«Viele Städter haben wenig Bezug zur Jagd»

Hochsitz

Am 23. September wird im Kanton Zürich über die Initiative «Wildhüter statt Jäger» abgestimmt. Sie sieht vor, dass die Jagd abgeschafft wird und Jäger künftig durch kantonale Wildhüter ersetzt werden. In Bauma zeigt man wenig Verständnis für die Initiative.

Wenn die Stimmberechtigten des Kantons im September über die Volksinitiative «Wildhüter statt Jäger» abstimmen werden, steht einiges auf dem Spiel. Für die Jäger geht es um nichts weniger als ihre Existenz. Für die Befürworter wiederum geht es darum, ein für alle Mal mit der – so die Initianten – «tierquälerischen Jagd» zu brechen. Sie verlangen, dass der Kanton ein «Wildtier-Management» mit professionell ausgebildeten Wildhütern führt.

Dabei soll die «natürliche Regulierung des Wildtierbestandes» im Vordergrund stehen und die Jagd abgeschafft werden. Bei kranken oder verletzten Tieren soll durch die vom Kanton an­gestellten Wildhüter eingegriffen werden. Gejagt werden soll nur noch dann, wenn «alle erdenklichen Schutzmassnahmen nicht erfolgreich waren». Hinter der Initiative steht ein über­partei­liches Komitee, bestehend aus mehreren Tierschutzorga­nisationen, unter anderen der «Zürcher Tierschutz», «Tier im Recht» und die «Tierpartei Schweiz».

Die Initianten argumentieren, dass gerade die Jagd zu einer ­Bestandszunahme führe, weil die Tiere durch den Jagddruck früher geschlechtsreif werden und somit fruchtbarer. Die «künstlich erzeugte Zunahme» des Wildtierbestandes wiederum werde als Rechtfertigung für die Tötung der Wildtiere von Seiten der Jäger angeführt. Als Vorzeigemodell stützen sich die Befürworter auf den Kanton Genf. Dort wurde 1974 mittels Volksabstimmung die Jagd verboten.

Wenig Verständnis für Initiative

Für Jürg Küenzi, Förster in Bauma, ist die Initiative «nicht zielführend». Sollte sie angenommen werden, so würde der Tierbestand stark zunehmen und der Lebensraum belastet, glaubt der Förster. Nachteile sieht Küenzi auch hinsichtlich des Arbeitsaufwandes und der Finanzen. «Auf die Waldbesitzer würde deutlich mehr Arbeit zukommen. Der Kulturbestand müsste häufiger eingezäunt werden. Sollte man also alle erdenklichen Massnahmen zum Schutz der Pflanzen ergreifen, würde das sehr teuer kommen», so Jürg Küenzi.

Dass man Jäger, die über genaue Ortskenntnisse verfügen, durch kantonale Wildhüter ersetzen würde, welche die lokalen Begebenheiten kaum kennen, macht für den Förster wenig Sinn. Küenzi ist zuständig für ein Waldgebiet von rund 1000 Hektaren. Darunter gehören auch die Jagdreviere Bauma I und Bauma II. Als Förster arbeitet er eng zusammen mit den Waldbesitzern sowie auch mit den Jägern. Zweimal jährlich treffen sich Jäger und Förster. Obgleich er in der Rolle als Förster nicht ­mitentscheidet, wie viele Tiere in den beiden Jagdrevieren geschossen werden dürfen, setzt er zusammen mit der Jagdgesellschaft jeden Frühling mit der Verjüngungskontrolle den geografischen Schwerpunkt für die Jagd fest. Im Zuge der Kontrolle wird auf den «Verbiss» geschaut. Gerade Bäume wie die Weisstanne oder die Ahorne seien durch Rehverbiss besonders betroffen. In dem Perimeter, wo am meisten verbissen wurde, wird während der Jagd verstärkt in den Rehbestand eingegriffen.

Zuständig für die Höhe der «Kontingente» der zu tötenden Tiere ist das Amt für Fischerei und Jagd, welches der Baudirektion des Kantons unterstellt ist. Jeden Frühling wird in den Jagdrevieren der Bestand gezählt, danach machen die Jagdgesellschaften einen Vorschlag, wie viele Tiere in dem Jahr geschossen werden sollen. Zuletzt ist es dann aber der Kanton, der die Zahl bestimmt.

Mit Militanten kann man nicht sprechen

Neben Küenzi sieht auch Fritz Kohler, Obmann der Jagdgesellschaft Bauma I, in der Initiative eine Gefahr. Mit der Annahme der Initiative, ist Kohler überzeugt, würde sich der Tierbestand rasant vermehren, und gleichzeitig würden auch die Krankheiten zunehmen. Der Bestand von Wildschweinen würde, ohne das Eingreifen von Jägern, um 300 und derjenige von Rehen um 50 bis 80 Prozent anwachsen. Auch sei es unmöglich, dass zukünftig nicht mehr gejagt werde, das zeige das Beispiel Genf. Dort seien, trotz des Jagdverbots, seit 1974 über 20’000 Tiere geschossen worden. «Es ist unmöglich, ohne Regulierungen fortzufahren», sagt Kohler.

Hinter den Befürwortern der Initiative sieht er «militante» Tierschutzkreise. Dass von den Initianten vorgeschlagene kantonale Wildhütersystem, welches die Jagd ersetzen solle, ist für den Obmann auch in wirtschaftlicher Hinsicht ein höchst fragwürdiges. Jährlich würden, wie der Regierungsrat sagt, Kosten in Höhe von 20 bis 30 Mil­lionen Franken entstehen. «Für mich als Steuerzahler ist es bedenklich, wenn solch hohe Kosten für Wildhüter ausgegeben werden», so Kohler.

In diesem Jahr zahlte Kohler, wie alle Mitglieder des Vereins «Jagd Zürich», den doppelten Mitgliederbeitrag, 200 anstatt 100 Franken. Gegenwärtig erhält der Verein viele Spenden, welche in den Abstimmungskampf am 23. September fliessen. Die Rede ist von mindestens 300’000 Franken. Für Kohler, der bereits seit 47 Jahren auf die Jagd geht, hat sich das öffentliche Bild der Jäger in den letzten Jahrzehnten stark verändert. «Vor 40 Jahren war es einfach, jagen zu gehen. Damals wurde man nicht angezweifelt.» Mit den heutigen «militanten» Tierschützer könne man nicht mehr diskutieren.

Auf dem Gebiet der Jagdgesellschaft I, für die Kohler zuständig ist, werden in diesem Jahr zwischen 40 bis maximal 60 Rehe geschossen. Wildschweine hat es im Moment nur wenige, weshalb in letzter Zeit auch nur wenige erlegt wurden. Zum Vergleich: Im Kanton Zürich wurden in den letzten Jahren meist über 4000 Rehe, 2000 bis 3000 Füchse und zwischen 600 bis 1500 Wildschweine pro Jahr geschossen.

Argumente sind «stumpfsinnig»

Jäger und Gemeindepräsident Andreas Sudler (parteilos) kann der Initiative ebenfalls nichts abgewinnen. Die Argumente der Befürworter hält er für einen «Stumpfsinn». Doch auch wenn der Regierungsrat und der Kantonsrat die Initiative ablehnt, zeigt sich der Gemeindepräsident skeptisch angesichts der bevorstehenden Abstimmung. «Ich befürchte ganz andere Sichtweisen in den urbanen Gegenden. Viele Leute in den Städten haben wenig Bezug zur Jagd.» Trotzdem gibt Sudler zu Bedenken, dass er nicht die Städter generell als Jagdgegner betrachte. Seiner Ansicht nach brauche es in den Städten allerdings mehr Aufklärungsarbeit.

Skepsis bereits bei Vernehmlassung

Schon während der Vernehmlassung zum neuen Jagdgesetz letztes Jahr zeigte man sich in Bauma sehr skeptisch. Das neue Jagdgesetz wurde im April vom Regierungsrat an den Kantonsrat überwiesen. Dieses sah ursprünglich vor, dass nicht mehr die Gemeinden, sondern der Kanton für die Revierabgabe zuständig sein sollten. Auch sollte der Pachtzins vollständig an den Kanton gehen, und nicht mehr zu einem Fünftel an die Gemeinden wie bisherig. Gemeindepräsident Andreas Sudler sprach von einer «Verstaatlichung der Jagd». Aufgrund der scharfen Kritik, welche das Gesetz in vielen ländlichen Gemeinden während der Vernehmlassung hervorrief, wird nun voraussichtlich weiterhin die Gemeinde für die Revierabgabe zuständig sein und ein Fünftel des Pachtzinses er­halten.