Über fliessende Grenzen 

Klar ist, dass mit dem milliardenschweren Rettungsschirm nicht Griechenland, sondern deutsche und französische Banken gerettet wurden. Zu tun hat das mit Kreditversicherungen, mit gigantisch viel Buchgeld, mit Wetten auf den Wertverfall griechischer Staatsanleihen und mit einer gezielten Schwächung des Euro. Davon überzeugt hat mich Wolfgang Schorlau im neusten Band der Krimireihe um den Privatermittler Georg Dengler.

Weniger klar sind das Dilemma, was zuerst da war – das Huhn oder das Ei oder der vermutete Wandel des Präsidenten zum Bischof der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Der Astrophysikprofessor meint das Huhn, weil es aus genetischer Sicht die DNS des Huhns sei, welches für die Konstruktion der Eierschale verantwortlich ist. Andererseits sei der Vorläufer des Huhns eine Mutation gewesen, die während der Bildung des Eis in den Genen seiner Eltern auftrat. Das Hühnerei war also zuerst da, gelegt von einem Vogel der fast, aber eben nicht ganz ein Huhn ist. Bei Kirchenpräsident Gottfried Locher ist es nicht eine Mutation, die ihn vielleicht zum Bischof macht, sondern eine Verfassungsänderung, über welche die Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes im Juni zu befinden hat.

Kompliziert sind gewisse Dinge alleweil. Der Leiter des Beirates zur Zukunft des schweizerischen Finanzplatzes sieht das mit Griechenland ganz anders. Man habe dort einfach massiv über die eigenen Verhältnisse gelebt, der Staat habe viel mehr ausgegeben als eingenommen. Der emeritierte Ordinarius für Wissenschaftsethik widerspricht. Unter Vollgeld hätten Griechenland, Portugal oder Spanien die Austeritätspolitik vermeiden können – die strenge staatliche Haushaltpolitik, die einen ausgeglichenen Staatshaushalt und eine Verringerung der Staatsschulden anstrebt. Weil ein grosser Teil der Haushalte dieser Staaten aus dem Zinsdienst bestehen würde. Der Astrophysiker spricht im Zusammenhang mit der Mutation dann noch von der berühmten philosophischen Haufenparadoxie, wonach ein Sandkorn noch keinen Sandhaufen macht. Füge man aber irgendwann ein einziges Sandkorn hinzu, werde aus dem Nicht-Haufen ein Haufen.

Ob Wolfgang Schorlau die Haufenparadoxie kennt, ist unerheblich. In seinem Kriminalroman lässt er eine der Hauptfiguren die mediale Berichterstattung zur Rettung von Griechenland auswerten. Die Presse sei einhellig der Meinung gewesen, dass der griechische Staat vor der Zahlungsunfähigkeit stand, weil die Griechen über ihre Verhältnisse gelebt hätten. Eins zu null für den Leiter des Beirates. Fünfzehn Seiten weiter schiesst der Sohn der Hauptfigur den Ausgleich für den Ordinarius: Griechische Anleihen hätten als riskant gegolten, aber beste Zinsen abgeworfen. Die Banken hätten an diesen Anleihen enorm verdient, der griechische Staat sei unter der Last der Zinszahlungen in die Knie gegangen.

Die Paradoxie des Haufens und die fliessenden Grenzen bei der sprachlichen Randbereichsunschärfe von Prädikaten interessieren jedoch niemanden. Beim griechischen Rettungsschirm, bei der Vollgeldinitiative, beim Dilemma zwischen Huhn und Ei und bei Bischof Gottfried Locher interessieren nur die scharfen Enden der Wurst. Das Huhn legt ein Ei, die Griechen sind faul oder die Banken sind schuld, Vollgeld schadet dem Finanzplatz oder vertritt die Interessen der Bankkunden, Gottfried Locher wird gewählt oder nicht.

Beim Deal zur Verknüpfung von Firmensteuerreform und AHV gibt es auch keine fliessenden Grenzen. Das Parlament oder die Stimmberechtigten der Schweiz werden zwischen Ja und Nein haarscharf entscheiden. Ja zum Beispiel, weil der Deal ein Kompromiss ist, mit dem alle gut leben können oder Nein, weil der parlamentarische Kuhhandel die Demokratie aushebeln könnte. Wenn Kompromisse «der schmerzliche und nützliche Versuch sind, zum Wohl von vielen zu handeln», begrüsse ich den Kuhhandel. Auch wenn der Kommentator in meiner Zeitung befürchtet, es könnten ja gleich noch der EU-Beitritt, die Bundesmilliarde für das Olympiaprojekt «Sion 2026», die Kampfjet-Milliarden, eine Verschärfung der Asylpraxis und die Revision des Aktienrechts in das Paket gesteckt werden. Die grossen Parteien würden sich dann auf ein «Regierungsprogramm» mit den wichtigsten Politikfeldern einigen, das Volk könnte nur noch Ja oder Nein zum Gesamten sagen und schwupps hätten wir eine parlamentarische Demokratie, die viele andere Länder kennen, die die Schweiz aber bisher aus guten Gründen nicht wollte.

Zum Schluss: In der Legislaturplanung des Wilemer Gemeinderates wird der (hoffentlich nicht so) schmerzliche und (hoffentlich) nützliche Versuch sichtbar, zum Wohl von vielen zu handeln. Wir werden das «Regierungsprogramm» insgesamt zur Kenntnis  nehmen und wissen, dass bei der Abstimmung über einzelne wichtige Fragen an der Gemeindeversammlung oder an der Urne ein haarscharfes Verhältnis zwischen Ja und Nein und weder sprachliche noch numerische Randbereichsunschärfen resultieren. Das ist gut so.