Theoretisch wäre alles gut

In den letzten 20 Jahren haben sich die Ausgaben für die Bildung praktisch verdoppelt. Ein Teil dieser Kostensteigerung ist auf die Teuerung zurückzuführen. Ein Grossteil hingegen nicht. Auch an der höheren Anzahl Schüler liegt es nicht. So stieg in der Volksschule die Schüleranzahl um 6 Prozent, während die Kosten um satte 30 Prozent stiegen. Bildung ist ein hohes Gut, Investitionen sind daher nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig. Diese Überlegung darf aber nicht dazu führen, blindlings zu investieren.

Interessanterweise weisen sowohl Lehrlingsbetreuer als auch Gymnasial- und Hochschullehrer seit Jahren darauf hin, dass das Niveau der Schüler gesunken sei. Kernkompetenzen wie Rechtschreibung und Mathematik würden in der Volksschule offensichtlich zu kurz kommen. Vor dem Hintergrund dieser Kostenentwicklung stellt sich für mich die Frage, wie das möglich ist. Wie kann es sein, dass immer mehr Geld in die Bildung fliesst, aber das Niveau der Schulabgänger nicht steigt, sondern tendenziell sogar sinkt?

In den letzten Jahren wurde die Volksschule ständig reformiert. Der Fremdsprachenunterricht wurde bereits in die Unterstufe verlegt, Sonderklassen wurden abgeschafft, stattdessen wurde die sogenannte integrative Förderung eingeführt. Die Schulen werden neuerdings von einer Schulleitung geführt – das sind nur einige von unzähligen Änderungen, die vorgenommen wurden. Mit den Neuerungen mussten die Lehrmittel angepasst oder neu entworfen werden. Der Lehrplan 21 wurde entwickelt und soll nun eingeführt werden. Und es stehen bereits weitere Projekte an. In der Stadt Zürich wurden als Pilotprojekt Tagesschulen eingeführt. Diese sollen nicht nur zu einer besseren sozialen Integration, sondern auch zu besseren Leistungen verhelfen.

Wie viel diese Reformen an finanziellen Ressourcen verschlungen haben, ist mir leider nicht bekannt. Zahlen dazu existieren meines Wissens nicht. Realistischerweise muss davon ausgegangen werden, dass es Unsummen an Geldern waren. Als Richtgrösse kann man das Projekt «Passepartout» nehmen. Unter diesem Titel schlossen sich sechs Kantone zur Durchführung eines Fremdsprachenkonzepts zusammen, das die Erarbeitung neuer Lehrmittel für den Fremdsprachenerwerb in der Unterstufe miteinschloss. Das Projekt wurde im Jahr 2006 gestartet und kostete bisher 50 Millionen Franken. Im Jahr 2010 wurde das neue Konzept in Freiburg eingeführt. Die Resultate waren ernüchternd. Die Lehrmittel müssen überarbeitet werden, weil sie sich im Schulalltag nicht bewährten.

Dieses Beispiel ist sinnbildlich für viele Reformen, die durchgeführt wurden. In der Theorie klingt immer alles logisch, einfach und sehr überzeugend. So wird beim neuen Fremdsprachenkonzept, das die Einführung einer Fremdsprache bereits in der Unterstufe mit sich bringt, von einem sogenannten «Sprachenbad» gesprochen. Ziel des neuen Konzepts ist es, die Kinder in ein Sprachenbad eintauchen zu lassen, ihnen spielerisch ein Gefühl für die neuen Sprachen zu vermitteln. Nicht mehr langweilige Grammatik soll im Vordergrund stehen, sondern das automatische Erfassen einer Sprache, wie es Kinder in jungen Jahren noch können. Daher sollen die Kinder auch möglichst früh mit mehreren Fremdsprachen in Berührung kommen. Je früher desto besser lautet das Motto. Wer wünscht sich für sein Kind nicht, dass es Freude am Erwerb neuer Sprachen hat und möglichst schon in jungen Jahren mehrere Sprachen beherrscht?

Tatsache ist, dass viele Kinder mit dem Erwerb einer Fremdsprache bereits in der Unterstufe überfordert sind. Die meisten Kinder beherrschen noch nicht einmal Hochdeutsch souverän. Auch die Vorstellung, dass die Sprache in diesem Alter noch ganz automatisch erlernt werden kann, entspricht nicht der Realität. Nötig dafür wäre, dass die Kinder mehrere Stunden am Tag in dieser Fremdsprache unterrichtet würden, was natürlich nicht der Fall ist. Was Kritiker schon lange vermuteten, wurde nun in einer neuen Studie belegt. Verglichen wurde der Stand zweier Gruppen von Kindern, wobei eine davon ein Jahr früher mit dem Französischunterricht begonnen hatte. Diese Gruppe schnitt bei den Resultaten signifikant schlechter ab. Die These, dass Kinder eine Sprache besser und schneller lernen, wenn sie früher damit beginnen, ist damit widerlegt. In einer weiteren Studie wurden 53 Tagesschulen in der Deutschschweiz untersucht. Es zeigte sich, dass die Schüler weder sozial besser integriert waren noch bessere Leistungen zeigten als Kinder, die eine normale Schule besuchten. 

Tragischerweise lässt man sich in der Bildungspolitik trotz dieser Studien nicht beirren. So liess die Stadt Zürich umgehend verlauten, sie halte an ihrem Konzept von Tagesschulen fest. Zu gut klingen die Theorien, die hochbezahlte Akademiker jahrelang entwickelt haben. Zu viel hat man bereits in diese und deren Umsetzung investiert. Da sieht man darüber hinweg, dass in der Realität nicht alles so umsetzbar ist, wie man sich das vorgestellt hat. Und man investiert weiter – in Theorien, die eigentlich doch gut wären.