Trost zwischen den Buchdeckeln

Nerven Sie sich auch über diese unsäglich doofen TV-Sendungen mit Leuten, die dafür berühmt sind, berühmt zu sein? Zwar blieb uns auf helvetischen Kanälen bislang Kim Kardashian erspart, aber europäische Busenstars vom gleichen «Format» beglücken uns mit ihrem Gesülze und Geschwätz. Da freut man sich umso mehr über eine aktuelle Studie der University of Cambridge, wonach Fernsehen, Internet und Computerspiele nicht etwa schlau machen, sondern die Verblödung fördern. Gemäss dieser Erhebung sorgt jede zusätzliche Stunde vor den Geräten beim Secondary Education (GCSE), dem britischen Equivalent zum Hauptschulabschluss, für merklich schlechtere Noten. Dieses Resultat jedenfalls ergab die erwähnte Studie an 845 Schülerinnen und Schülern. Wer hingegen – mit Augenmass selbstverständlich – mehr Zeit investiert in Hausaufgaben oder klassisches Lesen, erbringt eine bessere schulische Leistung.

Wenn man der Cambridge-Studie glauben darf, dürfte damit das Klischee widerlegt sein, wonach man sich – so die wohlfeile Theorie – via TV-Konsum und Dokumentationen über das Zeitgeschehen bilden kann. Auch das Internet scheint betreffend Wissenserwerb einen Spitzenplatz einzunehmen. Doch erstaunlicherweise zeigt die Praxis ein ganz anderes Bild. Denn beim GCSE schnitten die Schülerinnen und Schüler umso schlechter ab, je mehr Zeit sie vor den Bildschirmen verbrachten. Die Cambridge-Studie führt ein eindrückliches Exempel an: Wer mit 14,5 Jahren eine Stunde mehr moderne Medien konsumiert hat, erreichte mit 16 Jahren bei der Prüfung 9,3 Punkte weniger. Das entspricht zwei Notengraden in einem Fach oder je einem Notengrad in zwei Fächern.

Hingegen scheint ein gutes Buch wie ehedem positive Effekte auszulösen. Denn jene Schülerinnen und Schüler, die mehr Zeit mit Hausaufgaben oder auch mit Lesen verbracht haben, heimsten beim GCSE deutlich bessere Noten ein. Dies gilt auch für jene, die «nur» aus Vergnügen ein Buch konsumieren, ohne damit einen Lerneffekt anzustreben oder zu erwarten. Eine Stunde mehr Bücherlesen ergab laut Studie 23,1 Punkte bei der Prüfung. Diese Aktivitäten durften allerdings ein tägliches Maximum von vier Stunden nicht überschreiten. Die Cambridge-Forscher erklären dies dahingehend, dass nur sehr schwache Schülerinnen und Schüler noch mehr Zeit in Hausaufgaben investieren müssen, ohne dass daraus ein zusätzlicher Lerneffekt resultiert.

Selbstverständlich lässt die Studie diverse und widersprüchliche Interpretationen zu. Naheliegend und unbestritten ist jene nach einem sinnvollen Ausgleich zum Lernen.
Esther van Sluijs, Expertin für Verhaltensepidemiologie an der University of Cambridge, postuliert körperliche Betätigung, denn sie hat keine schädlichen Nebenwirkungen. «Wir gehen davon aus, dass Programme zur Reduktion von Bildschirm-Zeiten wichtige Vorteile für Prüfungsnoten von Teenagern haben könnten und auch für ihre Gesundheit.» Im Gegensatz zum Herumsitzen vor dem Bildschirm oder PC zeitigen körperliche Aktivitäten keinen negativen Einfluss auf schulische Leistungen und Abschlussnoten; ganz im Gegenteil. Mithin dürfte gesunder Sport – in vernünftiger Dosierung ausgeübt – eine sinnvolle Abwechslung und Ergänzung zum Lernen sein und ist zweifellos besser als passiver TV- und Internet-Konsum sowie Computerspiele.

Naheliegender Weise betrachten und vermarkten die TV-Produzenten ihre Erzeugnisse als wertvoll, smart und intelligenzfördernd. Der Chef eines Schweizer Privatsenders behauptete kürzlich in
einem Interview allen Ernstes, seine Eigenproduktionen («Bachelor», «Bauer, ledig, sucht…») wirkten in diese Richtung und würden den IQ nach oben treiben. Selbstbewusst führt er als Kronzeuge das Buch «Everything Bad Is Good for You» auf, respektive die dort erwähnte Langzeitbetrachtung, gemäss welcher die Menschen immer intelligenter würden und durchschnittlich alle zehn Jahre einen IQ-Punkt zulegten. Als Erklärung für dieses erfreuliche Phänomen dient dem Autor Steven Johnson die zunehmend komplexer auftretende, höhere Ansprüche stellende Unterhaltung – sowohl im Fernsehen wie auch in Videogames und Romanen. Denn durch diese zum Mitdenken und zur geistigen Auseinandersetzung verführende «Architektur» würden die Menschen klüger – so Johnsons These.

Das Werk hat seit Erscheinen (2005) unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Für die einen handelt es sich um eine «elegante Polemik», andere bezweifeln den positiven Effekt anspruchsvoller werdender Drehbücher und Handlungen auf die geistige Volksgesundheit. Wenn man jahrzehntealte Fernsehserien betrachtet, staunt man immerhin über die seinerzeit oft holzschnittartigen Charaktere. Deren oft groteske Schwarz-Weiss-Kontraste liessen keine subtilen Zwischentöne und changierenden Wesenszüge zu und wirkten unglaubwürdig. Die Vielzahl «moderner», oft zweideutiger Handlungsstränge wiederum zwingt zweifellos zu vertiefter Auseinandersetzung mit Thema und Akteuren und wirkt allenfalls vorbeugend gegen die voreilige, gedankenlose und emotionsgesteuerte Verteilung von Sympathien und Antipathien. Ohne sich profund mit der Geschichte zu befassen, kann man heute weder dem Geschehen folgen noch in der Kollegenrunde mitdiskutieren. Wieweit aber insbesondere Fernsehen, Internet und Videogames eine differenzierte, wirklichkeitsnahe Sicht erlauben, gar smarter machen oder «nur» passiv den Alltag wiederspiegeln, mithin nicht für das angebliche Intelligenzwachstum mitverantwortlich sind, entzieht sich wissenschaftlichen Kriterien. Man kann höchstens hoffen, dass beispielsweise die «Bachelor»-Peinlichkeiten zum Überdenken des eigenen Liebeswerbens führen.