Wer hat Angst vor emotionaler Intelligenz? 

Wie so oft im Leben kommt es auf die Lesart und die aktuelle Gemütsverfassung an. Deshalb lässt uns die Künstliche Intelligenz (KI) entweder träumen, erschaudern oder beides gleichzeitig. Laut dem schwedischen KI-Experten Nick Bostrom birgt der Übergang zu superintelligenten Maschinen zwar die Chance, dass wir langfristig nicht mehr für Geld arbeiten müssen, doch diese Aussicht wird vergällt durch die an den Transformationsprozess gekoppelten existentiellen Risiken, dass uns die Kontrolle über die Supermaschinen entgleitet und wir unfähig zu deren ausschliesslichem Einsatz im Dienst der Menschheit sind. Eine der Vorstufen dieses ungemütlichen Szenarios wird meistens als Hirngespinst abgetan und belächelt – nämlich die soziale Interaktion zwischen Mensch und KI-basiertem Computersystem –, doch sie scheint kurz vor dem Durchbruch zu stehen.

Denn Forscher der russischen, 1942 gegründeten National Nuclear University (MEPhI) melden die bahnbrechende Entwicklung des ersten Computersystems, das laut ihren Angaben Emotionen lesen und zum Ausdruck bringen kann. Das «Virtual Actor» genannte Programm verfügt laut MEPhI sowohl über eine narrative als auch eine emotionale Intelligenz und «versteht» die Umgebung wie auch den Kontext, in dem sich die Dinge abspielen und entwickeln. Bereits in anderthalb Jahren, so die Schalmeienklänge, soll das emotionale System Künstlicher Intelligenz Realität sein. Wie Alexei Samsonovich, Professor des Cybernetics Department an der MEPhI, erklärt, versuchen die Wissenschaftler in der verbleibenden Zeit, die Prinzipien der natürlichen Intelligenz, also der Basis des menschlichen Gehirns, auf einen Computer zu übertragen. Ziel sei ein gegenseitiges Verständnis zwischen Mensch und Maschine.

Von Anfang an ging es um die Erschaffung eines virtuellen Akteurs in Form eines Computerspiels. Dieser «Virtual Actor» interagiert mit Menschen, indem er Figuren auf einem Display kontrolliert und auf der Basis menschlicher emotionaler Handlungen eine soziale Interaktion herbeiführt. Wie die Forscher betonen, basiert der von ihnen angestrebte Fortschritt weder auf der Programmierung noch auf maschinellem Lesen, denn das System lerne und entwickle sich wie eine denkende Person. Es müsse vor allem in der Lage sein, sich Ziele zu setzen, diese zu erreichen sowie Fragen zu stellen und von sich aus aktiv nach Antworten zu suchen.

Dass andere Fachleute sich eher kritisch äussern, liegt auf der Hand. So erklärt beispielsweise der auf nonverbale Kommunikation und emotionale Intelligenz spezialisierte Dirk Eilert, ein zur Emotionen-Simulierung fähiger Computer lasse sich zwar leicht auf entsprechende Trigger programmieren. Entscheidend jedoch sei die Programmierbarkeit auch auf Werte und Glaubenssätze, könne er doch nur so Erlebnisse in deren Bedeutung erfassen und adäquat darauf antworten. «Denn letztendlich reagieren wir mit unseren Emotionen nicht auf die tatsächliche Aussenwelt, sondern auf unsere meist unbewusste Interpretation davon.»

Die konkrete Wahrnehmung eigener und fremder Gefühle, deren Verstehen und Beeinflussung sind immer noch weitgehend unerforscht. Zwar sind die qualitativen Merkmale der emotionalen Intelligenz (EQ) – Selbstwahrnehmung, Selbstregulierung, Motivation, Empathie, soziale Fähigkeiten und Kompetenzen – festgelegt, doch der Hauptvorwurf an die EQ geht dahin, dass sie sich an den testtheoretisch solide abgestützten IQ, dem Intelligenztest als Instrument der psychologischen Diagnostik, anlehnt und Wissenschaftlichkeit nur vortäusche.

Wesentlich glaubwürdiger wirkt denn auch eine andere aktuelle Meldung aus dem Forschungsbereich, nämlich die Lokalisierung genau definierter Neuronen, die das Trinkverhalten beeinflussen und somit gegen Alkoholmissbrauch eingesetzt werden können. Wissenschaftler des Texas A&M Health Science Center College of Medicine haben nämlich Neuronen eruiert, die nach entsprechender Aktivierung via Gehirn das Signal zur Einstellung des Alkoholkonsums geben. Laut den in «Biological Psychiatry» publizierten Untersuchungsergebnissen fand das Forscherteam heraus, dass Alkoholkonsum die Struktur und Funktionsweise von Neuronen im Grosshirn verändert. Die Aktivierung des dort vorhandenen Neuronentyps D1 sorgte während der Untersuchung dafür, dass eine Testperson nach dem ersten alkoholhaltigen Drink einen zweiten verlangte. Gemäss Untersuchungsbericht signalisieren D1-Neuronen dem Gehirn ein «Weitermachen», während der Typ D2 ein «Stopp-Signal» auslöst.

Die Anwendung dieses Effekts via aktivierte D2-Neuronen könnte zur Eindämmung des Suchtproblems beitragen. D2 neigt nach zu viel Alkoholkonsum allerdings zur Selbst-Deaktivierung, aber es gelang den texanischen Wissenschaftlern, dieses natürliche Phänomen durch gezielte D2-Aktivierung auszuhebeln.

Man darf deshalb gespannt sein, ob und wie die neue Neuronenwaffe eingesetzt werden kann, denn der Alkoholmissbrauch verursacht immense materielle und immaterielle Schäden, deren Reduktion im Interesse aller liegt.

Der im Zürcher Oberland wohnhafte Autor war langjähriger Chefredaktor der Coop-Zeitung und Dozent für Kommunikationswissenschaften. Er arbeitet als Publizist und Journalist für mehrere Medientitel.