Jan und Lara und die Schüler von Therwil

Eine ganz normale Meinungsverschiedenheit: Jan will im See baden und Lara im Schwimmbad. Eine Lösung ist nicht in Sicht, trotz langen Verhandlungen und vielen Argumenten. Der Ausweg über das Hallenbad funktioniert nicht, weil da die Grossmutter nicht mitmacht. Jan schafft den Durchbruch. «Ich komme mit ins Schwimmbad, wenn ich das nächste Mal entscheiden darf, wohin wir gehen». Lara macht mit, der Nachmittag ist gerettet.

Auf der Bühne der Weltpolitik hätten sich der Senat und das Abgeordnetenhaus in Washington nach tagelangem Tauziehen auf ein neues Gesetz geeinigt, war anfangs Woche zu hören. Dieses würde den Präsidenten daran hindern, Sanktionen gegen Moskau aufzuheben. Das sei für den Präsidenten ein Dilemma, weil er die Beziehungen zu Russland nicht aufs Spiel setzen wolle.

Im Dilemma zwischen Baden und Gewinnen fand Jan einen Ausweg. In Amerika werden sie in der Zwischenzeit auch einen gefunden haben. Entscheidend ist, dass Jan und Lara ihren Handel mit einem Handschlag besiegeln können, während in Amerika der Clinch zwischen den Parlamenten mit einem Gesetz geregelt wird. «Moderne Gesellschaften regulieren sich über das Recht» und «letztlich wird nur das wirksam, was zum Recht wird», lese ich in einem Interview mit einem katholischen Theologen und Sozialethiker.

Es ist schon eine Weile her, seit sich im Kanton Basel-Land zwei Schüler geweigert haben, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. Der Fall hat schweizweit einiges Aufsehen erregt. Aktuell scheint es so zu sein, dass die Regierung darauf verzichten will, Schülerinnen und Schüler per Gesetz zu verpflichten, an «hiesig gängigen Ritualen wie namentlich dem Handschlag» teilzunehmen. In der Vernehmlassung hätte es Kritik an der Formulierung gehagelt. Der Verweis auf hiesige Rituale sei schwammig und juristisch heikel. Zudem seien Werte und Rituale einem steten Wandel unterworfen und milieuabhängig.

Unsere moderne Gesellschaft respektive die basellandschaftliche Regierung scheint die Angelegenheit also nicht über das Recht regulieren zu wollen. Thomas Ribi fragte sich Ende Juni in der NZZ, ob die zwei jugendlichen muslimischen Schüler eine gesellschaftliche Übereinkunft bedrohen, weil sie sich vorgeblich aus religiösen Gründen weigern, ihrer Lehrerin die Hand zu geben und ob die Verweigerung einer symbolischen, aber völlig alltäglichen Geste von einer derartigen Sprengkraft sein kann, dass sie ein ganzes Wertesystem ins Wanken bringt. Natürlich nicht, meint Thomas Ribi und erzählt, dass der verweigerte Handschlag der Therwiler Schüler sofort die Politikerinnen und Politiker auf den Plan gerufen habe, die eine Grundsatzdebatte für dringend erklärten. Der Gegenstand dieser Debatte sei aus ihrer Sicht klar: Um Werte solle es gehen. Ribi zerzaust in der Folge den Begriff. «Denn so schnell Werte in politischen Diskussionen zur Hand sind, so vage sind sie. Und je weniger sich Einigkeit darüber erzielen lässt, welche Werte es sind, auf die sich eine Gesellschaft verpflichten soll, umso erbitterter wird ihre Gültigkeit verfochten».

Das mit dem verweigerten Handschlag gibt es nicht nur in Therwil. Mit Verweis auf ihre religiöse Überzeugung erklärte mir kürzlich eine Frau freundlich, sie würde Männern die Hand nicht geben. Die Frau bringt mein persönliches Wertesystem nicht ins Wanken. Zum Nachdenken bringt sie mich aber alleweil. Zum Beispiel über die in der Europäischen Menschenrechtskonvention festgesetzte Religionsfreiheit. Der katholische Theologe erklärt im Interview die drei Dimensionen dieser Religionsfreiheit: Die negative Religionsfreiheit – die Freiheit, keiner Religion anzugehören. Die positive Religionsfreiheit – die Freiheit, einer Religion anzugehören. Und das Recht derer, die einer Religion angehören, diese auch öffentlich leben zu können. Die Religionsfreiheit würde nicht nur die Gedankenfreiheit schützen, sondern auch eine religiös bedingte Lebensweise, die sich in der Öffentlichkeit abspielt. Wir müssten lernen, mit Fremdheit umzugehen und das Fremde als gleich berechtigt zu akzeptieren. Hier konsequent zu sein, würde schwerfallen.

Mit der sich in der Öffentlichkeit abspielenden religiös bedingten Lebensweise tun wir uns schwer. Sie wird bei uns weder mit Werten noch mit Verträgen geregelt, sondern durch das regulierte Recht. Im Fall der Religionsfreiheit in der Bundesverfassung, im Fall des Verbotes zur Verhüllung des eigenen Gesichts im öffentlichen Raum und an Orten, die allgemein zugänglich sind in der Tessiner Verfassung. Ich finde es richtig, die Teilnahme an hiesig gängigen Ritualen wie namentlich dem Händegeben nicht über das Recht zu regulieren – und legitim, dies bei der Verhüllung des eigenen Gesichtes zu tun. Die Schule dürfe den Handschlag einfordern, findet Thomas Ribi. Eine gesetzliche Verpflichtung zum Händedruck gäbe es nicht und das sei gut so. Auch bei der freundlichen Frau im Tösstal gilt das regulierende Recht. Ich muss lernen, mit dem Ungewohnten als gleich berechtigt umzugehen.