feministinnen über diese Frage. Die JUSO forderte eine Entschuldigung. Die Präsidentin der Jungpartei bot an, Kilchsperger könne einen Kurs ihrer Partei für Männer besuchen, der «How not to be a sexist ass****» heisse.

Mit der Sendung wurde eine Debatte wieder angeheizt, die schon seit Monaten im Gange ist. Ausgehend von den USA erzählten Frauen in den sozialen Medien unter dem Hashtag «Metoo» von sexuellen Belästigungen und Übergriffen, die sie erdulden mussten. Auch in der Schweiz äusserten sich Parlamentarierinnen zum Thema. So gab die SP-Nationalrätin Mattea Meyer gegenüber den Medien an, sogar im Bundeshaus bleibe sie nicht von sexistischen Sprüchen verschont. Insbesondere von Männern aus dem rechten Lager bekomme sie Kommentare zu hören wie: «Heute bist du aber nett angezogen», oder sie werde als «hübsch» und «charmant» bezeichnet. In Schweden führte die Debatte zu den bisher weitreichendsten Konsequenzen. Die Regierung verabschiedete eine Gesetzesänderung, das sogenannte Einwilligungsgesetz. Damit sollen sexuelle Handlungen unter Strafe gestellt werden, die nicht erwiesenermassen auf Freiwilligkeit basieren. Unklar bleibt, wie bewiesen werden kann, was unter den Partnern vereinbart wurde. Selbst die Regierung glaubt daher nicht, dass das Gesetz zu mehr Verurteilungen führen wird. Das sei jedoch auch nicht das Ziel der Reform. Dieses bestehe darin, ein neues Kapitel in Sachen Gleichstellung zu öffnen und die Einstellung der Männer zu verändern, meinte die Vize-Regierungschefin.

Sexuelle Übergriffe sind etwas vom Schlimmsten und können für die Opfer weitreichende Folgen nach sich ziehen. Oft leiden die Betroffenen jahrelang darunter und bekunden Mühe, gesunde Beziehungen aufzubauen. Es ist daher durchaus begrüssenswert, wenn darüber in der Öffentlichkeit diskutiert und die Bevölkerung auf das Thema sensibilisiert wird. Auch gegen strenge gesetzliche Bestimmungen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Zurzeit stellt sich für mich jedoch die Frage, wie berechtigt die Reaktionen und Diskussionen sind.

Meiner Ansicht nach hat die Frage, welches Model über den grössten Brustumfang verfügt, nichts Sexistisches an sich. Die Frage ist vielleicht unpassend. Doch der Beruf eines Models besteht darin, sich selbst zu vermarkten. Die Körpermasse sind für die Vermarktung entscheidend, übrigens auch bei männlichen Models. Aus diesem Grund werden sie offen publiziert. Dass in einer Quizsendung danach gefragt wird, ist daher in meinen Augen nicht dramatisch. Auch in Bemerkungen wie «Du bist heute aber nett angezogen» kann ich nichts Anstössiges entdecken. Genau so wenig wie in den Bezeichnungen «charmant» und «hübsch». Natürlich sind diese Komplimente grösstenteils auf das Aussehen bezogen. Das genügt doch aber noch lange nicht, um als sexistisch zu gelten. In einer Gesellschaft muss es erlaubt sein, unverfängliche Komplimente auszutauschen. Niemand kann oder muss damit rechnen, dass das Gegenüber sich durch eine solche Bemerkung sexuell belästigt fühlt.

Ich kann nicht nachvollziehen, wie Nationalrätin Meyer solche Bemerkungen als Beispiele für Sexismus nennen kann. Damit banalisiert sie ein Thema, das gerade nicht kleingeredet werden sollte und hilft damit den Opfern von wirklichen Übergriffen ganz bestimmt nicht. Auch die Verabschiedung von symbolischen Gesetzen, bei denen von Beginn weg klar ist, dass sie aufgrund mangelnder Beweisbarkeit wohl nie zur Anwendung kommen, ist wenig hilfreich. Es ist mir schleierhaft, inwiefern damit die Gleichstellung gefördert werden sollte. Störend bei der ganzen Debatte ist zudem, dass sie völlig einseitig geführt wird.

Die Statistik zeigt, dass meistens Frauen von sexuellen Übergriffen betroffen sind. Das heisst aber nicht, dass Männer nicht auch unter Sexismus zu leiden hätten. Viele fühlen sich unter Generalverdacht gestellt, was ich gut nachvollziehen kann. Wieso beispielsweise richtet sich der von der JUSO propagierte Kurs gezielt an Männer? Ist es nicht sexistisch von Nationalrätin Meyer, hinter der Bemerkung, sie sei charmant, eine Anzüglichkeit zu vermuten? Bekannte von mir, die den Lehrerberuf ausüben, führen aus Prinzip nie Einzelgespräche mit Schülern bei geschlossener Tür. Zu gross ist die Gefahr, dass plötzlich falsche Anschuldigungen erhoben werden könnten. Glauben Sie, eine Frau müsste solche Vorsichtsmassnahmen ergreifen? Auch in Sachen Gleichstellung gäbe es durchaus Bereiche, in denen Männer Forderungen stellen könnten. Frauen müssen weder Militärdienst noch einen Ersatz dafür leisten. Ich bin zwar froh, dass ich davon profitieren konnte. Doch ist das mit einer strikten Gleichstellung eigentlich noch vereinbar?

Es ist wichtig, Debatten über solch heikle Themen zu führen. Doch würde ich erwarten, dass sachlich und umfassend diskutiert wird. Zurzeit wird das Thema meiner Ansicht nach völlig einseitig beleuchtet. Jedes noch so kleine Vorkommnis wird unnötig aufgebauscht. Damit ist niemandem gedient, am allerwenigsten den wahren Opfern. Gerade diejenigen, die so auf Gleichstellung pochen, sollten zuerst bei sich selbst ansetzen. Gleichstellung bedeutet nicht, immer die eigenen Forderungen und Wahrnehmungen durchzusetzen, sondern auch die Sichtweise anderer wahrzunehmen. Da hat nicht nur Mann noch etwas zu lernen.