Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Besonders auf Menschen im Seniorenalter haben es Telefonbetrüger abgesehen. (Foto: Sabine van Erp/pixabay)

Öfters, als man denkt, stauben Trickbetrüger unter perfiden Vorwänden gesamte Ersparnisse ab. Selber Opfer von einem Telefonbetrüger zu werden, ist kaum vorstellbar. An der Info-Veranstaltung der Kantonspolizei in Rikon wurden die Besucher jedoch hellhörig.

«Dass man mich am Telefon übers Ohr hauen würde, das kann ich mir nicht vorstellen», sagte Gemeinderat Bruno Vollmer. Das war die Einleitung seiner Ansprache im Engelburg-Saal, an der kürzlich von der Gemeinde organisierten Info-Veranstaltung der Kantonspolizei zum Thema Telefonbetrug. Die Anwesenden teilten Vollmers Annahme, und, so Rolf Decker von der Kapo Zürich, leider auch die Mehrheit der Bevölkerung. Gegen Ende des Anlasses hatte sich diese Meinung zumindest in Rikon doch bei einigen geändert.

Eine rasche Umfrage unter den Besucherinnen – anwesend waren hauptsächlich ältere Damen – zeigte, dass sie sich vor allerlei möglichen Gewaltdelikten fürchteten, aber keineswegs vor einem Anruf. Am Telefon von einer unbekannten Person derart veräppelt zu werden, dass man ihr sein gesamtes Vermögen aushändigt, scheint auf den ersten Blick aus der Luft gegriffen. Rolf Decker aber weiss: «Nachts alleine durch eine Unterführung zu gehen, macht vielen Angst, weshalb sie es vermeiden. Ohne Angst vor einer Situation, nimmt man sie nicht ernst, man passt nicht auf.»

Auf alt klingende Vornamen abgesehen

Die Zielgruppe der Betrüger ist vorwiegend betagt und weiblich, aber nicht nur. An die Telefonnummern kommen die Betrüger über den Telefonbucheintrag. Sie suchen nach alt klingenden Vornamen. Die Anrufe kommen meistens aus Polen, während hier die Komplizen stationiert sind, um das Geld abzuholen. Aus der Region Tösstal sind bei der Kapo von Januar 2018 bis heute 14 Meldungen über versuchte Telefonbetrüge eingegangen, unter anderem aus Zell, Turbenthal und Bauma. «Die Dunkelziffer liegt bei Faktor fünf», sagt Decker. «Das bedeutet, dass die Polizei in diesem Zeitraum von mindestens 70 Versuchen allein im Tösstal ausgeht.» Im gesamten Kanton gab es dieses Jahr 1330 gemeldete Betrugsversuche, 6835 ist die Dunkelziffer – 36 «glückten», die Schadenssumme beläuft sich für 2018 bereits auf rund 1,8 Millionen Franken. 2017 waren es im Kanton «nur» 19 vollendete Telefonbetrüge mit insgesamt 1,9 Millionen ergaunerten Franken. Ein besonders haarsträubender Fall ist der einer 81-Jährigen Frau. Ihr wurde Bargeld, Schmuck und Weiteres im Wert von 800’000 Franken gestohlen.

Vom Enkeltrick und von falschen Polizisten

Diese 81-jährige Frau wurde Opfer einer falschen Polizistin. Telefonisch stellen sich die Betrüger oder Betrügerinnen als Angehörige der Polizei vor und jagen den Betroffenen Angst um ihr Vermögen ein. Eine beliebte Geschichte ist hierbei, dass das Geld des Opfers auf der Bank nicht mehr sicher sei, weil ein krimineller Bank-Angestellter es darauf abgesehen habe. Andere erzählen von Verbrecher im Quartier; die Polizei habe Indizien gefunden, dass diese beim Opfer Zuhause einbrechen wollten. Das Opfer wird nun dazu gedrängt, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Es ist eine geheime Mission, das Opfer untersteht der Schweigepflicht, darf mit niemandem darüber reden, da es von allen Seiten beobachtet würde, und soll sein gesamtes Erspartes und alle Wertsachen jemandem übergeben. Die 81-jährige Frau erhielt während zwei Wochen regelmässig Anrufe, die Gespräche dauerten zum Teil Stunden, die Übergabe fand bei ihr zuhause statt. Erst als sie danach nichts mehr von den vermeintlichen Polizisten hörte, erstattete sie Anzeige.

Beim Enkeltrick erhalten die Opfer einen überraschenden Anruf eines Verwandten oder Bekannten, welcher allerdings nicht verrät, wer am Apparat ist. «Hallo, Überraschung! Rat mal wer da ist», sagt es am anderen Ende. Im Dilemma, eine geschätzte Person offenbar nicht zu erkennen, beginnen die Opfer mit heiterem Namen-Raten, wobei die Betrüger bloss «Richtig!» zu rufen brauchen. Erleichtert entspannt sich das Opfer und beginnt mit dem vermeintlichen Bekannten zu plaudern. Auch hier dauert es nicht lange, bis das Opfer um dringende Hilfe gebeten wird. Es soll dem Bekannten rasch Geld borgen – alles, was da ist – und ja niemandem davon erzählen.

Die Betrüger lassen sich immer wieder neue Geschichten einfallen. Neuerdings geben sie sich auch als Beamte aus. Auf dem Telefondisplay erscheint die Hauptrufnummer der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich, wobei es sich um eine technische Manipulation handelt, sogenanntes Spoofing. Auch die Hauptrufnummer der Kantonspolizei kann so dem Opfer vorgegaukelt werden.

Die Stimmen der Täter sind freundlich

Rolf Decker spielt den noch immer skeptischen Besuchern einige Tonaufnahmen vor, welche reale Betrugsversuche wiedergeben. Gehörtes wirkt ernüchternd. So absurd sich die Tricks in der Theorie anhören, so offensichtlich wird bei diesen Aufnahmen, weshalb sie funktionieren: Die Stimmen der Täter sind freundlich, die falsche Polizistin pocht auf Dringlichkeit und weist vermehrt auf die Gefahr hin. Der «Bekannte», der von seinem Opfer in Wahrheit nicht das Geringste weiss, wiederholt systematisch was dieses sagt und vermittelt dem Opfer so eine nahe Beziehung. Die Opfer werden pausenlos beschwatzt und sind nach kürzester Zeit überfordert. Mögliche Konsequenzen werden aus ihrem Bewusstsein verbannt, es gibt gerade nur noch diese wichtige Tat. Zudem beenden die Betrüger ihre Sätze stets mit «ja?!», was ihre Forderungen positiv unterstreicht. Die Opfer werden sogar darauf vorbereitet, was sie in der Bank sagen sollen, weshalb sie so viel Geld beziehen möchten. Denn die Betrüger wissen, die Bankangestellten sind auf Betrugsversuche sensibilisiert und werden die Opfer beim geringsten Verdacht von ihrem Geschäft abhalten wollen.

«Wir Menschen sind prosoziale Wesen», erklärt Rolf Decker, «wir gehen grundsätzlich vom Positiven aus, wollen helfen und konstruktiv sein.» Einen offensichtlich bekannten Menschen am Telefon nicht zu erkennen, versetzt viele Menschen unter Stress. Dazu kommt die höfliche Erziehung, welche vor allem bei der Ziel-Generation der Betrüger tief sitzt: Es fällt älteren Personen besonders schwer, den Telefonhörer einfach abzuhängen. Und viele ältere Menschen sind einsam, sehnen sich nach Kontakt. Ein Anruf eines vermeintlichen Bekannten gibt ihnen ein Gefühl von Nähe.

Bei Verdacht 117 wählen

«Wenn ich einen Anrufer nicht kenne, hänge ich den Hörer sofort auf», «unbekannte Rufnummern nehme ich schon gar nicht mehr ab», sagen die anwesenden Frauen. «Das ist das Beste, was Sie tun können», sagt Rolf Decker, «denn Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.» Die Betrüger sind aber hartnäckig und mit allen Wassern gewaschen. So einfach abwimmeln lassen sie sich nicht. Es kann vorkommen, dass ein zweiter Anruf folgt, bei welchem sich der Anrufer als Polizist ausgibt und dem Opfer zum korrekten Handeln beim versuchten Telefonbetrug gratuliert – auch dieser wird Geld wollen, es ist ein Komplize.

Ist man bereits in ein Gespräch verwickelt und sagt beispielsweise, dass man bei der Polizei die Echtheit des Polizisten prüfen will, ist es wichtig, das Telefonat zu beenden. Es empfiehlt sich sogar, rasch den Stecker zu ziehen, damit der Anrufer tatsächlich aus der Leitung fällt. Niemals soll man sich aber vom Anrufer weiterverbinden lassen, auch da landet man bloss bei einem Komplizen.

Die Telefonbetrüger sprächen im Übrigen vorwiegend Hochdeutsch. Schweizer Polizisten hingegen sprechen alle Dialekt, da gibt es keine Ausnahmen. Hat man einen verdächtigen Anruf erhalten, sollte man unbedingt den Polizeinotruf 117 anrufen. Da die Telefonbetrüger meist in einer bestimmten Region unterwegs sind, ist es der Polizei dank Meldungen aus der Bevölkerung oft schon gelungen, die «Geld-Abholer» vor Ort zu verhaften.

Zitate der Opfer machten betroffen

Im Engelburg-Saal war gegen Schluss der eineinhalbstündigen Veranstaltung die zuerst heitere Stimmung recht klamm geworden. Die Zitate der Opfer, mit welchen Rolf Decker den Vortrag beendete, unterstrichen Gelerntes und machten betroffen: «Im Nachhinein denke ich, dass viele Sachen unglaubwürdig waren. Ich kann mein Verhalten nicht erklären, es hatte nichts mit Vernunft zu tun.» Oder: «Er hat mich immer wieder rumgekriegt. Ich habe am Telefon geheult. Ich hatte einfach keine Kraft mehr.» Und: «Ich war einfach froh, das Geld endlich übergeben zu können, damit alles ein Ende hat.»

«Schlussendlich», sagt Rolf Decker, «hören Sie immer auf Ihr Bauchgefühl. Haben sie bei einem Anruf ein schlechtes Gefühl, hängen Sie einfach den Hörer auf. Das können Sie auch nett, freundlich, anständig aber konsequent.»