Tellerwäscherkarriere in Neuauflage

Träumen Sie bisweilen auch von einer Tellerwäscherkarriere, die Sie nullkommaplötzlich zum Millionär hochkatapultiert? Selbst in Zeiten modernster Geschirrspülmaschinen sind solche Träume realisierbar, wie ich kürzlich bei einem zufälligen Treffen erfreut feststellte. Lassen Sie mich die Geschichte kurz zusammenfassen: Das aufgeweckte Mädchen S. N. (Initialen geändert) kommt in der Zwischenkriegszeit als mittelloser Ostflüchtling in die Schweiz, nichts im Gepäck als eine gewisse Bauernschläue und die Erkenntnis, dass man sich nur mit originellen, neuartigen Ideen von der Masse abheben und Erfolg haben kann. Schon als Dreikäsehoch war dem Flüchtling aufgefallen, dass die Damenbekleidung jener Zeit meist recht schmuck- und phantasielos daherkam und ihr der Pfiff fehlte.

Dieses offensichtliche Manko liess die modebewusste junge Frau, die sich anfänglich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlug, nicht mehr los. So kaufte sie unattraktive Textilien als Restposten und aus Liquidationen billig auf, versah die Kleider mit selber gefertigten Stoffblumen sowie günstigen Applikationen, verfrachtete sie also mit wenig Kosten in den Luxusbereich – und konnte dank geliehenem Startkapital bald ein eigenes Geschäft eröffnen. Die aufgepeppten, originellen Modelle liessen sich erstaunlich gut verkaufen. Kein Wunder, verlief der Start zur eigenen Marke erfolgreich und machte den mit leeren Taschen eingereisten Flüchtling rasch einmal zur wohlhabenden Geschäftsfrau mit eigener Ladenkette.

Als wir der lebhaften Dame gegenübersitzen und der Schilderung ihrer Tellerwäscherkarriere lauschen, sind wir verblüfft über den Erfolg eines so simplen Geschäftsmodells. Sie selber staunt nach wie vor über die von ihr entdeckte Goldader und ist überzeugt, dass man auch heute noch mit der Entdeckung und Bewirtschaftung von Nischen Erfolg haben kann. Wer hingegen die anderen Anbieter mit gleichem Sortiment nachäfft, hat über kurz oder lang eine Zwei auf dem Rücken und geht unter.

Tatsächlich gibt es immer mehr Nischenanbieter auf der Suche nach jener Kundschaft, die genau in diesem Segment bedient werden möchte. Dieser Trend wird noch verstärkt dadurch, dass «man» sich als einzigartig sieht und dementsprechend verhält. So warten denn die umschwärmten Konsumenten auf jene Produkte, Dienstleistungen und Erlebnisse, die exakt ihren ureigenen Bedürfnissen und Erwartungen entsprechen. Laut Trendforschern sind nämlich die traditionellen demografischen Marktsegmente wie auch die eindeutig abgrenzbaren Konsumentenklassen passé. Heute freuen sich die Konsumenten darüber, dass sie sich dank persönlich wirkenden Erzeugnissen und Dienstleistungen positiv von der profillosen Masse abheben können. So werden auch ihre unverwechselbaren Charakterzüge betont und augenfällig. Wer will schon als graue, gesichtslose Maus gelten!

Aber auch Nischenanbieter finden ihr Glück, wenn es ihnen gelingt, zielgruppenspezifische Produkte jenseits der Trampelpfade anzubieten. Zahlreiche clevere Nischenplayer haben denn auch Erfolg und tragen zur erfreulichen Wirtschaftsentwicklung bei. Vorausgesetzt, sie binden ihre Mitarbeitenden rechtzeitig in ihr Geschäftsmodell ein und lassen sie am Erfolg teilhaben. Wie das eingangs erwähnte Beispiel mit individuell verschönten Damenkleidern beweist, braucht es oft gar keinen grossen Mitteleinsatz zur Besetzung einer Marktnische. Hätte der junge Ostflüchtling hingegen versucht, lediglich bestehende Modehäuser zu kopieren, das gleiche Angebot zu führen und die branchenüblichen Preise zu unterbieten, um zu reüssieren, wäre das Vorhaben bestimmt gescheitert.

Was können wir aus dieser Tellerwäscherkarriere lernen? Ist eine solche auch im Tösstal von heute möglich? Zweifellos, wenn man über ausreichend Intuition und «Gschpüri» verfügt. Das aufgeweckte, mittellose Mädchen, mit nichts anderem ausgestattet als mit Tatkraft und Mut zum Risiko, hatte den Erfolg bringenden Geistesblitz. Sie bewies, dass Intuition im Sinne von Ahnung, Gefühl, Inspiration und Wahrnehmung von Chancen vor allen andern ein Geschäftsmodell beflügelt und ihm zum Durchbruch verhilft. Bestimmt wusste der dazumal mausarme Ostflüchtling beim Karrierestart und –aufbau nicht um die vielen professoralen, theorielastigen Wettbewerbsstrategien, Management- und Marketingkonzepte, mit denen man den Umsatz anzukurbeln versuchte, doch dabei oft die Psyche der Verbraucher vergass oder aber als nicht entscheidend betrachtete.

Der osteuropäische Dreikäsehoch ohne nennenswerten Schulsack hingegen erkannte dank seinen intuitiven Fähigkeiten, was der moderne Konsument resp. die Konsumentin wünscht. Viel Glück also bei Ihrer eigenen, intuitiv gesteuerten Neuauflage einer beneidenswerten Tellerwäscherkarriere!