Tösstaler Frauen schreiben Geschichte

Sabine Oberländer, Katrin Ruzicka und Patricia Heuberger (von links) wurden allesamt in den Gemeinderat gewählt (Fotos: zVg)

Die Behördenwahlen im Tösstal waren ein Erfolg für die Frauen. Noch nie wurden so viele Frauen in den Gemeinderat gewählt. Was die Geschlechter-Aufteilung der Ressorts anbelangt, bleibt voraussichtlich aber vieles beim Alten. «Der Tößthaler» sprach mit drei der neu gewählten Frauen.

Seit den Behördenwahlen vom 22. April bekleiden gleich zwei Frauen das höchste Amt in ihrer jeweiligen Gemeinde: Regula Ehrismann (EVP) als Gemeindepräsidentin von Zell und Barbara Dillier- Keller als Gemeindepräsidentin von Fischenthal. In der Geschichte der beiden Gemeinden ist dies ein Novum: Noch nie haben Frauen bisher Einsitz in das höchste Amt der Gemeinde genommen. Auch was die Anzahl Frauen im Gemeinderat anbelangt, ist gerade Geschichte geschrieben worden. Mit drei sitzen so viele Frauen im obersten Gremium in Zell wie noch nie. In Turbenthal sind mit Katrin Ruzicka-Eigenbauer und Katharina Fenner (FDP) wieder zwei Frauen im Gemeinderat vertreten. Die letzten vier Jahre bestand der Gemeinderat aus lauter Männern. In Wildberg ist mit Sabine Oberländer erstmals nach Belinda Strazzer (2014-16) wieder eine Frau im obersten Gremium. Ja, generell gesprochen können die Erneuerungswahlen aus der Sicht der Frauen als sehr erfolgreich angesehen werden. 

Obgleich diese erhöhte Präsenz der Frauen auf den ersten Blick womöglich wenig erstaunen mag, ist es keine Selbstverständlichkeit, selbst wenn Frauen schon seit langem in der Politik vertreten sind. Noch vor wenigen Jahrzenten wäre ein solch hoher Anteil von Frauen in den höchsten Behördenämtern ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Die vermehrte Partizipation der Frauen in der Politik, kann allerdings auch Illusionen wecken, denn wenn man einmal genauer hinsieht, sind es noch immer die Männer, welche die zentralen/wichtigen Funktionen ausüben. Das zeigt sich auch in den Tösstaler Behörden, wenn man die Aufteilung der Ressorts nach Geschlechtern unter die Lupe nimmt. Auffallend oft sind es die Frauen, welche zuständig sind für die Ressorts Soziales oder Bildung, während Ressorts wie Finanzen, Bau, Strassen, Forstwirtschaft et cetera meist in den Händen der Männer sind. 

Soziales für die Frauen

An dieser Geschlechter-Arbeitsteilung wird sich möglicherweise auch wenig ändern. Die frisch gewählte Gemeindepräsidentin Regula Ehrismann äusserte bereits den Wunsch, dass sie weiterhin das Ressort Soziales behalten wolle und nicht wie ihr Vorgänger Martin Lüdin die Finanzen übernehme. Ähnliche Gedanken äusserten die neu gewählten Behördenmitglieder Sabine Oberländer und Katrin Ruzicka. Könnten sie frei wählen, so würden sie sich für das Ressort Soziales entscheiden – beide betonen jedoch, dass sie sich auch gut vorstellen könnten ein anderes Ressort zu übernehmen und diesbezüglich sehr offen sind. Ruzicka, die bereits Behördenerfahrung in der Primarschulpflege sammeln konnte, wo sie für die Sonderpädagogik zuständig war und Vizepräsidentin der Genossenschaft Alterssiedlung Turbenthal ist, erwähnte beispielsweise das Ressort Bau. Anders sieht es bei Patricia Heuberger (SP) aus, die bis anhin in der Bau- und Planungskommission in Zell tätig war. Obgleich sie noch nichts Konkretes sagen wollte, gab sie zu verstehen, dass das Ressort Soziales aufgrund ihres beruflichen Hintergrundes und ihrer jetzigen Tätigkeit in der Gemeinde nicht in Frage kommt. Heuberger arbeitet im Teilzeitpensum im Präsidialstab der ETH Zürich und ist diplomierte Geographin.  

Am meisten Erfahrung 

Wie kommt es eigentlich zu dieser Aufteilung? Warum sind es vermehrt Frauen, die sich für die Bereiche Bildung, Gesundheit und Soziales interessieren in der Politik? Oberländer glaubt, dass dies einerseits damit zusammenhängt, dass viele Frauen in Sozialberufen arbeiten und sich daher dieses Ressort am ehesten zutrauen. Sie vermutet, dass Frauen befürchten, es sei in Ressorts wie zum Beispiel Tiefbau für sie schwierig, sich zu behaupten, da sie sich dort eher in einem Männeruniversum befinden. Zudem sei ihrer Meinung nach das Ressort Gesundheit und Soziales schlicht am spannendsten. 

Das sehen auch Ruzicka und Heuberger so: Weil die Frauen «am meisten Erfahrung» in den Bereichen Soziales und Bildung hätten, es ihnen «am gängigsten» sei, sind viele Frauen in der Lokalpolitik dort anzutreffen, sagt Ruzicka. Heuberger ist überzeugt, dass die Erfahrung und der berufliche Hintergrund ausschlaggebend ist für die hohe Präsenz der Frauen in den Bereichen Bildung und Soziales. 

Geschlecht spielt keine Rolle 

Sowohl für Oberländer, die als einzige der drei Frauen im Frauenforum Tösstal aktiv ist, wie auch für Ruzicka und Heuberger hat das Frau-Sein keine Rolle gespielt bei der Entscheidung, sich für den Gemeinderat aufstellen zu lassen. «Als ich vermehrt im Vorfeld der Wahlen in der Gemeinde auf die Genderthematik angesprochen wurde», sei ihr bewusst geworden, was es für die Bevölkerung bedeute, als Frau zu kandidieren. Erfreut hat sie, dass sie für die Kandidatur gleichermassen von Männern wie auch Frauen Unterstützung erhalten hat. Viele hätten betont, es sei wichtig, eine Frau im Gemeinderat zu haben: einerseits, weil Frauen rund die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und dementsprechend auch im Gemeinderat vertreten sein sollten, andererseits, weil dies gerade hinsichtlich der Kommunikation wichtig sei. Diese würde viel besser funktionieren, wenn Frauen im Amt seien. 

Ruzicka wiederum erklärt, dass für sie die Politik im Vordergrund stehe, nicht das Geschlecht. Sich für die Gemeinde einzusetzen und von den direktdemokratischen Freiheiten Gebrauch zu machen, dass sei das Entscheidende für sie. 

Gleich sieht es Heuberger. Nur weil sie eine Frau ist, wolle sie nicht in den Gemeinderat. Ihre Motivation resultierte vielmehr aus den positiven Erfahrungen, welche sie in den letzten zwei Jahren in der Bau- und Planungskommission der Gemeinde Zell gemacht habe. Dort sei sie stets akzeptiert und anerkannt gewesen als vollwertiges Mitglied und ihre Arbeit sei geschätzt worden. Dies habe sie wiederum dazu bewogen, für den Gemeinderat zu kandidieren. Dass in Zell nun erstmalig drei Frauen im Gemeinderat sitzen, ist für sie ein «schöner Nebeneffekt». Auch die Tatsache, mit Ehrismann nun eine Frau als Gemeindepräsidentin zu haben, sei einzigartig. Trotzdem spielen diese Nebeneffekte für Heuberger keine Rolle in Bezug auf ihre politische Arbeit. Stolz ist sie insbesondere auf die Errungenschaft, einen zweiten SP-Sitz ergattert zu haben. «Dass ich in der bürgerlich dominierten Gemeinde Zell einen zweiten Sitz für die SP geholt habe, hat mich gefreut», so Heuberger. 

Chancengleichheit 

Was die zukünftige Arbeit im Gemeinderat anbelangt sind die drei Frauen der Ansicht, keine Nachteile als Frau(en) erleiden zu müssen. Oberländer sieht der Tatsache, die einzige Frau in einem Männergremium zu sein, locker entgegen und kann sich nicht vorstellen, dass sie aufgrund ihres Geschlechts Nachteile erleiden wird. Identisch sehen das Ruzicka und Heuberger. Ruzicka möchte für ihre Leistung und nicht als Quote gewählt werden und glaubt, dass die Männer und Frauen in der Behörde symmetrisch nach ihren Leistungen bewertet werden; da spiele es keine Rolle, ob man ein Mann oder eine Frau sei. Heuberger fügt noch hinzu, dass es in der Politik auf nationaler Ebene – gerade für junge Frauen – grössere Herausforderungen und Hindernisse zu überwinden gebe, was sich insbesondere im Zuge der «MeToo-Debatte» gezeigt habe. Dort sei es als Frau wahrscheinlich schwieriger, sich als vollwertiges Mitglied behaupten zu können. Auf der Gemeindeebene sieht sie aber keine Nachteile für Frauen, hier existiere eine Chancengleichheit der Geschlechter.