Wechsel in «Tanne» erfreut nicht alle

Neu wird die Gemeindeversammlung von Bauma im Gasthaus zur Tanne und nicht mehr in der reformierten Kirche abgehalten (Foto: hug)

Die Gemeindeversammlung Bauma wird neu im Saal des Gasthauses zur Tanne stattfinden. Nicht alle sind über diesen Entscheid erfreut.

Eine Mitteilung des Gemeinderates vor rund drei Wochen mutete harmlos an: «Der Gemeinderat möchte eine neue Tradition begründen und zukünftig die Gemeindeversammlungen im Tannensaal des Gasthauses zur Tanne durchführen.» Er verspreche sich durch diesen Wechsel eine bessere Bekanntheit des gemeindeeigenen Gasthauses namentlich bei Neuzuzügern, eine Steigerung dessen Attraktivität und ausserdem eine leichte Zunahme der Zahl der Versammlungsteilnehmenden. «Durch die Verlegung an einen nicht sakralen Ort sollen auch vermehrt Stimmberechtigte, die nicht der evangelisch-reformierten Landeskirche angehören, angesprochen und der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft Rechnung getragen werden», war in der Mitteilung des Gemeinderates weiter zu lesen.

«Tanne» ist schlechtere Lösung

Nicht alle, sind über diesen Wechsel erfreut, so zum Beispiel Marianne Schoch. Sie ist Aktuarin der örtlichen EVP und kritisierte den Entscheid in einem Leserbrief. Zwar sei der «Tanne»-Saal sicher ein schöner Ort; für Gemeindeversammlungen von der Grösse und Infrastruktur her jedoch ungeeignet. «Wenn viele Leute anwesend sind, ist er zu klein», sagt Schoch auf Nachfrage des «Tößthalers». Ausserdem müsse die Infrastruktur bereitgestellt werden. In der Kirche sei im Gegensatz viel Platz. Mikrofon, Leinwand und so weiter stünden jederzeit bereit. Und Leute, die nicht stimmberechtigt seien, nehmen auf der Empore Platz, was für klare Verhältnisse sorge.

Zudem könne die Politische Gemeinde die Kirche gratis benützen. Das heisst, die Reformierte Kirchgemeinde bezahlt die Kosten zum Beispiel für den Sigrist und die Heizung. Letztlich habe sie auch noch nie von jemanden gehört, dass er die Gemeindeversammlung nicht besuche, weil diese in einer Kirche stattfindet. «Es darf auch vorausgesetzt werden, dass eine säkularisierte Gesellschaft, die sich rühmt, tolerant und offen zu sein, eine Versammlung in einer Kirche abhalten kann.» Schochs Fazit: Es bestehe keine Notwendigkeit, die Gemeindeversammlung in die «Tanne» zu verlegen, weil es sich dabei «um eine schlechtere Lösung handelt».

Auch die evangelisch-reformierte Kirchenpflege bedauert den Entscheid des Gemeinderates «sehr». Deren Präsident Stephan Reiser findet, dass die Gemeindeversammlungen in der reformierten Kirche immer in würdigem Rahmen und mit sehr guter Infrastruktur durchgeführt werden konnte. Und: «Die Begründungen, den Durchführungsort in den Gasthof Tanne zu verlegen, kann die Kirchenpflege nur teilweise nachvollziehen». Es möge zwar sein, dass eine verschwindend kleine Minderheit tatsächlich wegen dem Durchführungsort in einer Kirche nicht an der Gemeindeversammlung teilgenommen hat. «Ich gewichte aber die allgemeine politische Gleichgültigkeit höher und gehe nicht davon aus, dass durch den Wechsel des Durchführungsortes spürbar mehr Stimmbürger an den Versammlungen der Politischen Gemeinde teilnehmen werden.»

Leistungsfähige Heizung

Reiser wurde bereits diesen Frühling von Gemeindepräsident Andreas Sudler informiert, dass der Gemeinderat eine Verlegung des Durchführungsortes diskutiert. Anfang September wurde ihm dann der Entscheid des Wechsels mitgeteilt. «Ich habe ihm bereits damals unsere Kirche weiterhin als Versammlungsort empfohlen», so Reiser. Und auch weiterhin werde die Kirchentüre für die Durchführung der Gemeindeversammlungen offen stehen.

Dass dieser Fall durchaus eintreffen könnte, bestätigt Gemeindepräsident Andreas Sudler auf Anfrage: «Der Gemeinderat würde, wenn aufgrund der traktandierten Geschäfte ein sehr grosser Besucheransturm zu erwarten ist, die Gemeindeversammlung in die Kirche oder allenfalls in die Turnhalle Altlandenberg verlegen.» Ebenso kontert er die Kritik von Schoch: «Der ‹Tanne›-Saal wurde seinerzeit genau für Anlässe wie die Gemeindeversammlung konzipiert. Er verfügt dafür über die nötige Infrastruktur, und, anders als die Kirche, auch über eine leistungsfähige Heizung.» Nicht stimmberechtigte Besucher hätten wie in anderen Gemeinden in einem klar abgegrenzten Besucherblock Platz zu nehmen. Zwar habe auch er nie von jemanden gehört, der die Gemeindeversammlung nicht besuche, weil diese in einer Kirche stattfinde. Er habe aber auch nie jemanden danach gefragt. «Ich bin der Meinung, dass Kirche und Politik in räumlicher Hinsicht entflochten werden sollten», so der Gemeindepräsident.

Gemeinde soll «Tanne» verkaufen

Dass die Attraktivität der «Tanne» gesteigert werden soll, führt auch zur Frage nach der langfristigen Strategie des Gemeinderates in Bezug auf das gemeindeeigene Gasthaus. Der Betrieb eines Gasthauses gehöre nicht zu den Kernaufgaben einer Gemeinde, so Sudler. Aufgrund früherer Entscheide sei die «Tanne» nun aber im Eigentum der Gemeinde. «Es gilt, das Bestmögliche daraus zu machen.»

Gemäss Sudler hängen die jährlichen Netto-Aufwendungen der Gemeinde für die «Tanne» stark davon ab, ob Kosten für Unterhalt oder Erneuerungen anstehen. Im letzten Jahr waren es Netto-Aufwendungen von rund 20’000, in den Jahren davor zwischen rund 60’000 und 100’000 Franken. «Das Gasthaus ist für die Gemeinde nicht eine Investition, die Rendite abwerfen muss», so der Gemeindepräsident. Und für die kleineren Vereine, die keine Dreifachturnhalle füllen können, hat der «Tannen»-Saal ausserdem eine ideale Grösse.

Werner Berger, Präsident der IG pro Bauma, sieht das anders. Bezüglich Saal werde oft auf ein Anliegen der Vereine vor rund 25 Jahren verwiesen. «Die Zeiten haben sich geändert.» Für ihn macht es überhaupt keinen Sinn, dass die Gemeinde über ein Gasthaus verfügt. «Ich befürworte die freie Marktwirtschaft.» Die «Tanne» hätte vor Jahrzehnten einen ausgezeichneten Ruf im ganzen Zürcher Oberland gehabt. Aus verschiedenen Gründen kam es dann zu zahlreichen Wechseln und sie stand auch zum Teil sehr lange leer. «Dies mag dazu geführt haben, dass die Pacht sehr günstig ist. Dies verzerrt natürlich den Wettbewerb und ich verstehe voll und ganz, wenn sich die anderen Wirte hier klar benachteiligt fühlen», sagt Berger. Ausserdem koste die «Tanne» die Gemeinde Geld. Am liebsten wäre der IG pro Bauma eine kurzfristige Lösung und zwar der Verkauf der Liegenschaft. «Der Käufer soll entscheiden, ob er immer noch ein Gasthaus mit Saal führen will oder ob eine Umnutzung wirtschaftlicher wäre», so der IG-Präsident.

Derzeit wird durch den Gemeinderat eine Liegenschaftenstrategie ausgearbeitet. Deren Resultat werde zeigen, welche Liegenschaften, allenfalls auch mit Blick auf neue zukünftige Nutzungen, langfristig im Bestand der Gemeinde bleiben sollen, sagt Sudler. «Schade wäre es aber, wenn die Gemeinde nach einem Verkauf ein weiteres Restaurant verlieren würde.» Ausserdem werde der Gastwirtschaftsbetrieb in der «Tanne» nicht subventioniert. «Die Pächter bezahlen fristgerecht und zuverlässig die im Pachtvertrag vereinbarte Miete, was in der Vergangenheit nicht selbstverständlich war. Die Gemeinde nimmt auf die Führung des Restaurants oder auf die Preispolitik keinen Einfluss», erklärt der Gemeindepräsident.

Am Montag jeweils offen

Jedenfalls wird die «Tanne» neu an den Terminen der jährlich geplanten vier Gemeindeversammlungen geöffnet sein. Diese finden auch nächstes Jahr jeweils an einem Montag statt, an dem die «Tanne» eigentlich jeweils geschlossen ist. Dies sei mit den Wirtsleuten so abgesprochen, sagt Andreas Sudler.

Änderungen ergeben sich durch den Wechsel in die «Tanne» auch für die evangelisch-reformierten Kirchgemeindeversammlungen, die bis anhin nach den Versammlungen der Politischen Gemeinde stattfanden. «Wir bleiben in unserer Kirche», sagt Stephan Reiser. Künftig wird die Kirche ihre Versammlungen zeitnah zu denjenigen der Politischen Gemeinde jeweils am Sonntag im Anschluss an den Gottesdienst abhalten. In den letzten Jahren nahmen im Durchschnitt etwa 30 bis 40 Mitglieder an den Kirchgemeindeversammlungen teil. Reiser geht davon aus, dass es neu eher mehr sein werden. «Unsere Gottesdienste sind gut besucht und viele werden künftig auch der anschliessenden Kirchgemeindeversammlung beiwohnen», ist er überzeugt.

Rolf Hug
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