Trügerische Postkartenidylle

Tag 1. Wir laufen durch die Gänge des Flughafens. Vorneweg mein Mann, der als einziger weiss, wo wir unsere Heuferien verbringen werden. Die Buben und ich eilen hinterher. Sehr neugierig! Das Flugzeug nach Palma de Mallorca erwartet uns bereits. Schmunzelnd betrachte ich meinen Mann. Seine urdeutschen Wurzeln sind wohl hier durchgebrochen. Mein Deal, ans Meer, und er darf bestimmen wohin, hat funktioniert. Nach Flug und Busfahrt quer durch die Insel sind wir im Hotel angelangt. Die wichtigste Info erfragen wir uns zuerst: Wie gelangen wir zum Strand? Wenige Minuten später stapfen wir den Weg durch den Wald Richtung Meeresbucht. Skepsis breitet sich da in mir aus. Viel Abfall, Hundegeschäfte in fester Konsistenz und weiteres (das ich nicht definieren möchte) liegen zahlreich herum. Dann treten wir aus dem Wald und blicken auf Sandstrand und Meer. Ein Bild wie auf einem Werbeplakat. Die verschiedenen Rotstadien der daliegenden Menschen blende ich vorerst aus. Auch die Menge. Obwohl noch keine Hochsaison ist.

Die Buben stürzen sich mit Freudengeheul ins Wasser. Ich bestaune zuerst die wunderbaren Farben des Wassers, geniesse die Meeresluft und wage mich dann, zumindest mit den Füssen, ins kühle Nass. Die Buben locken mich. «Schäre, Stei, Papier». Verliere ich, geht es einen Schritt weiter. Die Wellen erledigen den Rest, und prustend lasse ich mich hineinfallen, schwimme hinaus, vergesse Zeit und alles drum herum. Wir sind fast die Letzten, die mit dem Zusammenpacken beschäftigt sind, als bereits ein Traktor seine Spuren zu ziehen beginnt. Sandreinigung ist Vorarbeit für den kommenden Tag.

Tag 2. Die Pools in der Hotelanlage sind ab heute ebenfalls erobert. Es stört mich nicht weiter, vor der Verköstigung nach sauberen Tellern zu suchen. An die doch sehr präsenten Auftritte der ausschliesslich deutschen Mitgäste habe ich mich schnell gewöhnt. Auch wissen wir, dass WC- Gänge vor dem Strand gemacht werden, da dieses Angebot nur einmal vorhanden ist. Die Buben bekommen die lauten Feiern unter den jungen Strandbesuchern mit. Aber nur einmal rufen sie irritiert ihrem Vater: «Papa. Papa, mir müend dere Frau go hälfe. Es gaht ere nid guet!», während die junge Dame über einen leichten Abhang torkelt, hinfällt und weiterrollt.

Tag 3. Wolken ziehen über uns hinweg, ohne das ersehnte Nass zu spenden. Die Insel leidet in diesem Jahr noch mehr unter Wasserknappheit. Wir wandern zum Leuchtturm und der felsigen Küste entlang. Da und dort erblicken wir feudale, leerstehende Liegenschaften – bespickt mit unzähligen Kameras. Abends freundet sich unser Jüngster mit einem gleichaltrigen Buben aus Norddeutschland an. Von da an sind die Beiden nach dem Nachtessen unzertrennlich.

Tag 4. Die Schifffahrt zur Grottenhöhle fällt aus. Der Schiffsmotor ist kaputt. Wir hoffen, dass dieser am nächsten Tag wieder läuft. Stattdessen schauen wir uns eine nahegelegene Burg an. Die von der Hotelrezeption angepriesene Greifvogelshow entpuppt sich als Besichtigung aus Distanz von sitzenden Greifvögeln in dunklem Raum. Bei unserem täglichen Strandgang kommen wir mit einem Einheimischen ins Gespräch. Segen und Fluch gleichzeitig sei der Tourismus für die Insel, sagt er nachdenklich. Früher habe es genügend Arbeit und guten Lohn gegeben. Die Felder im Landesinnern liegen brach, da alle in den Hotels arbeiten. Doch jetzt sinke der Verdienst, das Geld reiche kaum zum Leben. Dafür türme sich der Schmutz. Und die, die ihn verursachen, nähmen ihn nicht mit nach Hause. «Wir verarmen da und da!». Er greift sich an die hintere Hosentasche und ans Herz. Mit beschämendem Gefühl trotte ich anschliessend meinen Männern hinterher. Ja, wir gehören auch dieser ausbeuterischen Spezies an.

Tag 5. Diesmal klappt die Bootsfahrt in die riesige Grottenhöhle. Ehrfürchtig betrachten wir die jahrtausendalten, haushohen Stalagmiten und Stalaktiten. Grau, beige bis rötlich schimmern sie in dezentem Licht. Auch hier wird die Trockenheit erwähnt. Nur spärlich sind Wassertropfen zu sehen. Wie manch anderes sind offenbar durch diesen intensiven Tourismus auch die Wasserressourcen im Ungleichgewicht. Doch, wie der Grottenführer lakonisch meint, man beisse ja nicht die Hand, die einem Futter gebe.

Tag 6. Nebst Badegenuss, Glaceschlemmen und Botanikstudium (unbekannte Pflanzen faszinieren mich) verliere ich mich, auf dem Sand liegend, zwischen Buchseiten. Abends sprechen wir mit einem Winzer, der eine Weindegustation im Hotel anbietet. Anfänglich reagiert er etwas gereizt auf meine Fragen nach Produktion, Mengenbeschränkung, Ziehsystemen. Doch als ich ihm meine berufliche Laufbahn kurz umreisse, kommt Schwung in die Diskussion. In den Rebgebieten ist noch vermehrt Wasser vorhanden. Es erlaube ihnen gar zwei Ernten pro Jahr. Doch, das gibt er unumwunden zu, leide da die Qualität. Bislang sei dies weniger ins Gewicht gefallen. Das ändere sich nun. Generell leide das Land durch die Nichtnutzung der Felder. Der Boden verfüge über viele Mineralstoffe und ein Gedeihen mit geschickter Wassernutzung sei gut machbar. «Zudem ist es ein Hohn, täglich tonnenweise Nahrungsmittel einzuführen, wenn diese, zumindest teilweise, auch hier produziert werden könnten», sagt er doch ziemlich aufgebracht. «Aber das damit verbundene, notwendige Wissen ist schon bald nicht mehr vorhanden».

Tag 7. Nochmals ausgiebig baden, nochmals den Hafen besuchen und dem Fischer beim Netzflicken zusehen, nochmals einen Tag ohne Pflichten geniessen (ausser dem Kofferpacken), denn am nächsten Morgen erwartet uns das Flugzeug für die Rückreise.