Von Solidarität und Respekt

Festrednerin Nationalrätin Priska Seiler Graf (SP) appelliert in Bauma an die Solidarität (Foto: pa)

In Bauma hat sich eine eigene Tradition zur Feier des 1. August herausgebildet. Feier und Fest, Ernst und Spass kommen zu ihrem Recht. Doch auch die unterschiedliche politische Anschauungen und Haltungen erhalten angemessen Platz. Vielfalt als Programm.

Über hundert Personen durfte Ernst Oertle, Präsident der SP-Ortssektion (Bauma-Wila-Sternenberg), an diesem heissen 1.-August-Morgen begrüssen. Während andere Gemeinden die August-Feier abschafften, freue ihn die gut besetzte kleine Freiluftarena beim Schulhaus Altlandenberg. Die eher nüchterne Feier am Morgen und das Fest, welches der 1.-August-Verein Esterli am Abend organisiere, habe sich als Konzept bewährt und werde wohl so erhalten bleiben.

Manchmal nach Abstimmungen frustriert

Der erste Akt also galt der Feier mit der Festrede am Morgen – umrahmt von den Klängen der Harmonie Bauma. Als Rednerin geladen war Nationalrätin und Co-Präsidentin der SP Kanton Zürich Priska Seiler Graf aus dem fernen Unterland, wie sie selber bemerkte. Fern auch, weil die Anfahrt von Kloten mit dem öV eine gute Stunde Zeit in Anspruch nahm. Gleich zu Beginn bekannte sie, dass sie Bauma vor allem durch ihren Sohn kenne, der Dampfbahn-Fan ist. Also habe sie sich über das Internet schlau gemacht.

Mit der Feststellung, dass in Bauma 56 Vereine – oder auch mehr – aktiv seien, kam sie auf die Wichtigkeit einer aktiven Bevölkerung für eine Gemeinde und für das Land zu sprechen. Dieser aktiven Bevölkerung verdanke das Land auch seinen Reichtum – nicht nur den materiellen, der uns neben Wohlstand und persönliche Sicherheit auch einen funktionierenden Rechtsstaat und ein breit gefächertes Bildungswesen bietet. Sondern es gebe auch einen ideellen Reichtum. Den sieht die Rednerin in der direkten Demokratie und gibt dabei gerne zu, dass sie nach Abstimmungen manchmal auch frustriert sei, wenn das Ergebnis nicht in ihrem Sinne ausgefallen sei. Da stelle sich die Frage, warum die Mehrheit immer Recht habe. Trotzdem breche das Land nicht auseinander, weil mit der Demokratie eine wichtige Grundhaltung verbunden sei: Solidarität und Respekt gegenüber Minderheiten. Diese machen das Zusammenleben trotz unterschiedlicher Sprachen und Mentalitäten möglich.

Vielfalt zeichnet Schweiz aus

Dabei stellt Seiler Graf leider fest, dass Solidarität häufig lächerlich gemacht und mit dem zum Schimpfwort «Gutmensch» bedacht würde. Darin sehe sie eine grosse Gefahr. Nur in der Solidarität seien unsere sozialen Errungenschaften wie die AHV möglich geworden. «Direkte Demokratie ist ohne Solidarität und Einfühlvermögen nicht möglich, sonst werden Minderheiten überfahren und ausgenützt». In diesem Sinne blicke sie auch mit Sorge auf die Entwicklung totalitär agierender Regimes in Europa – und nennt konkret die Türkei, Ungarn und Russland.

Trotz aller Mängel halte sie am demokratischen Staat fest. Die Demokratie verlange vom Bürger viel, aber biete ihm die Möglichkeit, sich mit den politischen Fragen auseinanderzusetzen. «Wo sonst kann sich das Volk zur Altersvorsorge äussern?», fragt sie aus aktuellem Anlass. In diesen Auseinandersetzungen aber zeige sich etwas, was die Schweiz ausmache: ihre Vielfalt. Auch wenn sie nicht Ski fahre, wandere, jodle oder jasse, was ja als typisch schweizerisch gelte, fühle sie sich als Schweizerin.

Eine Frau als Rednerin – nebst den SVP-Mannen

Gerade diese Vielfalt, die sich nicht zuletzt in den vier Landessprachen äussert, gilt es zu pflegen und erhalten. Es gebe eben nicht nur die Heimat, die eine Heimat; sondern für jeden einzelnen bedeute Heimat etwas Eigenes und Besonderes. In einem vielfältigen Land gebe es unterschiedliche Heimatgefühle. Dazu gehöre schliesslich auch der Austausch mit dem Fremden – ohne diesen Austausch könne ein kleines Land nicht überleben. Das war schon immer so. «Heimat hat wahrscheinlich am allermeisten mit den Menschen zu tun, die einem begegnen, die einen respektieren und einem Geborgenheit geben», schloss Priska Seiler Graf ihre Rede und wünschte einen fröhlichen Bundesfeiertag.

Dass in Bauma eine SP-Frau am 1. August reden konnte, liegt an der speziellen lokalen Tradition. In regelmässigem Turnus wird die Feier am Morgen jeweils von einer der vier Ortsparteien vorbereitet und durchgeführt. Natürlich mit Unterstützung der Gemeinde, des Verkehrsvereins und des Schulhausabwartes. So kommen im Tösstal neben den Mannen Kägi, Stocker, Stahl und Co. zwischendurch andere Sichtweisen zu Wort. Auch so kann demokratische Vielfalt gepflegt werden. Daran – so SVP-Gemeinderat Paul von Euw – wolle man auch in Zukunft nichts ändern. Und noch ein Vorteil zeichnet diese Regelung aus: Die Parteizugehörigkeit des Redners ist definiert und er muss nicht so tun als wäre er neutral – was er nicht ist und nicht sein kann. Was zählt ist Haltung und Respekt.

Grosses Feuer und fulminantes Feuerwerk

Am späten Nachmittag bis in die Nacht hinein – unterbrochen von einem kräftigen Regenguss – stieg dann der zweite Akt des Bundesfeiertags. Im gut besuchten 270 Quadratmeter grossen Zelt war eine Festbeiz eingerichtet, statt der Harmonie spielte das Ländler Trio Alpenblick auf. Wie schon letztes Jahr fand dieser Teil nicht mehr oben auf dem Esterli statt, sondern unten im Talboden ausgangs Dorf. Das grosse Festzelt deutet auf eine stolze Tradition hin, die der über 30-jährige Verein Esterli mit sich trägt. Entstanden ist er als Veranstalter des 1.-August-Fests des unteren Gemeindeteils: für Saland, Juckern und Blitterswil.

Heute sucht der Verein neue, vor allem auch jüngere Mitglieder, die sich für die Durchführung engagieren. Mit dem Umzug des Fests in die Dorfnähe hat das Fest auch wieder vermehrt Besucher gefunden. Dank dem Engagement des Esterli-Vereins und von Hampi’s Spielbus schliesst der 1. August ganz wie er soll: mit einem grossen Feuer und einem fulminanten Feuerwerk.