Verkehr nimmt ungebremst zu

Auch im Tösstal nimmt der Verkehr zu )Cartoon: Tarik Kesen)

Zuerst die gute Nachricht: Im kantonalen Vergleich gehört das Tösstal zu den am wenigsten befahrenen Regionen. Dann die Schlechte: Der Verkehr nimmt auch auf hiesigen Strasse ungebremst zu.

Es mag Anwohner überraschen, die tagtäglich die Blechlawine beobachten, doch nach Einschätzung von Richard Sägesser, stellvertretender Amtschef des Amts für Verkehr, gehört das Tösstal «zu den Regionen im Kanton, die vergleichsweise wenig Strassenverkehr aufweisen». Nichtsdestotrotz, das Amt rechnet auch hier mit einer Zunahme in den kommenden zwölf Jahren um bis 20 Prozent.

Stauquellen

Der am wenigsten befahrene Abschnitt liegt nach Auskunft des Zürcher Verkehrsamts zwischen Fischenthal und Steg. Hier sind an einem durchschnittlichen Werktag etwas mehr als 3500 Fahrzeuge unterwegs. Die regionale Verbindungsstrasse Dorf-/Bolsternstrasse im Ortsteil Kollbrunn wird täglich von 2800 Fahrzeugenbefahren. Ab Bauma nimmt der Verkehr Richtung Winterthur kontinuierlich zu.

Als Stauquelle gilt der Abschnitt zwischen Wald und Winterthur. Zwischen Bauma und Saland sind es leicht weniger als 7000, zwischen Saland und Turbenthal ungefähr 9300 Vehikel. Wenig überraschend befinden sich die am stärksten befahrenen Abschnitte mit über 11’000 Fahrzeugen im Grundtal vor Wald sowie zwischen Kollbrunn und Winterthur. Zum Vergleich: Die Strecke zwischen Wetzikon und Pfäffikon ZH wird werktäglich von 14’000 Fahrzeugen frequentiert, zwischen Uster und Wetzikon von 30’000.

Abendlicher Pendlerverkehr

Insgesamt betreibt der Kanton 273 Messstellen, im Tösstal sind es sieben. Die Zählanlage 3588 liegt ausgangs Bauma, westwärts an der Hauptstrasse 15. Morgens misst sie hier von 7 bis 8 Uhr 370 bis 416 Fahrzeuge. Dieser Wert wird mittags zwischen 12 und 14 Uhr mit 440 noch überschritten. Die meisten Vehikel, nämlich 657, kommen allerdings um 18 Uhr vorbei. Der durchschnittliche tägliche Verkehr beträgt hier 6847 Fahrzeuge. Davon sind 181 dem Schwerverkehr zuzurechnen. Die Zahl der Motorräder ist generell gewachsen und beträgt hier über 5 Prozent. An dieser Messstelle hat der Verkehr innert zehn Jahren um 748 Fahrzeuge pro Tag zugenommen. Am höchsten ist die Befahrung Mitte Woche und im Jahresvergleich im September.

Der Pendlerverkehr führt hauptsächlich in die Wirtschaftsmetropole Zürich und nach Winterthur. Allerdings fahren die Pendler nicht linear durchs Tösstal, denn die Erwerbstätigen durchfahren nicht zwingend den Talboden. Die Zählstelle in Turbenthal zum Beispiel zeigt eine eher flache Morgenspitze, die interessanterweise gegen Mittag ansteigt aber erst abends zwischen 17 und 19 Uhr Spitzenwerte erreicht. Die Verkehrsstränge durchs Tösstal spielen eine Rolle im Gesamtverkehrskonzept, indem sie den Kantonsteil erschliessen und in den Seitenachsen den Verkehr nach Bäretswil und Wetzikon leiten. Vom dichten Netz der Zürcher Hochleistungsstrassen ist das Tösstal ausgenommen – verglichen mit anderen Regionen ist dieser Kantonsteil nicht in kurzer Distanz zu erreichen.

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Vor allem Freizeitfahrten

Die Auswertungen zeigen: Der Anstieg im Tösstal verhält sich nicht anders als in den anderen Kantonsgebieten. Die Gründe für die Fahrten, erhoben im ganzen Kanton, weichen im Tösstal nicht vom kantonalen Mittel ab. 44 Prozent der Fahrten haben einen Freizeitzweck, 26 Prozent dienen einer Arbeitsausübung, 13 Prozent dem Einkauf und 5 Prozent der Ausbildung. Der Durchschnittschweizer legt täglich mehr als 35 Kilometer zurück. In den letzten 25 Jahren hat der Bestand an Motorfahrzeugen im Kanton um rund 275’000 zugenommen. Gleichzeitig stiegen die gefahrenen Personenkilometer des Privatverkehrs von 77 auf 95 Milliarden Kilometer.

Unfallschwerpunkte

Konstant nimmt auch die Verfügbarkeit von Verkehrsmitteln zu. Waren 1990 pro 1000 Personen noch 444 Personenwagen unterwegs, waren es 2002 schon 500. Zu Beginn des neuen Jahrtausends hatten 72 Prozent ein Auto zur Verfügung. Ein Nadelöhr, längst als Unfallschwerpunkt bekannt, wird 2018 endlich entschärft: Der Kreisel in Kollbrunn. Hier treffen auf Gemeindegebiet von Zell die Achsen Tösstal-/Dorf- und Weisslingerstrasse zusammen. Das Strassenprojekt, das die Sanierung der Dorfstrasse und Umgestaltung zur Tempo-30-Zone einschliesst, kostet fast fünf Millionen Franken. Als weitere Unfallschwerpunkte gelten Bauma, Turbenthal und Zell, wo sich im Mittel jährlich je über 30 Unfälle ergeben.

Der Strassenverkehr ist mit 90 Prozent Hauptverursacher der Stickoxid-Emissionen, wobei der Individual- und der Güterverkehr zu gleichen Teilen dafür verantwortlich sind. Während das Tösstal selbst nicht durch grössere Industrieschwerpunkte auffällt, ist Winterthur ein Magnet für Schwertransporte. Im Tösstal liegt der Schwerverkehrsanteil an der Gesamtverkehrsmenge im kantonalen Durchschnitt zwischen zwei und sieben Prozent.

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Bedürfnis nach Lärmschutz steigt

Auf Schweizer Strassen beträgt der Anteil des von LKWs produzierten Strassenlärms 20 Prozent. Gemäss Umweltschutzgesetz und Lärmschutzverordnung (LSV) besteht eine Sanierungspflicht gegenüber Liegenschaften: Der Alarmwert von 70 Dezibel (65 Dezibel in der Nacht) darf nicht überschritten werden. In der Schweiz lebt jeder Fünfte an einem Ort, wo diese Grenze verletzt wird. Dass die Lärmbelastung sich gesundheitlich auswirken kann, ist erwiesen. Der Countdown läuft: Nach Ablauf der Frist am 31. März 2018 erhalten die Kantone für die Sanierung keine Bundesgelder mehr. Die Lärmliga Schweiz hat bereits unmissverständlich Klagen angedroht, wenn die Frist überschritten wird.

Lärmarmer Belag im Test

Je nach örtlicher Voraussetzung können lärmarmer Belag oder Lärmschutzwände geeignet sein. Kommt dies nicht in Frage, müssen Sanierungserleichterungen beantragt und der Einbau von Schallschutzfenstern geprüft werden. Gemäss Auskunft von Thomas Maag von der kantonalen Baudirektion wurden in den meisten Fällen an den Kantonsstrassen Schallschutzfenster eingebaut. «Die Realisierung von Lärmschutzwänden stösst immer mehr auf Widerstand», musste Maag feststellen. In den Ortszentren seien die Wände oft nicht mit dem Ortsbild verträglich. Da Staatsstrassen leistungsfähig sein müssen, wurde das Tempo 30 zu Lärmschutzzwecken bisher nicht realisiert. Der Kanton testet derzeit lärmarme Beläge auf bestimmten Sanierungsstrecken.

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Fast überall in der Zeit

«An mehreren Orten wie Turbenthal, Zell und Bauma wurden Lärmschutzwände geprüft, aber wegen ungenügender Wirkung oder ungünstigem Kosten-Nutzen-Verhältnis abgelehnt», so Maag weiter. In Saland an der Hittnauerstrasse ist eine Lärmschutzwand in Planung. In Wila sind die Untersuchungen zu den Lärmschutzmassnahmen noch in Bearbeitung. «Ausser in der Gemeinde Wila ist die Lärmsanierung der Staatsstrassen im Tösstal abgeschlossen oder kurz vor dem Abschluss.» Das Lärmsanierungsprojekt in Wila jedoch kann voraussichtlich erst im Sommer, nach Ablauf der Frist, fertig erstellt werden. Die Ausführung soll dann 2019 erfolgen. Abgeschlossen ist die Lärmsanierung im unteren Tösstal, nordwestlich von Winterthur, sowie in Zell, Turbenthal, Bauma und Fischenthal, inklusive der angrenzenden Gemeinden Weisslingen, Wildberg und Schlatt.

BAUVORHABEN
Geplante Bauvorhaben im Tösstal 2018
Bauma:
Instandsetzung Steg-/Gublenstrasse, Lipperschwändi bis innerorts; bauliche Lärmsanierung an den Liegenschaften Hittnauarstrasse, Heinrich-Gujer-Strasse, Tösstalstrasse
Fischenthal: Instandsetzung Ohrüti-/Straleggstrasse, Tösstalstrase bis Hinterbleichi
Wila: Instandsetzung und Bushaltestellen an Schalchen-/Hofstetten-/Tösstalstrasse.

Roland Schäfli (k)