Wie berechenbar sind wir eigentlich? 

Heute von Werner Knecht

Was ist von uns Menschen zu erwarten? Sind wir bezüglich unseres Verhaltens voraussehbar und damit ein abschätzbares Risiko? Die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen dem psychischen, dem emotionalen, dem kognitiven und dem sozialen Bereich verunmöglichten es bisher, das Verhalten eines Individuums präzise zu prognostizieren. Glaubte man zumindest; doch nun präsentieren europäische Wissenschaftler die passenden Werkzeuge dafür. Stolz verweisen sie darauf, dass es durch die nun mögliche Berechnung von Szenarien zu erhöhter Sicherheit beispielsweise bei Grossveranstaltungen kommt, und sich damit mögliche Evakuierungen besser als bisher durchführen lassen. Auch bei Terroranschlägen könnte dies helfen und den Schaden zumindest reduzieren.

Tatsächlich sind Menschen berechenbarer, wenn sie nicht als Individuen, sondern als Teil einer Menschenmenge auftreten, beispielsweise im Strassenverkehr, in sozialen Netzwerken oder auf Grossveranstaltungen. Doch weshalb dieses unterschiedliche Verhalten? «Als Masse verhalten sich Menschen durchaus wie Teilchen von Flüssigkeiten oder Gasen», kommentiert Massimo Fornasier, Inhaber des Lehrstuhls für Angewandte Numerische Analyse der Technischen Universität München (TUM). Und verweist darauf, dass man in der Physik nicht die genauen Eigenschaften jedes einzelnen Teilchens kennen müsse, um die Bewegungsrichtung grosser Mengen von Gasmolekülen recht präzise berechnen zu können. Die Kenntnis durchschnittlicher Eigenschaften genüge durchaus.

Daraus zieht Fornasier Parallelen zu strömenden Menschenmassen, Schwärmen von Tieren und interagierenden Robotern. Denn er erkennt – analog zu den Anziehungskräften zwischen Molekülen eines Gases – generalisierte Verhaltensmuster als wechselseitige Kräfte zwischen einzelnen Agenten, die man dann in mathematischen Gleichungen abbildet. Tatsächlich erstaunen die mathematischen Gesetzmässigkeiten. Denn auf der Grundlage beobachteter Daten über die Dynamik lassen sich präzise mathematische Modelle für bestimmte, einfach anmutende Gruppeninteraktionen quasi automatisch herstellen. Mathematische Algorithmen weisen also den Weg.

Dank Computersimulationen kann man naheliegende kollektive Verhaltensmuster von vielen, sich gegenseitig beeinflussenden Individuen in einer aktuellen Situation beschreiben. Als nächster Schritt ergeben sich Vorhersagen über künftiges Verhalten und damit die Chance einer Gruppensteuerung. Das Forscherteam unter Leitung von Professor Fornasier bewies dies in einem Experiment, bei welchem zwei Gruppen von etwa 40 Studierenden den Auftrag hatten, innerhalb eines Gebäudes ein bestimmtes Ziel zu suchen. In der einen Gruppe wurden zwei informierte Agenten versteckt, die sich nicht zu erkennen geben durften. Durch ihr zügiges Einschlagen einer vorgegebenen Richtung steuerten sie ihre Gruppe jedoch genau an den gewünschten Punkt. Daraus folgerten die Wissenschaftler, dass es nur einen geringen Aufwand braucht für die Übernahme der Kon-trolle in selbstorganisierenden Systemen, zu denen auch Gruppen von Individuen gehören. Darüber hinaus zeigte das Experiment, dass die Ergebnisse auch für grosse Gruppen zutreffen.
So genügen offensichtlich pro hundert Menschen zwei bis drei solcher Agenten.

Mit Hilfe der mathematischen Modelle in einer völlig abstrakten Umgebung lassen sie sich leicht an verschiedene Situationen anpassen. Basierend darauf ergeben sich effiziente Möglichkeiten, grosse Menschenmassen ohne gefährliche Ballungen durch Gebäude zu leiten oder Menschen aus heiklen Situationen zu evakuieren. Selbst das Verhalten von Investoren auf den Finanzmärkten lässt sich präventiv abschätzen; dort entstehen durch genau abgestimmte Aktivitäten grosser Investoren erhebliche Marktbewegungen. Das Gleiche gilt übrigens auch für die Meinungsbildung innerhalb einer Gruppe, ist diese doch das Resultat gegenseitiger Interaktion. Die am Versuch beteiligten Mathematiker zeigten anhand ihrer Modelle, dass es am effizientesten ist, sich auf die radikalsten Vertreter einer Auffassung zu konzentrieren. Gelingt es, diese zu überzeugen, macht die ganze Gruppe mit.

Allerdings gibt es auch Grenzen betreffend Vorhersagen. Das Münchner Forscherteam räumt ein, dass nicht alle Typen von Dynamik und nicht alle Situationen leicht voraussehbar sind. Am berechenbarsten sei die enorme Vielzahl möglicher Wechselwirkungen von Agenten in Gruppen dann, wenn man deren Anzahl auf wenige sinnvoll reduzieren könne. Naheliegenderweise funktionieren Vorhersagen am besten beim Vorliegen generalisierter Verhaltensmuster. Hingegen gerät das Ganze ausser Kontrolle, wenn es zu konkurrierenden Wechselwirkungskräften und überschiessender Energie einzelner Agenten kommt, die die andern übertrumpfen und die Aktion an sich reissen. Einfache, sporadische Kontrolleingriffe sind dann nicht mehr möglich. Daran denkt man unwillkürlich beim Blick aufs politische Parkett, wo einzelne Akteure andere überrumpeln, skrupellos an die Wand spielen – und sich dann als «Retter der Demokratie» aufplustern.

Der im Zürcher Oberland wohnhafte Autor war langjähriger Chefredaktor der CoopZeitung und Dozent für Kommunikationswissenschaften. Er arbeitet als Publizist und Journalist für mehrere Medientitel.