Viel Lärm um nichts?

In den letzten Wochen sorgte ein Facebook-Eintrag von Nationalrat Andreas Glarner für grossen Wirbel. Er schrieb, eine enttäuschte Mutter habe ihn angerufen und ihm mitgeteilt, ihren Kindern sei verboten worden, Cervelats an ein Abschlussfest mitzubringen. Produkte mit Schweinefleisch dürften nicht auf demselben Grill liegen wie Grilladen muslimischer Kinder. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Glarner weigerte sich, nähere Angaben zum genannten Fest zu machen, weshalb sich schwer nachprüfen liess, ob dies tatsächlich stimmte. Schliesslich wurde ein Brief einer Schulgemeinde im Aargau veröffentlicht. Die Kinder einer ersten Klasse sollten am letzten Schultag vor den Ferien etwas zum gemeinsamen Zmittag beisteuern. Damit alle davon essen könnten, wurde darum gebeten, kein Schweinefleisch mitzubringen.

Sofort entbrannten hitzige Diskussionen. Glarner wurde vorgeworfen, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Er nehme jeden Anlass, um gegen Muslime zu hetzen. Der Schulpräsident der betreffenden Gemeinde verstand die Aufregung nicht. Von einem Verbot zu sprechen, sei an den Haaren herbeigezogen. Es handle sich um eine einfache Bitte, wer wolle, könne trotzdem Schweinefleisch mitbringen. Es sei lediglich darum gegangen, dass alle Kinder beim Buffet herzhaft zugreifen könnten. Es werde viel Lärm um nichts gemacht.

Glarner ist eine Reizfigur. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Diskussion sofort um seine Person drehte. Mit seinen darauffolgenden Posts ging er zu weit, darin dürften sich alle einig sein. Das ändert jedoch nichts daran, dass besagter Elternbrief verschickt wurde. Anders als der Schulpräsident kann ich die Aufregung darum sehr gut verstehen. Wird man in einem Elternbrief darum gebeten, etwas zu unterlassen, handelt es sich um nichts anderes als um ein Verbot. Dass das Verbot höflich formuliert wurde, ändert inhaltlich nichts. Auch die Erklärung, es sei darum gegangen, dass alle Kinder herzhaft zugreifen könnten, überzeugt nicht. In der heutigen Zeit ist es kaum vorstellbar, dass in dieser Klasse weder ein Vegetarier noch ein Veganer oder ein Allergiker ist. Es ging also wohl nicht um alle Kinder, sondern um die muslimischen. Alle anderen sollten kein Schweinefleisch mitbringen, damit die muslimischen Kinder nicht in Gefahr geraten würden, aus Versehen damit in Berührung zu kommen.

Eine ähnliche Problematik stellte sich in der letzten Woche, als der iranische Präsident der Schweiz einen Staatsbesuch abstattete. Rohani ist strenggläubiger Moslem. Daher wollte er während seines Aufenthaltes in der Schweiz nicht von den Sitten des konservativen Islam abweichen. Also wurde kurzerhand ein alternatives diplomatisches Protokoll erstellt. Dieses sah vor, dass er niemandem die Hand schütteln sollte. Einzige Ausnahme war die Ankunft der Delegation am Flughafen Zürich und die Verabschiedung in Bern. An diesen zwei Orten war Bundesrätin Sommaruga nicht anwesend. Bundespräsident Berset die Hand zu geben, war ihm ja erlaubt. Auch die Inneneinrichtung des Hotels, in dem ein offizielles Treffen stattfand, wurde angepasst. Alle Bilder und Skulpturen, die nackte oder nur teilweise bekleidete Menschen zeigten, mussten verdeckt oder weggestellt werden.

Die Schweiz kann stolz sein auf ihre freiheitliche Tradition. Schon lange wurde verfassungsmässig verankert, dass sich jeder frei für (oder gegen) einen Glauben entscheiden kann und diesen ausleben darf. Das ist nur möglich, wenn aufeinander Rücksicht genommen wird und die Ansichten und Gepflogenheiten des anderen respektiert werden. Rücksichtnahme, Toleranz und Respekt bedeuten für mich jedoch nicht Selbstverleugnung. Wer sich dafür entscheidet, in die Schweiz zu kommen, hat unsere Traditionen und Werte zu respektieren. Das bedeutet auch, sich an die hiesigen Sitten anzupassen. Natürlich soll niemand dazu gezwungen werden, etwas zu essen, was ihm gemäss seinem Glauben verboten ist. Es ist aber wohl kein Problem, seinem Kind etwas anderes zum Essen mitzugeben oder an diesem Tag schlicht auf Fleisch zu verzichten. Ganz bestimmt ist es nicht Aufgabe der anderen Eltern, ihre Essgewohnheiten anzupassen. So etwas darf von einer Schule nicht gefordert werden – auch nicht, wenn es höflich als Bitte formuliert wird.

Für mich ist unverständlich, dass unter dem Deckmantel von Rücksichtnahme und Toleranz die eigenen Werte und Sitten verraten werden. Auch Gastfreundschaft rechtfertigt es nicht, ein diplomatisches Protokoll zu verfassen, das unseren Werten diametral widerspricht. In der Schweiz sind Frauen Männern gleichgestellt. Ich bin keine Feministin. Aber es ist für mich inakzeptabel, dass die Regierung die religiösen Gefühle eines ausländischen Machthabers über die Gepflogenheiten unseres Landes stellt und akzeptiert, dass dieser sich weigert, einer Frau die Hand zu geben. Die Regierung sollte ein Vorbild sein. In dieser Angelegenheit war sie genau das Gegenteil. Ein Beispiel dafür, wie man die eigenen Werte verleugnet.