«Spinnen im Neuthal» – Eintauchen in die facettenreiche Welt des Adolf Guyer-Zeller

Halt am Bahnhof Bäretswil: Adolf Guyer-Zeller erzählt von seiner Vision, die Völker der Welt zu vereinen (Foto: zVg)

Am Donnerstag, 24. August, fand die Première des Freiluftspektakels «Spinnen im Neuthal» statt, ein theatralisches Erlebnis, das mit der Dampfbahnfahrt und dem inszenierten Rundgang im Industrieareal das Publikum in die visionäre Welt des Industriepioniers Guyer-Zeller entführt.

Am Nachmittag noch drohte eine Gewitterfront die Premiere des Freilufttheaters in Frage zu stellen, doch die Wettergötter hatten ein Einsehen und gegen Abend stand einem mit Spannung erwarteten Start der ersten Aufführung nichts mehr im Wege. Nachdem das zahlreich erschienene Premierenpublikum den Apéro in der kleinen Festwirtschaft zwischen den Geleisen in der Bahnhofshalle genossen hatte, begrüsste der Präsident des Vereins «Spinnen im Neuthal», Hans-Peter Hulliger, die Gäste und stimmte sie auf das bevorstehende Theatererlebnis ein.

Unter dem Titel kann man Verschiedenes verstehen: Einerseits sind Spinnen spezielle Insekten, anderseits wurde im Neuthal tatsächlich gesponnen und nicht zuletzt galt Guyer-Zeller zu seiner Zeit als Fantast und Spinner. Schon er gab den Anstoss zu einem Volksschauspiel, das die Geschichte seines geliebten Tössberglandes in verschiedenen Bildern darstellen sollte. Durch die Realisierung des Freilichtspieles wird ihm dieser Wunsch nun endlich erfüllt. Mit diesem kulturellen Projekt soll aber auch das gut erhaltene Industrie-Ensemble Neuthal wieder neu aufleben. Dank der Mitwirkung des Dampfbahn-Vereins Zürcher Oberland DVZO, der tatkräftigen Unterstützung der Gemeinden Bauma und Bäretswil sowie Züri Oberland Tourismus konnte ein grossartiger Event auf die Beine gestellt werden. Hulliger, «Ur-Einheimischer» und langjähriger Gemeindepräsident von Bäretswil, dankte auch den Sponsoren und Gönnern und vor allem den rund 200 Akteuren, welche vor und hinter der Bühne zum Gelingen dieses Projektes beigetragen haben.

Welche Idee steckt hinter dem Stück?

Elisabeth Wegmann und Melanie Mock, die bereits Erfahrungen mit szenischen Darstellungen gesammelt haben, sind für die künstlerische Leitung verantwortlich. Auf der Suche nach geschichtsträchtigen und landschaftlich imposanten Gegenden sind sie auf das Tösstal und Guyer-Zeller gestossen. Ihre Idee fand Anklang bei verschiedenen Vereinen und nach dreijähriger Vorbereitungszeit konnte nun dieses Spektakel realisiert werden. Grundlage für das Stück boten diverse Tagebücher von Guyer-Zeller, von denen passende Zitate für die Inszenierung verwendet wurden. Historische Realität und Fiktion verschmelzen, verschiedene Epochen, wie Industrialisierung und Mittelalter, werden verbunden mit der Sagen- und Dichterwelt. Wichtig sind aber auch Bezüge zur Gegenwart, was die Besucher anregen soll, über die heutige Situation des Welthandels nachzudenken. Collageartig werden die einzelnen Bilder zusammengesetzt und mit den verschiedensten Effekten von Licht, Klang, Gesang, Tanz und Schauspiel gestaltet. Dabei wird der Zuschauer selber zu einem Teil dieser magischen Welt, in die er sich einlassen und treiben lassen kann.

Perfekte Organisation

An den Aufführungstagen kann man zwischen vier Startzeiten zwischen 19.30 und 21.08 Uhr wählen. Die Zeiten wurden bewusst spät angesetzt, damit die vielen Lichteffekte zum Tragen kommen. Es ist also empfehlenswert, auch die späteren Startzeiten zu buchen. Pro Abend können vier Gruppen à 100 Personen das Spektakel besuchen.

Der Veranstalter hat keinen Aufwand gescheut, die Besucher zu in-struieren und sicher durch diese aufwändige Inszenierung zu führen. Schon bei der Billettausgabe in der historischen Bahnhofshalle werden die einzelnen Gruppen mit farbigen Bändeln gekennzeichnet und behalten diese Zuteilung für den Waggon und für den Rundgang im Neuthal. Die zeitliche Abstimmung mit der Dampfbahn, dem Spiel und der Führung bedeutete eine Generalstabs-arbeit und hat bestens funktioniert.

Die Zugwaggons werden zu Logenplätzen

Im alten Bahnhof Bauma fordert ein Bähnler des DVZO die Besucher entsprechend ihrer zugeteilten Farbe in die markierten Waggons einzusteigen. Langsam verlässt die Komposition – Dampflokomotive mit zwei Wagen – das Dorf Bauma und tuckert schnaubend bergwärts Richtung Bäretswil, bestrahlt von der zaghaften Abendsonne. Die Passagiere genies-sen die Fahrt und den Ausblick in die wunderbare Landschaft. Plötzlich stolpert ein Reisender mit altem Koffer ins Abteil und stellt sich als Guyer-Zeller vor, und das, in perfektem Hochdeutsch – die Sprechrollen sind mit Profischauspielern besetzt. Und schon wird man Teil des Theaters, denn er lässt sich mit dem Publikum ein, stellt und beantwortet Fragen. Vor allem interessiert ihn die Herkunft unserer Kleider, und kleinlaut muss manch einer eine fernöstliche Fabrikation eingestehen. Daneben streut er immer wieder Erzählungen von Amerika und seinen Erfahrungen ein und liest sogar aus seinem Reisetagebuch vor.

Im Bahnhof Bäretswil konkretisiert er anhand von Plänen seine Vision der Uerikon-Bauma-Bahn, mit der er diese abgelegene Region des Tösstals mit der ganzen Welt verbinden will. Auf der Rückfahrt nach Neuthal wird der Zug plötzlich gestoppt. Berittene galoppieren heran. Guyer-Zeller springt furchtlos aus dem Zug und lässt sich auf die Gestalten aus dem Mittelalter ein: Actionszene und gleichzeitig Begegnung mit einer anderen Epoche.

Die Landschaft wird zur Bühne

Im Neuthal beginnt der Rundgang durch die Arbeitswelt von Guyer-Zeller. Angeführt von einer Leiterin, ausgerüstet mit einer der Gruppenfarbe entsprechenden Lampe, tauchen wir ein in die magische Welt von Lichtspielen und Projektionen, Klängen und Stimmen, die aus Lautsprechern, die überall installiert sind, ertönen. Das Industrieensemble Neuthal eignet sich bestens als Kulisse für die Inszenierung der verschiedenen Bilder. Die Besucher bewegen sich in einer gespenstisch-romantischen Atmosphäre und verfolgen andächtig die Bewegungen der Schicksalsgöttinnen, lassen sich einlullen vom mittelalterlichen Gesang des Chores, bewundern die rhythmischen Bewegungen der Tänzer beim Transmissionsrad und den ausdauernden Tanz der Arbeiterinnen in der Spinnerei. Im Rittersaal debattiert eine Arbeiterin mit dem Fabrikherrn, und man fühlt sich mitten im Klassenkampf, in der sozialen und politischen Auseinandersetzung der Industrialisierung. Zum Abschluss des Rundganges wird man noch in die Sagenwelt entrückt. Mit einer eindrücklichen Projektion über einen Weiher hinweg wird eine Sage aus Bäretswil dargestellt und erzählt.

Nach so vielen Impressionen ist man froh, wieder im Dampfzug Platz zu nehmen und kehrt nach über zwei Stunden zufrieden, aber auch nachdenklich und wehmütig nach Bauma – in die Gegenwart – zurück, um die Eindrücke zu verarbeiten. Es ist ratsam, sich schon vorher mit Hilfe des Programmheftes oder der Homepage über das Freilufttheater zu informieren, damit man die einzelnen Stationen versteht.

Bis zum 30. September hat man noch die Gelegenheit, dieses eindrückliche Spektakel jeweils am Donnerstag, Freitag und Samstag zu erleben. Es ist allen Akteuren zu wünschen, dass ihr Aufwand und Engagement mit einem grossen Publikumsaufmarsch belohnt wird.