Unsichere Zeiten für Wirtschaftsförderer

(Grafik: Tacasso Arts)

Als brummenden Wirtschaftsstandort kann man das Tösstal nicht bezeichnen. Jetzt soll ein neues Konzept gesamtheitlich greifen. Doch die Standortförderer sind sich nicht in allen Punkten einig.

Neue Firmen bringen Steuergelder, Arbeitsplätze. Der Strukturwandel machte sich zuletzt während der Frankenkrise bemerkbar, als das Tösstal Arbeitsplätze verlor. Standortförderung ist das Schlagwort der Stunde. Doch bei der Ansiedlung finanzstarker Unternehmen stehen die Regionen in Konkurrenz. Gute Karten hat, wer verkehrstechnisch ideal gelegen ist, unweit der grossen Wirtschaftszentren, und wer genügend Raum für Expansionspläne hat. Kriterien, die das Tösstal nicht erfüllt.

Kriegskasse gefüllt

Verschiedene Wirtschaftsverbände haben die Zeichen der Zeit erkannt. Im Gemeindeverband RZO (Region Zürcher Oberland) schliessen sich rund 20 Gemeinden zusammen, darunter Wila, Wildberg und Bauma. Jede Mitgliedgemeinde zahlt nach Einwohnerzahl (2.50 Franken pro Kopf) in einen Topf ein. Das soll die Kriegskasse jährlich mit 320’000 Franken füllen. Wobei die Gemeinden, die sich noch nicht zur Teilnahme entschlossen, als Trittbrettfahrer profitieren dürften. Doch die RZO befindet sich in einer Übergangsphase. Anfang Jahr gab Peter Imhof die Geschäftsführung ab. Seither läuft die Suche nach einem professionellen Standortförderer. Dieser Vernetzungsspezialist soll eine Scharnierfunktion einnehmen: zwischen Firmen, Gemeinden, Interessenverbänden und kantonalem Amt für Wirtschaft und Arbeit. Ad interim ist damit Michael Dubach beauftragt, doch von ihm ist nicht mehr zu erfahren als: «Wir führen die Standortförderung nicht im herkömmlichen Sinne, demnach geht es auch nicht primär um Ansiedlungen, sondern vielmehr um Projekte in der Region und Synergienutzung…»

Welche Rolle spielt das Tösstal?

Präsidiert wird die RZO von Annemarie Beglinger, Gemeindepräsidentin von Mönchaltorf. Ein neu erarbeitetes Konzept wird den Delegierten am 14. Juni vorgestellt. Die Grundsatzidee dahinter: Wirtschaftsförderung kann nicht losgelöst betrachtet werden, sondern ist verbunden mit dem Angebot von Tourismus, Freizeit und Wohnen. Der mögliche Slogan «Leben statt pendeln» trifft den Kern der Sache. Die RZO-Region bietet sich damit insbesondere als Arbeitsplatzgebiet an, das Tösstal würde in dieser Strategie eine tragende Rolle als Naherholungsgebiet spielen. Die Vorteile der einzelnen Gebiete sollen dadurch zu den Vorteilen der Region werden. Braucht das Tösstal sich demnach keine Hoffnungen auf lukrative Firmenzuzüge zu machen? Lucius Graf leitet im «House of Winterthur» die Bemühungen für Ansiedlungen. Er sieht das Potential des Tösstals bei «kleineren und mittleren Betrieben, die keine aufwändigen Logistikansprüche haben». Stilles produzierendes Gewerbe sollte sich in diesen Gefilden ebenfalls gut aufgehoben fühlen. 

STANDORTFÖRDERUNG
Gemäss kantonaler Standortförderung wurden 2017 neu 18 Firmen angesiedelt, die in ihrem ersten Betriebsjahr 82 Arbeitsplätze schufen. Diese Zahl soll sich in fünf Jahren auf 326 vermehren. Im Vorjahr: 22 Firmen, 77 Arbeitsplätze. 2015 zogen 24 Firmen in den Kanton, 92 Arbeitsplätze. «House of Winterthur» führt halbjährlich eine Unternehmensbefragung bei 1600 Firmen durch: Die Rückmeldungen aus dem Tösstal seien «mehrheitlich positiv und konstant». Der Glaube an den Standort, davon gehen die Förderer in Winterthur aus, sei ungebrochen.

Winterthur als Marke

Georg Brunner, der Turbenthaler Gemeindepräsident, sitzt in der Begleitgruppe des «House». Auch der Verband der Gemeindepräsidenten Winterthur hat für eine regionale Zusammenarbeit in dieser Frage entschieden. Brunner: «Es ist unrealistisch geworden, als einzelne Gemeinde bei den Firmen um Ansiedlung zu werben.» Winterthur soll innerhalb der «Greater Zurich Area» als regionale Marke auftreten. All diese Gremien sind miteinander verwachsen, auch mit der RZO. «Die Vernetzung», so Brunner, «wird immer wichtiger.» Von lokaler Seite werden dann lediglich noch freistehende Objekte oder mögliche Landverkäufe gemeldet. Turbenthal budgetiert jährlich wiederkehrende Beiträge von rund 40‘000 Franken für diese Leistungen. Den klaren Nachteil analysiert Lucius Graf in der Distanz zur Autobahn, zwingend für Aussendienstler. Auf dieser neuen Organisation ruhen grosse Hoffnungen; ihr Name impliziert bereits die angestrebte Internationalität. Im «House of Winterthur» schliessen sich regionale Standortförderer zusammen. Die Fäden von Standortpromotion, Wirtschaftsförderung und Tourismusmarketing sollen
hier zusammenlaufen. Zell und Turbenthal sind Teil der breit abgestützten Mitgliederbasis. In diesen Gemeinden war in den letzten Jahren ein Rückgang von Neugründungen ersichtlich.

Expansion ermöglichen

Allerdings ist «Wirtschaftsförderung» in Annemarie Beglingers Auslegung nicht auf die Ansiedlung beschränkt. Als prioritär schätzt sie ein, die bestehenden zu halten. «Wir wissen von einigen Unternehmen, die sich vergrössern wollen», sagt sie, «und Expansionspläne sollen innerhalb der Region umgesetzt werden.» Als wichtig erachtet Beglinger auch die Verbindungen, nicht nur die des Verkehrs, sondern jene der Kommunikation. Die Verfügbarkeit von Breitband ist für modern aufgestellte Firmen unerlässlich geworden. Beglinger will auf die Wechselwirkung dieser regionalen Kompetenzen setzen: auch wenn eine Firma nicht am Ort angesiedelt werden könne, so sei doch für deren Mitarbeiter wichtig, dass sie im direkten Umfeld attraktive Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangebote finden. Dass Neufirmen in der Umgebung auch das Fachpersonal rekrutieren können, davon gibt sich Brunner überzeugt. «Wir haben ein breites Spektrum von Berufsleuten.» 

«Abenteuerliche Zeit»

Jürg Neffs Gefühle hinsichtlich der neuen Strategie sind gemischt. Bis Ende 2017 hatte er das Amt des Wirtschaftsförderers der Region Zürcher Oberland inne. Gleichzeitig ist Neff Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Zürcher Oberland (AVZO). Es sei ja nicht so, dass die Standortförderung bis anhin nicht funktioniert habe. Bisher bildeten rund 150 Unternehmen der Region die Basis dieses Netzwerks. Neff bezeichnet die Neuausrichtung als den Beginn einer «abenteuerlichen Zeit». Ob dann die Stimme der Wirtschaft noch so gut zu hören sei, müsse sich zeigen. Deckungsgleich ist seine Meinung mit Beglinger über die Verfügbarkeit von Industrieland. «Neue Firmen anzuziehen bringt nur etwas, wenn vorher mit Landbesitzern und Erbengemeinschaften Klarheit besteht.» Die Winterthurer arbeiten an einer Online-Anwendung, die verfügbares Bauland direkt den Interessenten präsentiert; sie soll Mitte Jahr live gehen.

Von der neuen Strategie erwartet Neff nicht weniger als eine Imagekorrektur: Als Standortförderer wurde er nicht selten von potentiellen Interessenten mit dem Vorurteil «hinter dem Bachtel beginnt die Provinz» abgespiesen, die Region geniesse bezüglich Verkehrsanbindung einen schlechten Ruf. Nach Ansicht von Annemarie Beglinger liesse sich die Attraktivität schon steigern, wenn die Behandlung von Baugesuchen effizienter werde. «Der Thurgau ist uns da einiges voraus.»

NACHGEFRAGT
Kein Naturpark Zürcher Oberland
An der Generalversammlung von Pro Zürcher Berggebiet (PZB) vom 19. April wurde entschieden, das Projekt eines Regionalen Naturparks nicht mehr weiterzuverfolgen. Der «Tößthaler» hat bei Michael Dubach, Geschäftsführer von PZB, nachgefragt.

Ist mit der «Einstellung des Managementplans», wie es in einer PZB-Mitteilung heisst, der Regionale Naturpark ad acta gelegt?
Michael Dubach: Bis ein Naturpark entsteht, sind verschiedene Schritte notwendig. Bei der Machbarkeit ging es um die Ist-Aufnahme und darum zu sehen, ob die Region über das entsprechende Potenzial verfügt. Der Managementplan ist der nächste Schritt. Hier geht es darum, den Park mit Inhalt zu füllen und festzulegen, welche Projekte mit dem «Instrument» Naturpark durchgeführt werden sollen. Auf diesem Weg ist es immer möglich, auszusteigen. Mit dem Einstellen des Managementplanes ist das Projekt eingestellt und wird nicht weiterverfolgt.

Wo genau fehlte es am «gemeinsamen Nenner», wo drifteten die Auffassungen auseinander? Es gibt unterschiedliche Auffassungen, was ein regionaler Naturpark ist, kann und soll.

Was wäre der «Mehrwert» des Naturparks für die Region gewesen??
Das Regionalmanagement ist mit der Dachmarke «natürli zürioberland» und darunter laufenden Projekten im Bereich Regionalprodukte und Tourismus schon gut unterwegs. Durch die heutige Arbeit mit «natürli» war es herausfordernd, den Mehrwert aufzuzeigen. Der Mehrwert wäre in der Stärkung bestehender Initiativen, zum Beispiel Regionalprodukte national positionieren, Naturerlebnistouren stärken, Tourismusbetriebe vernetzen und fördern, Massnahmen im Bereich Wandern und Bike umsetzen und im Anschluss der Region an ein nationales Netzwerk gelegen. Unsere Region wäre auf der Plattform von Schweiz Tourismus mit den Pärken präsent gewesen.

Wie äusserte sich die Zurückhaltung der regionalen Akteure gegenüber dem Projekt?
Es zeigten sich wenig Akteure bereit, offensiv am Projekt mitzuarbeiten und Projekte einzubringen. Ein solches Projekt muss von der Basis kommen, wenn es erfolgreich sein soll.

Wie geht es nun weiter?
Die Resultate der Machbarkeit werden verwendet für weitere Initiativen in der Region, wie zum Beispiel Industriekultur oder Projekte in der Region.