Von neun bis 1435 Millimeter

Der Star des Treffens: De 6/6, das Seetal-Krokodil (Foto: pa)

Jeweils Mitte Oktober wird das beschauliche Bauma zum Mekka der grossen und kleinen Fans der Eisenbahnen, oder der Fans der kleinen und grossen Eisenbahnen. Von der neun Millimeter breiten Spur N der kleinen Modelleisenbahn bis zur Normalspur von 1435 Millimeter des Originals gab es viel zu sehen.

Das Fahrzeugtreffen des Dampfbahnvereins Zürcher Oberland (DVZO) und die Ausstellung Plattform der Kleinserie locken jedes Jahr ein internationales Publikum von Eisenbahnliebhabern nach Bauma. Und weil ein grosser Teil des Publikums trotz aller Eisenbahnliebe lieber mit dem Auto angereist kommt als mit dem Zug, wurden die Parkplätze bald einmal knapp. Aber vielleicht liegt es daran, dass die Nostalgiker die modernen Züge nicht mehr mögen – zu ruhig, zu bequem und vor allem zu wenig Spektakel.

Spektakel bietet allein schon das Zuschauen am Bahnhof Bauma. Seit die SBB den Bahnhof, respektive die Gleisanlagen umgebaut haben, also Gleise und Weichen herausgerissen, Perrons abgebaut und Fahrleitungen entfernt, ist die Bereitstellung der Züge ein quasi akrobatisches Meisterstück. Zum Ein- und Aussteigen der Fahrgäste in Züge mit Elektrolokomotiven steht genau ein Gleis zur Verfügung, das zudem noch alle 20 Minuten mit der S26 geteilt werden muss, deren Fahrplan auf keinen Fall gestört werden darf. «Allein die Rangierpläne im Bahnhof Bauma für das Fahrzeugtreffen sind 15 Seiten stark», erklärte Christoph Felix, der die Abläufe geplant hatte. Rangierchef Adrian Meili hatte demzufolge ein volles Programm. Und wenn dann noch in Bäretswil ein Automobil auf den Bahnschienen steht, gerät der Fahrplan vollends aus dem Takt.

Manövrierkünste gefragt

Da hatten es die Aussteller in der Plattform der Kleinserie doch ruhiger. Manövrierkünste waren da eher vom Publikum gefordert, das sich in der Masse der Interessenten zwischen den Ständen durchschleusen und die Hälse recken musste, um etwas von der Ausstellung zu sehen. Bahnhistorisches war hier weniger gefragt. Bewundert wurden zum einen raffinierte technische Lösungen und schön und fast mikroskopisch fein gestaltete Details zum anderen. Realitätsnähe ist bei den Modelleisenbahnern immer noch das entscheidendste Qualitätskriterium.

Immerhin bei Hansruedi Meier aus Wila fand der historisch interessierte Besucher noch das Modell eines historischen Güterzugs der damaligen Tösstalbahn (TTB) mit einer E 2/2 Dampflokomotive. Dabei konnte man erfahren, dass diese kleine zweiachsige Dampflok gleich viel Leistung brachte, wie die grös-seren dreiachsigen, aber bedeutend weniger Kohle brauchte. An einem anderen Stand war der Dampftriebwagen der Uerikon-Bauma-Bahn zu bewundern. Im Gegensatz zum einzigen Original, das im Februar bei einem Unfall in Sihlbrugg beschädigt wurde, gibt es gleich mehrere Modelle und alle unbeschädigt. Und natürlich durften auch die Buco Eisenbahnen nicht fehlen – die einzige Modelleisenbahn, die nicht nur historische Modelle nachbildet, sondern selbst in ihrer Bauweise historisch ist: gutes altes Blechspielzeug, Tin Plates.

Der Star des Wochenendes

Das Fahrzeugtreffen des DVZO stand unter dem Zeichen der Nebenbahnen, Strecken also, die nicht die Hauptachsen bedienen. Viele solcher Bahnen gibt es im Kanton Bern, die mit zwei Dampflokomotiven (Bern-Schwarzenburg und Solothurn-Moutier) vertreten waren, und in der Ostschweiz: die Mittelthurgaubahn zeigte eine wunderschöne Ec 3/5 und die Südostbahn ihren elektrischen Triebwagen Be 3/4, den Most-Express.

Den Star des Wochenendes – jedenfalls für Elektrolokliebhaber – präsentierte aber die Seetalbahn, die Lenzburg mit Luzern verbindet. Die De 6/6, das Seetalkrokodil, ist schon deshalb eine Rarität, weil davon nur drei Exemplare hergestellt wurden. Sie dienten auf der Seetallinie von 1926 bis 1983 als Güterzuglokomotiven. Auf Hauptstrecken konnten sie nie eingesetzt werden, weil sie mit einer Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometer zu langsam waren. Zwei der Lokomotiven wurden 1983 verschrottet; die letzte verbliebene erlitt durch einen Kurzschluss einen irreparablen Schaden. Nur mit Teilen aus andern Lokomotivtypen konnte sie wieder fahrtüchtig gemacht werden. «Eine sehr schöne Lok», meint Alessandro Andreoli, der Elektrolokspezialist des DVZO, «jedenfalls von aussen. Innen ist ein bisschen viel rumgebastelt worden. Leider.» Aber eben, wenn das Seetalkrokodil majestätisch in den Bahnhof Bauma einfährt, stört das niemanden.

Mitarbeiter gesucht

Und natürlich verfolgte der DVZO an seinem Treffen der Nebenbahnen noch ein Ziel in eigener Sache. Der Dampfbahnverein Zürcher Oberland, der ein wertvolles Stück industrielles Kulturerbe hegt und pflegt, ist mittlerweile ein mittelgrosses Unternehmen, das immer noch ausschliesslich dank der Arbeit von Freiwilligen funktioniert. Mit andern Worten: Der Verein kommt zunehmend an seine Grenzen und braucht weitere mitarbeitende Mitglieder. Auch wenn dank der neuen Bahnhofshalle die Standschäden geringer werden, erfordert der laufende Unterhalt von Lokomotiven und Wagen einen grossen Aufwand. Dazu stehen grössere Renovationen an: Ein Packwagen steht mitten in der Gesamterneuerung und bei einem Personenwagen ist die Restauration des Innenausbaus dringend angezeigt. Auch die Renovation der grossen Elektrolok Be 4/4 ist längst nicht abgeschlossen.

«Bis 2020 sind wir mit Renovationen von Wagen ausgebucht – sofern wir sie finanzieren können», erklärt Michael Bollmann, Verantwortlicher für den Unterhalt der Wagen. Dass die bauliche Infrastruktur ebenfalls unterhalten werden muss, sei nur am Rand erwähnt. Dass der DVZO also ständig Mitglieder, Aktiv-Mitglieder, sucht, darf niemanden wundern.