Von Schweinen und Vollgeld

An der Geschichte von Jonas Fricker gefällt mir seine Naivität. Noch während der Debatte im Nationalrat entschuldigte er sich in aller Form für den unangemessenen Vergleich, den er in seiner Naivität gemacht habe. Bei der Behandlung der Fair-Food-Initiative kritisierte der grüne Nationalrat den Massentransport von Schweinen und verglich diesen mit der Deportation von Juden nach Ausschwitz. Seine Aussagen sorgten für Aufruhr. Parteikollege Jo Lang zeigte sich entsetzt über die «unsägliche Entgleisung» und die «schwerwiegende Verletzung des humanistischen Fundaments». Andere verurteilten den Vergleich zwischen Juden und Schweinen als inakzeptabel, schockierend, unangebracht und entwürdigend.

Laut Duden ist naiv, wer ein kindliches, unbefangenes, direktes und unkritisches Gemüt hat und treuherzige Arglosigkeit beweist. Naivität lasse wenig Erfahrung, Sachkenntnis oder Urteilsvermögen erkennen und wirke entsprechend einfältig und töricht. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht stehe Naivität in vollem Einklang mit Natur und Wirklichkeit. Mir gefällt, wie Jonas Fricker unbefangen und unkritisch etwas ausspricht, das auch mir durch den Kopf hätte gehen können. Zurücktreten hätte er nicht müssen. Er sah ein, dass Menschen mit grösserer politischer Erfahrung und vielleicht besserem Urteilsvermögen den Vergleich auf’s Schärfste verurteilten und entschuldigte sich dafür.

Bemerkenswert ist der provokative Hinweis des Vereins PEA (Pour l’Egalité Animale). Auf dem Hintergrund seiner Forderung nach gleichen Rechten für Tiere wie für Menschen wundert er sich, dass man problemlos sagen könne, die Juden seien im Zweiten Weltkrieg wie Tiere behandelt worden. Mache jemand hingegen den umgekehrten Vergleich, so reagierten alle schockiert, statt ihr unethisches Verhalten gegenüber der Tierwelt infrage zu stellen.

Den Kommentar von Daniel Gerny in der NZZ zur Geschichte des Metzgermeisters aus Sissach finde ich ebenfalls bedenkenswert. Dieser schlachtete am letzten Samstag öffentlich zwei Sauen und wollte so sein althergebrachtes Handwerk erläutern und in Erinnerung rufen. Im Vorfeld mussten sich die Gemeindebehörden, der Regierungsrat und die Polizei mit der Aktion auseinandersetzen. Kaum ein Thema würde bei Leserinnen und Lesern ähnliche Emotionen auslösen wie das Schicksal von Tieren. Die übliche Fleischproduktion stelle die Würde des Tieres oft auf eine härtere Probe als der Baselbieter Metzger. Das Töten als Normalität, dessen Resultat mit Kräuterbutter garniert auf unseren Tellern liege, dürfe nicht sein. Es werde verdrängt und so werde eine Sau aus Sissach zum Schwein des Anstosses und zu einem Ärgernis, welches uns das Filet verderben könnte.

Die Whiskeygeschichte ist nicht minder politisch. Eine Brennerei stellt Whiskey her, das Publikum kauft den Whiskey in Flaschen und Barmänner fügen dem Whiskey im Ausschanklokal Wasser hinzu. Die Menge Flüssigkeit im Besitz der Kunden hängt vom Verhalten von drei Parteien ab: Von der Whiskey-Produktion der Brennerei, vom Grad der Verdünnung durch die Barmänner und dem von den Konsumenten gewählten Verhältnis zwischen direkt gekauften Flaschen und im Lokal konsumierten Drinks.

Es ist die Whiskey-Analogie der Geldschöpfung. Zu finden in einem Leitfaden zur Vollgeld-Initiative. Die Schweizerische Nationalbank stelle monetären Whiskey her und biete ihn an in Flaschen für das Publikum – in Form von Noten und Münzen – und in Fässern für die Banken. Diese würden das Notengeld zu Einlagen «verdünnen», die nur zu einem kleinen Teil durch «Barreserven» in Form von Giroguthaben bei der Nationalbank gedeckt sind.

Den Leitfaden verfassten zwei Professoren vom Institut für Banking und Finance der Universität Zürich. Sie formulieren keine Stimmempfehlung. Über Zustimmung oder Ablehnung der Initiative würden nicht nur objektive Aspekte der vorgeschlagenen Revision entscheiden, sondern auch politische Präferenzen von Bürgerinnen und Bürgern.

Die Vollgeldinitiative versucht, die Gewichte zu verschieben von den Geschäftsbanken zur Nationalbank und gleichzeitig von der Nationalbank zu Bund und Kantonen. Die Autoren des Leitfadens bieten einen Selbsttest an, um die eigene Haltung herauszufinden: Wenn ich glaube, dass die Nationalbank besser beurteilen kann, wieviel Geld die Schweiz braucht und Bund und Kantone das Schweizerische Nationalvermögen dank ihrer direktdemokratischen Verantwortung besser verwalten, dann unterstütze ich klar die Vollgeldinitiative.

Wenn die Geschäftsbanken dank ihrer Kontakte zu Haushalten und Wirtschaft besser beurteilen können, wieviel Geld die Schweiz braucht und die Nationalbank dank ihrer Unabhängigkeit und Fachkenntnis das Nationalvermögen besser verwaltet als Bund und Kantone, dann unterstütze ich die Vollgeldinitiative klar nicht.

Wer kann es am besten? Die Nationalbank, die Geschäftsbanken oder der Bund und die Kantone? Menschen mit Tieren oder Tiere mit Menschen vergleichen? Beim Töten zu- oder wegschauen? Abwägen ist alleweil gefordert.