Vor schädlichen Nebenwirkungen wird gewarnt

Ist Ihnen auch schon so etwas aufgefallen, wie das, was ich kürzlich am Hongkonger Flughafen entdeckte? In der dortigen Abflughalle sah ich eine Inschrift, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht. «Beim Rolltreppenfahren nicht ständig aufs Handy starren», warnen grosse Lettern entlang des Handlaufs die Fluggäste. Eine Rückfrage bei der Flughafenverwaltung ergibt, dass viele Passagiere sich völlig auf das Display konzentrieren und dadurch Stürze riskieren, die auch andere Passagiere gefährden. Diese «Kopf-unten-Zombies» erblickt man nicht nur auf den Rolltreppen, sondern in allen Bereichen des Flughafens. Selbst beim Einsteigen ins Flugzeug können gewisse Passagiere nicht von ihren Handys und iPods lassen.

Nachdem kürzlich in München eine junge Handynutzerin gar bei einer Tramkollision starb und zahlreiche andere Städte ebenfalls gravierende Unfälle melden, sind Polizei, Behörden und Dienstleister alarmiert. Zu Recht, denn laut neuer Untersuchung der DEKRA-Unfallforschung werden die digitalen Geräte für viele Fussgänger zur Todesfalle. Von den fast 14’000 in die Studie einbezogenen Fussgängern nutzen insgesamt annähernd 17 Prozent ihr Smartphone während der aktiven Teilnahme am Strassenverkehr. Nicht überraschend erreicht in der Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren die Handynutzung mit 22 Prozent den höchsten Wert. Zudem tippen 8 Prozent aller erfassten Altersgruppen beim Überqueren der Strasse Texte, weitere 2,6 Prozent telefonieren und 1,4 Prozent kombinieren beides. 5 Prozent tragen Ohrstöpsel oder Kopfhörer, hören also vermutlich Musik und sind damit unempfänglich für andere akustische Signale.

Obwohl die digitalen Alleskönner global im Einsatz stehen, zeigen sich in deren Nutzung erstaunliche Unterschiede. So hat die erwähnte Studie Amsterdam, Berlin, Brüssel, Paris, Rom und Stockholm erfasst und festgestellt, dass in Amsterdam die Handynutzung – über alle Altersgruppen gerechnet – bei «nur» 8,2 Prozent liegt, während Rom auf 10,6 Prozent kommt, Brüssel auf 14,1, Paris auf 14,5 und Berlin gar auf 14,9 Prozent. Spitzenreiter ist Stockholm mit 23,6 Prozent. Am meisten irritiert waren die Erhebungsteams von teilweise extremer Ablenkung und Gefährdungssituationen. «Was immer wieder beobachtet wurde, waren Gruppen von jungen Menschen, die gemeinsam in ein Smartphone schauten, während sie die Strasse überquerten. In einem Fall kollidierte sogar die ganze Gruppe mit einem Fahrradfahrer», rapportiert ein Mitglied des Teams. Deutsche Städte haben nun mit der Installation von Bodenampeln begonnen, die beim Herannahen von Trams blinken. Im Einsatz steht verschiedenen Orts auch ein App-System, das App-Besitzer via Warnung auf dem Display über herannahende Trams orientiert.

Wie aber werden in der Schweiz die abwesend umherwandelnden Zeitgenossen vor sich selber geschützt? Unsere Umfrage bei den SBB, beim Flughafen Zürich und bei der Polizei ergibt ein differenziertes Bild. Die Bundesbahnen kennen laut Auskunft von Mediensprecher Oli Dischoe keine Zwischenfälle auf SBB-Arealen oder in SBB-Zügen aufgrund der Ablenkung durch elektronische Geräte. Um auf potenzielle Gefahren aufmerksam zu machen, sind auf den Perrons taktile Sicherheitslinien und bei den Treppen optische Markierungen angebracht.

Beim Flughafen Zürich fehlen bei den Rolltreppen entsprechende Warnhinweise, denn laut Mediensprecherin Sonja Zöchling Stucki sind keine Handyrelevanten Unfälle bekannt. Allerdings existieren Hinweise zum richtigen Beladen der Handgepäckwagen, «damit die aufgeladenen Gepäckstücke dem vorangehenden Menschen nicht in die Beine fliegen». Als wichtigsten Tipp empfiehlt Zöchling den Flughafenbenutzern, sich der stark frequentierten Umgebung immer bewusst zu sein und den Blick nach vorne zu richten. Und zudem: «Eine Portion gesunder Menschenverstand ist hier sicherlich hilfreicher als zusätzliche Hinweisschilder.»

Die Polizei wiederum betont, dass Unaufmerksamkeit und Ablenkung zu den Hauptunfallursachen zählen. «Die Problematik ist schon seit vielen Jahren bekannt», umschreibt Cornelia Schuoler von der Kantonspolizei Zürich die Situation. Um die Ablenkungsgefahr wirksam zu reduzieren, gibt die Polizei verschiedene Empfehlungen. Vor der Fahrt gilt: Handy abschalten, Combox einschalten, Zielort im Navi einstellen, MP3-Player anschliessen und Wiedergabetaste auswählen, Radiosender auswählen, gegebenenfalls Kurzwahltasten für verschiedene Sender programmieren, für längere Fahrten genügend Verpflegungspausen einschalten. Während der Fahrt: Telefonieren, SMS lesen/schreiben nur im stehenden Auto abseits der Fahrbahn, auch mit Freisprecheinrichtung komplizierte und heikle Gespräche unterlassen, kein Übertönen der Verkehrsgeräusche durch den Musik-Lautstärkepegel, CD-Wechsel vermeiden oder dem Beifahrer überlassen.

Um diesen Empfehlungen Nachachtung zu verschaffen, führt die Polizei «unter dem Aspekt der Repression» (Mediensprecherin Schuoler) entsprechende Schwerpunktaktionen durch. Die Resultate sind allerdings ernüchternd, wie ein Blick in die Statistik beweist. So mussten während der drei Wochen dauernden Aktion im Kanton Zürich insgesamt 980 Fahrzeuge angehalten werden. Davon erhielten 582 Fahrzeuglenkende wegen Telefonierens ohne Freisprechanlage eine Busse. Wegen Verrichtens anderer Tätigkeiten wie beispielsweise Lesen oder Senden von SMS, Bedienen des Navigationsgerätes, Essen während der Fahrt und so weiter wurden 185 Lenkende angehalten. Angesichts der lauernden Gefahren ist man denn auch froh über das wachsame Auge des Gesetzes.