Von Träumen und Zielen

Seit knapp zehn Jahren bin ich jetzt alleinerziehend. Dass das nicht immer ein Zuckerschlecken ist, brauche ich kaum zu erwähnen. Alles ohne Unterstützung alleine machen, fordert mich manchmal ganz schön heraus. Keine Zweitmeinung, alle Entscheidungen alleine fällen, kein Wochenende frei, keine Schulter zum Anlehnen. Meine Kraftmomente sind rar, es fordert viel Selbstdisziplin, diese im Alltag zu integrieren und einzuhalten. Weil irgendetwas ist ja immer. Und wenn es nur die Papiersammlung ist. Sie wissen, was ich meine. So kam es schon oft vor, dass ich mich ernsthaft fragte, wie ich das die nächsten Jahre schaffen soll, ohne dabei unterzugehen, mich nicht selbst zu verlieren. Ich arbeite den ganzen Tag, erledige nebenbei den Einkauf und den Haushalt, koche und wasche und dabei habe ich die Priorität immer bei meinen beiden Mädchen. Die sind zum Glück einfach und sehr selten unzufrieden. Nein, ich möchte nicht jammern! Ich möchte viel eher aufzeigen, dass es «aso scho nid so lässig isch», manchmal. Alleine sein und keine Hilfe haben, keine aufmunternden Worte erhalten, kann auf das Gemüt schlagen. Ist einfach so. Punkt.

So wurstle ich seit Jahren mehr schlecht als recht, musste die Anforderungen an mich selbst mehrmals nach unten anpassen, weil ich mich selber überforderte und kaum noch atmen konnte. Die Last erdrückte mich immer mehr, ich hätte schreien können – wenn ich denn noch Luft dazu gehabt hätte. Ich musste viel lernen in diesen zehn Jahren. Viele Erfahrungen waren schmerzhaft. Ich habe aber noch nie den Kopf in den Sand gesteckt. Aufgeben ist und bleibt keine Option. Im Gegenteil. Von nichts kommt nichts – ein grosser Satz in meinem Leben, der mir immer wieder Kraft gibt. So habe ich mich im grössten Sturm entschieden, noch eine Ausbildung zu machen. Fragen Sie mich bitte nicht, wie ich das mache, ich weiss es selber nicht. Ich weiss nur, dass ich das will und auch schaffen werde.

Und jetzt komme ich zum Punkt. Ich merke, dass man mit Träumen und Zielen alles viel einfacher macht. Wenn man weiss, wo man hinmöchte, geht es fast wie von selbst. Ich habe gemerkt, dass ich immer eher planlos war. Ich habe einfach funktioniert. Irgendwie steckte ich im Moment fest, den Blick auf das Jetzt gerichtet, keine Weitsicht, keine Pläne, keine Träume und keine Ziele. Auf die Dauer fühlt sich das an, als tänzle man an Ort und Stelle, wie ein kleines Kind, das «toibelet». Den Blick nach unten gerichtet, gefangen im Frust über den Moment. Dass mir ein Kinderlied Kraft geben könnte, hätte ich früher mit einem Lachanfall weggetan. Heute ist das anders. Ich nehme so viel für mich aus diesen Zeilen, dass ich sie heute mit Ihnen teilen möchte. Mit dem Wunsch, dass wir alle uns manchmal auf die kleinen Dinge konzentrieren, die Grossen für einmal beiseitelassen. Zeilen aus einem Kinderlied sind wirklich nichts Grosses. Und doch haben sie mir das gegeben, was ich brauchte. Kraft und Mut. Zuversicht und Vertrauen. Vielleicht sogar ein wenig Liebe zu mir selbst. Und das Wissen, dass nichts ohne Grund geschieht und man alles erreichen kann, wenn man denn will. Die Zeilen stammen aus dem Lied «Ufo und U-Boot» von Andrew Bond: «Es Boot uf eme See dräit siini Chreise. Sit Jaahre ischs Tag ii, Tag uus am Dümplä. Da chunnt es chliises Männdli und seit: ‹Wetsch du nöd go reise? D Wält isch halt scho grösser als din Tümpel.› Das Boot seit: ‹Doch, das würd ich gern. Doch säg, we söll das gah? Ich cha doch nöd zum Wasser usä stiigä.› S Männdli seit: ‹Das sägäd all, doch lueg nur mich guet aa. Ich has au gschafft vom Wältall da hii z flüügä.› Was du dir uu fescht wünschisch und du uu fantasiersch, cha mit uu Glück passiere, wänn du uu fescht probiersch.»

Für wahr, nichts Wahnsinniges. Und doch steht für mich hinter diesen Zeilen so viel Wahrheit. Ich steckte fest in meinem Tümpel, glaubte nicht an mich und hatte mich mit meinem Dasein abgefunden. Vor mich hin vegetierend, in meinem kleinen Reich, gefangen in meiner ach so bequemen Opferrolle. Die alleinerziehende Mutter, die keine Zeit für Nichts hat und jetzt halt einfach so leben muss. Wer oder was genau das Männlein war, das mich an meinem Tümpel besuchte und mir die Zeilen ins Ohr sang, kann ich nicht mehr sagen. Plötzlich wusste ich aber, dass nur ich alleine meinen Zustand verändern kann. Dass ich aus meiner Pfütze steigen muss, wenn ich die Welt sehen will. Dass ich wissen muss, wo meine Träume mich hinführen sollen. Dass ich alleine meine Ziele kennen muss und dass ich – und nur ich – entscheide, ob ich jemals an meine Ziele gelangen kann. Ich brauche niemanden, der meine Hand hält, mich aus dem Tümpel zieht, der mir die Luft nimmt. Ich habe diesen Tümpel alleine zu verlassen.

Und das habe ich getan. Ich bin ans Ufer und habe, zugegeben noch sehr unsicher, meine Füsse auf die Erde gestellt. Und dann bin ich losgelaufen. Am Ziel bin ich noch nicht. Aber meine Füsse tragen mich mit einer ungewohnten Leichtigkeit stetig voran. Meinen Zielen, Wünschen und Träumen immer ein Stückchen näher. Und ich bin dankbar. Unglaublich dankbar dafür, dass ich den Mut hatte, meinen Teich zu verlassen, in dem ich zu ersaufen drohte. Ich wünsche uns allen ein Männlein, das uns die verheissungsvollen Zeilen ins Ohr flüstert und uns immer wieder daran erinnert, dass alles möglich ist, wenn man denn will. Und darum auch zum Abschluss noch einmal: «Was du dir uu fescht wünschisch und du uu fantasiersch, cha mit uu Glück passiere, wänn du uu fescht probiersch.» Stimmen Sie ein mit mir, in ein einfaches Kinderlied, das so viel verändern kann? Ich freue mich über einen Chor voller Lebensfreude.