Subjektivität in der Bürokratie

Zwischen Moderne und Tradition: Bauen in der Kernzone (Foto: gp)

Das Bauen in der Kernzone ist mit vielen Auflagen verbunden. Das emotionale und dennoch bürokratische Thema wurde an der Informationsveranstaltung des Hochbauamts Turbenthal detailliert und von verschiedenen Standpunkten her beleuchtet. Auch die Diskussion mit den Betroffenen kam nicht zu kurz.

Am vergangenen Montag lud das Hochbauamt Turbenthal alle Besitzer einer Liegenschaft in der Kernzone und Interessierte zu einem Informationsanlass ein. Das Bauen in der Kernzone stellt die Baukommission und Bauherren immer wieder vor Herausforderungen. Die Veranstaltung sollte einen Überblick darüber geben, wie die Kommission in den vergangenen Jahren seit der Gemeindeversammlung vom 3. Februar 2014 gearbeitet hat und welche Herausforderungen sich stellen. Für die Anwesenden als Direktbetroffene der Kernzonenregelungen ging es in erster Linie darum, was es bedeutet, eine Liegenschaft in der Kernzone zu besitzen.

Markus Küng, Gemeinderat und Präsident der Baukommission, begrüsste die sehr zahlreich erschienenen Besucher. Gut 80 Bewohner und Bewohnerinnern oder auch nur Interessierte fanden sich zu dem Anlass ein und auch die Gastgeber waren von dem grossen Interesse überrascht, hatten sie doch nur gut 60 Anmeldungen erhalten.

Externes Fachwissen

An der Gemeindeversammlung Anfang 2014 wurde der Vorschlag einer professionelleren Baukommission von den Stimmberechtigten abgelehnt. Damit einher wäre vor allem ein Abbau diverser Vorschriften gegangen, die durch eine Professionalisierung hinfällig geworden wären. Die Baukommission orientiert sich deshalb in der Kernzone mangels Fachwissen bei gewissen Baugesuchen an den Empfehlungen externer Fachbauberater, die an dem Informationsanlass ebenfalls anwesend waren.

Der Nachteil des Bauens in der Kernzone, die erhöhten Auflagen, erregten die Gemüter mehr als die Vorteile sie hätten beruhigen können: Die Möglichkeit einer besseren Volumenausnutzung und des dichteren Bauens. Es wurde deshalb intensiv darauf eingegangen, wann ein Baugesuch eingereicht werden muss und was effektiv bewilligungspflichtig ist. In der Kernzone muss man auch für kleine Gebäude eine Baubewilligung haben, anders als ausserhalb, wo Gebäude mit bis zu sechs Quadratmetern Grundfläche und 2,5 Quadratmetern Höhe von einer Baubewilligung ausgenommen sind. Konkret heisst das also: Eigentlich braucht es immer ein Baugesuch.

Ein Prozess mit vielen Akteuren

Ergänzend zum Thema Bewilligungspflicht stellten die anwesenden Fachbauberater, der Gemeindeingenieur und der Vertreter der Energieberatung ihre Aufgaben im Prozess eines Bauprojekts in der Kernzone vor. Den beiden Fachbauberatern aus Winterthur kommt dabei vor allem eine unterstützende Aufgabe zu, deren Einschätzung nicht für jedes Gesuch von der Baukommission angefordert und die Entscheidung auch nicht immer übernommen wird. Die beiden Architekten sehen ihre Pflicht darin, die Bauten kritisch zu hinterfragen und unabhängig, also von ausserhalb der Gemeinde eine Beurteilung abzugeben. Der Gemeindeingenieur, Thomas Bischof, ist für alle Baugesuche zuständig, nicht nur für die Kernzone. Seine Unterstützung bezieht sich auf die baurechtliche Beurteilung in planungsrechtlichen wie erschliessungstechnischen Fragen. Reto Frei von der Energieberatung geht zusätzlich auf das Gebäudeprogramm des Bundes ein und erklärt, für welche Sanierungen man überhaupt Geld erhält. Auch in der Kernzone ist dieses Thema aktuell, da erneuerbare Energien und ein traditionelles Ortsbild nicht immer vereinbar sind.

Emotionale Einzelentscheide

Markus Küng erklärt zum Schluss noch den detaillierten Ablauf der einzelnen Schritte vom ersten Kontakt noch vor dem Gesuch bis hin zum ersten Spatenstich. Er betont, dass jedes Bauprojekt in der Kernzone einzigartig ist und die Lage, Anforderungen und die Gestaltung die Hauptanliegen jeder Beurteilung seien. Konfliktpotenzial entsteht, weil die Wahrnehmung von etwas «Schönem» sehr subjektiv ist. Es sei bisher aber noch nie passiert, dass die Baukommission sich nicht einig gewesen sei und sie eher zu viele als zu wenige Ausnahmen machten.

Die folgenden Fallbeispiele aus Turbenthal und Neubrunn sollten einen stimmigen Abschluss der Veranstaltung geben. Sie waren jedoch auch Anstoss für eine sehr angeregte und emotionale Diskussion, die auf den Anlass folgte. Sehr persönliche Schicksale wurden vorgelegt, was zeigte, dass das Thema eben nicht nur an Schreibtischen besprochen und entschieden werden kann, sondern dass sehr viele Emotionen und Herzensprojekte dahintersteckten. Die doch relativ aggressive Stimmung verunmöglichte zwischenzeitlich eine objektive Diskussion. Die Arbeit der Fachbauberater war hierbei vielen Anwesenden ein Dorn im Auge, da sie als Fachpersonen für genau jene Veränderungen standen, die die Gemeindeversammlung 2014 im Zuge einer Professionalisierung der Baukommission abgelehnt hatten.

Das grosse Interesse zeigt die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen Bevölkerung und Gemeinde und die angeregte Diskussion verdeutlichte das Konfliktpotenzial, welchem in dieser subjektiven Materie nur durch Transparenz entgegengetreten werden kann.