Von goldenen Dingen und erstrebenswerten Bildern

Christoph Pohl

Ich bin in der glücklichen und privilegierten Lage, immer wieder und zu allen Tages- und Nachtzeiten selber entscheiden zu können, ob ich lesen, mich bewegen, einen Besuch machen oder den Fernseher einschalten soll.

So lernte ich an einem Vormittag vor dem Fernseher, dass die Anordnung von Blütenblättern und die Verteilung der Kerne im Korb der Sonnenblume den mathematischen Gesetzmässigkeiten des goldenen Winkels folgen und die Gestalt von einigen Lebewesen denjenigen der goldenen Spirale. Dass beide mit der goldenen Zahl Phi zu tun haben, weiss ich dank einer kurzen Nachfrage im Internet.

Ab und zu schaute ich auch den Fahrern der Tour de France zu und bekam mit, dass nicht nur Chris Froome, sondern auch der Schwinger Martin Grab mit Doping-Vorwürfen zu kämpfen hat. Doping hat nicht nur mit Sport, sondern auch mit Steuern und Pensionskassenguthaben zu tun. Beratungsfirmen suchen Kunden, um ihre Steuern zu optimieren und sagen, dass Steuern zu bezahlen Pflicht sei und Steuern zu sparen unternehmerische Verantwortung. Eine Bank nennt es «Steuern runter, Rendite rauf», in Deutschland werden Steuern gestaltet und ein Professor für Staats- und Sozialversicherungsrecht nennt es «sich ökonomisch rational verhalten und sich das System zunutze machen», wenn Rentnerinnen und Rentner sich das Altersguthaben der Pensionskasse auszahlen lassen und zum Beispiel eine Weltreise machen. Wenn schon, dann solle man nicht mit dem Finger auf jene zeigen, die nach den Regeln des Systems spielen, sondern das System ändern.

Das Spiel mit den Regeln

Mit den Regeln des Systems spielen heisst beim Doping und bei der finanziellen Optimierung von Lebensumständen, sich so nahe wie möglich an den festgelegten Grenzen zu bewegen. Das geschieht beim Autofahren, bei der Herstellung von Lebensmitteln, beim Alkoholkonsum, bei den Abgasen von Dieselfahrzeugen, beim Bauen oder beim Gülle ausführen. Systemänderungen haben bei uns meistens keine Chancen. Bedingungsloses Grundeinkommen, Vollgeld, eine Schweiz ohne Armee oder die Besteuerung von Energie lassen grüssen. Bei Bedarf werden lediglich die Grenzen neu definiert.

Zurück zum Professor für Staats- und Versicherungsrecht. Er warnt auch vor einer Art «Enteignung der Erben» und die Redaktorin einer Zeitung kommentierte die sinkenden Renten unter dem Titel «Der Abschied vom guten Leben». Fast gleichzeitig war zu lesen, dass die durchschnittlichen Bürgerinnen und Bürger in diesem Land noch nie mehr finanzielle Mittel, mehr Wohnraum, aber auch mehr Zeit zur freien Verfügung hatten als heute. Fest steht, dass kommende Rentnerinnen und Rentner hauptsächlich mit der rasanten Zunahme der Lebenserwartung konfrontiert sind. Diese stieg bei 65-jährigen Männern zwischen 1981 und 2016 von 14,3 auf 19,8 Jahre und bei den gleichaltrigen Frauen von 18,2 auf 22,6 Jahre.

Die in der Pensionskasse angesparten Mittel müssen auf eine entsprechend längere Zeitspanne aufgeteilt werden. Logisch, dass dann die Umwandlungssätze sinken. Um die Senkung von Pensionskassenrenten zu kompensieren, müssen entweder die Sparbeiträge erhöht oder die Dauer der Erwerbstätigkeit verlängert werden. Das frei verfügbare Einkommen ist statistisch gesehen vorhanden. Die Bereitschaft länger zu arbeiten bei vielen auch. Vom «Abschied vom guten Leben» kann keine Rede sein! Erben zu enteignen ist übrigens eine ganz eigenartige Vorstellung. Als hätten Eltern einen Anspruch darauf, ihren Kindern – zulasten der Ergänzungsleistungen – etwas zu vererben.

Die Visionen stehen in der Bundesverfassung

Dann machte sich kürzlich der Schriftsteller Maurus Federspiel Sorgen über die Veränderung der Schweiz durch die starke Zuwanderung. Er fragte Bundesrätin Sommaruga in einem offenen Brief nach ihrer Vision für das Land. Magistratinnen und Magistraten seien keine blossen Funktionäre, sondern müssten eine Vision haben, das Bild einer Zukunft, die sie für erstrebenswert hielten. Federspiel skizziert in seinem Brief dann leider nicht seine Vision für die Schweiz, sondern ausschliesslich seine pessimistisch vorausgedachten, auf die Zuwanderung ausgerichteten Sorgen.

Frau Sommaruga weiss, dass die Visionen der Schweiz nicht entwickelt werden müssen, sondern in der Verfassung zu finden sind. Dort, wo das Schweizervolk und die Kantone ihre erstrebenswerten Bilder schon immer festgehalten haben: In der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, zur Stärkung von Freiheit, Demokratie, Unabhängigkeit, Frieden und in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt. Im Willen um gegenseitige Rücksichtnahme und Achtung der Vielfalt in der Einheit, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen. In der Gewissheit, dass nur frei ist, wer seine Freiheit gebraucht und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.

Gut, dass Natur, Grenzwerte, gutes Leben und Zuwanderung nicht nur mit mathematischen Gesetzmässigkeiten zu tun haben, sondern auch mit den erstrebenswerten Bildern der Zukunft, die wir gemeinsam festgelegen, um uns an ihnen bei der angemessenen Umsetzung orientieren zu können.