«Warum ist dem Umdenken kein Handeln gefolgt?»

Hans Steiger: «Mit dem Naturpark würde die Natur kaum gefördert, sondern nur vermarktet.» (Foto: ww)

Über acht Jahre engagierte sich Hans Steiger im Kantonsrat und dann vier Jahre im Nationalrat. Der politische Schwerpunkt lag beim Umweltschutz. Das Bewusstsein für diese Thematik habe sich zwar verstärkt, aber dem Umdenken sei kein Handeln gefolgt, stellt er heute resigniert fest.

Hans Steiger kämpfte fast zwei Jahrzehnte gegen den Autobahnbau im Knonauer Amt. Als er verlor und der Baubeginn der heutigen A4 in Sicht kam, suchte er einen neuen Ort. So stieg er eines Tages auf eine Anhöhe oberhalb von Steg in der Gemeinde Fischenthal, um eine angebotene Wohnung zu besichtigen. «Da entdeckte ich am Wegrand vier Morcheln», schwärmt er, der begeisterte Pilzsammler, noch heute. Sofort sei es für ihn klar gewesen, dass dies ein guter Ort sei und er zog in das alte Bauernhaus im Eggli ein.

Das war vor 18 Jahren. Inzwischen ist das Tösstal zu seiner neuen Heimat geworden. Mit seiner Partnerin Susi freut er sich an der natürlichen Umgebung und dem prachtvollen Garten, der auch ein erhebliches Mass an Selbstversorgung ermöglicht.

Konsequente Umweltpolitik 

Der Auszug aus dem Knonauer Amt war eine Zäsur in seinem Leben. Der in Horgen aufgewachsene Buchhändler hatte im Säuliamt seine politische und soziale Heimat gefunden. Hier engagierte er sich als junger Sozialdemokrat früh für den Umweltschutz und wurde 1983 in den Kantonsrat gewählt. Dort setzte er die Opposition gegen den Bau der N4 im Säuliamt und den Üetlibergtunnel fort. Mit seiner konsequenten Haltung gegen einen weiteren Strassenausbau eckte er nicht nur in bürgerlichen Kreisen, sondern teilweise auch in der eigenen Partei an.

In seiner Kantonsratszeit habe er wertvolle Erfahrungen gesammelt, sagt Hans Steiger. «Trotz vieler Niederlagen empfand ich die Arbeit als sinnvoll.» Immer wieder sei es gelungen, ökologischen Anliegen wenigstens teilweise zum Durchbruch zu verhelfen. Dies auch mit Unterstützung von Kantonsräten aus andern Lagern. Positiv erinnert er sich an die pragmatische Zusammenarbeit zumal in raumplanerischen Fragen. Sogar mit den damaligen Tösstaler Kantonsrat Edi Weilenmann (SVP) aus Hofstetten, auch «Donnerer vom Schauenberg» genannt, kam es gelegentlich zu einem Konsens.

Kurz nach der zweiten Wiederwahl ins Kantonsparlament wurde er 1991 überraschend in den Nationalrat gewählt. Doch hier fühlte er sich nie richtig wohl. «Den Kantonsrat erlebte ich als ernsthaft politisierendes Gremium, den Nationalrat eher als Schauspielhaus – und mich selbst darin als Fehlbesetzung.» 1995 verabschiedete er sich aus der Politik und zog vor der Jahrtausendwende ins Tösstal. «Ich konnte nicht mitansehen, wie das ländlich geprägte Säuliamt durch den Autobahnbau kaputt gemacht wurde.»

Erfolg und schmerzlichste Niederlage 

Fragt man ihn nach dem grössten Erfolg im politischen Wirken, so nennt er spontan die Annahme der Alpenschutzinitiative. Dass diese mit der späteren Zustimmung zur dritten Gotthard-Röhre torpediert worden sei, bedauert er sehr. Und sein grösster Misserfolg? «Dass es nicht gelungen ist, den Bau der N4 zu verhindern. Das ist meine schmerzlichste Niederlage. Wir konnten den grossen und falschen Trend in der Verkehrspolitik nicht stoppen.»

In den 1980er- und 90er-Jahren hatte Hans Steiger gespürt, dass in ökologischen Fragen ein gewisses Umdenken einsetzte. «Woran liegt es», fragt er sich seitdem immer wieder, «dass diesem Umdenken das notwendige Handeln nicht folgte?»

Aber noch vieles andere in der Politik macht ihm zu schaffen, zum Beispiel die Energiewende, die er nicht als echte Wende beurteilt, oder die Migrationspolitik, die sich an Schlagworten orientiere statt auf die Ursachen einzugehen.

Vorbehalte gegen Naturpark 

Aufmerksam, doch mit bewusst gewählter Distanz verfolgt er auch die lokale Politik. Als es um den Steuerfuss sowie die Sicherung der Gemeindefinanzen in Fischenthal ging, nahm es ihm, dem einstigen rhetorisch begabten Parlamentarier, fast den Ärmel wieder rein. «Ich konnte an der Gemeindeversammlung ganz einfach nicht schweigen», lacht er. «Aber das passierte mir nur zweimal.»

Da ihn das Tössbergland fasziniert, interessierte er sich für die kürzlich lancierte Idee zur Schaffung eines Naturparks im Zürcher Oberland. Er hätte sich hier sogar ein aktives Engagement vorstellen können. Als er die Projektstudie aber näher betrachtete, wandte er sich enttäuscht ab. «Da geht es nicht darum, die Natur zu erhalten oder zu fördern, sondern sie zu vermarkten.» Dabei müsste ein solches Vorhaben klar auf den Schutz der Natur ausgerichtet sein. Angesichts des bäuerlichen Widerstandes und der kritischen Haltung einiger Gemeinden gibt er dem Projekt ohnehin kaum Chancen.

Kritisch ist er auch gegenüber Gemeindefusionen. «Grundsätzlich bin ich für kleinräumige, überschaubare Strukturen» sagt er. «Aber wenn wir für die Ämter kaum mehr geeignete Leute finden, sind Anpassungen nicht zu umgehen.»

Angst vor dem Crash 

Obwohl er 1995 der aktiven Politik adieu sagte, ist er auch als 73-Jähriger noch ein durch und durch politischer Mensch. Zwar trat er aus der ihm einst sehr wichtigen Sozialdemokratischen Partei aus, engagiert sich aber journalistisch weiterhin im rotgrünen Spektrum. Heute setzt er sich hauptsächlich mit entsprechender Literatur auseinander.

Der Zukunft sieht er besorgt entgegen. «Generell finde ich es beschämend, das meine Politikgeneration eine schlechtere Weltsituation hinterlässt, zumindest in für mich zentralen Bereichen wie Ökologie, Nord-Süd-Gefälle und der Atomwaffenfrage.» Irgendwann, so fürchtet Hans Steiger, werden wir mit unserem Tun gegen die Wand fahren, wird es zum Crash kommen. «Und was dann passiert, macht Angst.»