Spalier vom roten Platz ins Klassenzimmer

Ein feierlicher Moment am ersten Schultag: Die mit guten Wünschen beladenen Luftballone heben ab (Foto: ek)

Der erste Schultag wird in der Primarschule Hohmatt in Turbenthal ganz besonders gestaltet. Mit Ballonen und guten Wünschen empfangen die höheren Klassen die Erstklässler und geleiten sie durch ein Spalier in die erste Schulstunde.

«Am besten Sie kommen zur Begrüssungs-Zeremonie auf den roten Platz» sagt der Schulleiter der Primarschule Hohmatt, Markus Küng, am Telefon. Klar kann dieser rote Platz nichts mit dem Russischen Staatssymbol zu tun haben. Dennoch flösst mir die spontane Assoziation Ehrfurcht vor dieser Zeremonie ein. Was wie ein heimisches, seit Grossmutters Schulzeiten gepflegtes Ritual anmutet, wurde erst kürzlich ins Leben gerufen: Zum dritten Mal erst wird diese Begrüs-sungsform durchgeführt, erklärt Küng stolz.

Jedes Kind bekommt einen Luftballon

Während die Erstklässler mit ihren Eltern von der Klassenlehrerin empfangen werden, versammeln sich alle Schüler der zweiten bis sechsten Klasse auf dem roten Platz, wo jedes Kind einen Luftballon bekommt, und bilden zusammen einen grossen Halbkreis. Auch für die «Grossen» ist es ein toller Moment, ein viel aufregenderer Schulanfang nach den Sommerferien als bei dem schönen Wetter direkt wieder in die Schulbank zu hocken. Als die ersten auf dem Platz eintrudeln, bemerkt man auch sofort, dass sie sich in der Hohmatt wohl fühlen. Etwas scheu, aber doch verschmitzt, grüssen sie Markus Küng und mich alle freundlich – in der Schulordnung wird ausdrücklich gewünscht, dass auf dem Schulareal erwachsene Personen von den Kindern gegrüsst werden – und drücken ihrem Schulleiter flüchtig die Hand. Schon bald sind so viele Kinder auf dem Platz, dass dieses Ritual nicht mehr eingehalten wird.

Aber Küng lässt es sich als gutes Vorbild nicht nehmen, nachdem er es geschafft hat, seine quirlige 120-köpfige Bande nach seinem Plan aufzustellen, durch die Reihe zu gehen und die ihm entgegengestreckten Hände salopp abzuklatschen. Auch das scheint ein Ritual zu sein und man sieht den Schülern die Sympathie für ihren Anführer durchaus an. Man merkt ihnen auch die Freude auf die neuen «Kleinen» an. Fremd sind sie sich nämlich nicht: Der Kindergarten befindet sich in der Nähe der Primarschule und die Kinder kommen regelmässig zusammen. Zum Beispiel beim jährlichen gemeinsamen Ausflug «G’sunder Znüni» zum Schnurrberg, wo jeder Sechstklässler einen Kindergärtner am Händchen nimmt. Oder am Sporttag auf dem roten Platz. Auch da werden die Kleinsten bereits mit Spiel und Spass ihren zukünftigen Kameraden vertraut gemacht.

Die Zweit- bis Sechstklässler haben sich nun endlich in Reih’ und Glied aufgestellt: Im Kreis, eine Lücke für die Neuankömmlinge aussparend, jeder mit einem Luftballon in der Hand. Die Kinder haben ihren Ballonen gute Wünsche für die Frischlinge eingehaucht. Sie werden wohl aus eigener Erfahrung am besten wissen, was man sich im ersten Schuljahr wünschen mag. Nun endlich dürfen die Kleinen auf den Platz kommen. Zum Teil etwas zögerlich, dennoch neugierig und munter, kommen die Knirpse, angeführt von ihrer neuen Lehrerin, Maja Imholz, zwischen ihren Eltern die Treppe zum roten Platz hinunter. Alle staunen sie über den farbenfrohen Empfang. Für die Eltern und die ehemaligen Kindsigärtner ist der heutige Tag eine ganz grosse Sache. Lange haben sich die Kinder auf ihren ersten Schultag gefreut, dieses Symbol des «Zu-den-Grossen-gehören». Und auch den Mamis und Papis, die sich mit Kameras hinter ihren Kindern versammelt haben, steht Stolz aber auch etwas Wehmut beim sinnieren über den rasenden Fortschritt ihrer Sprösslinge ins Gesicht geschrieben. Es ist ein rührendes Bild.

Abschied nehmen vom Kindergarten

Jedem Erstklässler baumelt ein riesig wirkendes, knallrotes Papierherz mit ihren Namen drauf um den Hals.Rasch tauen sie auf, wie auch sie gleich einen Ballon in die Finger gedrückt bekommen und der Kreis der Schüler sich schliesst. Jetzt ist es Zeit für die Ansprache des Schulleiters. Er begrüsst seine neuen Schützlinge im Namen der Schule; jetzt, sagt er, hiesse es Abschied nehmen vom Kindergarten und eintauchen in eine ganz neue Welt. Sich auch an die Eltern richtend, erklärt er, dass die Kinder nicht nur viele neue Eindrücke nach Hause bringen werden, sondern auch Ufzgis – Hausaufgaben – bei denen bestimmt auch ihre Hilfe beansprucht werde. Es werde eine schöne und spannende Zeit, auch wenn es sicherlich auch mal Tränen geben könne. Dann erzählt er von all’ den guten Wünschen, die den Ballonen innewohnen und wünscht auch seinerseits noch einen guten Start in den neuen Lebensabschnitt.

Auf Kommando dürfen nun alle ihren wunsch-erfüllten Ballonen die Freiheit schenken, auf dass, je höher sie fliegen, umso mehr Wünsche in Erfüllung gehen mögen. Ein farbiger Haufen Luftballons fliegt im Kreis über die Köpfe aller hinweg und ist schon sehr bald weit oben am Himmel, schon fast nicht mehr zu erkennen. Die grösseren Schüler ziehen nun Richtung Schuleingang ab, wo sie sich im Spalier aufstellen. Im Chor singen sie das Begrüssungslied «Die Schule geht heut los» und die erste Klasse spaziert mit den Eltern durch das musizierende Spalier ins Schulgebäude in Richtung Klassenzimmer. Nach ein paar wenigen Minuten haben sich alle 120 Kinder in ihre Klassen verteilt und im Schulhaus ist wieder Ruhe eingekehrt. Nun beginnt endlich die ersehnte erste Schulstunde.

Bekanntschaft mit Waldkobold Alo

Jedes Kind bezieht seine Schulbank und auch die Eltern dürfen noch der ersten Stunde beiwohnen. Erwartungsvoll haben sich alle hingesetzt. Auf der Wandtafel hat es ein schönes Kreidebild einer Waldszene. Als erste Aufgabe sollen die Kinder erraten, wer sich da im Bild verstecken mag. Brav strecken die frisch gebackenen Schüler die Finger in die Luft und geben auf Geheiss ihre Vermutungen kund. Aber das konnte doch niemand erraten: Die Klassenlehrerin hebt endlich einen Pilz von der Tafel ab und dahinter steckt ein weiteres rotes Herz. Darauf steht: Alo. Alle zusammen rufen nun nach Alo, bis die Lehrerin eine kleine strubbelige Handpuppe aus dem Pult holt – Alo, der Waldkobold. Zusammen mit Alo bekommen die Kinder nun ihre erste sanfte Lektion in Sachen Disziplin; Alo kann nämlich nicht so gut stillsitzen. Weil er so zappelig ist, fällt auch gleich etwas runter. O, Alo. Also werden die Kinder nun versuchen, Alo beim Stillsitzen zu helfen. Es wird denn auch schon erstaunlich gut in Hochdeutsch gesprochen und als könnte es nicht schnell genug gehen, lernen die Kinder gleich die ersten Buchstaben: «O Alo» schreibt Maja Imholz an die Wandtafel, was die Kinder lauthals mit ihr zusammen wiederholen.

Leider ist die Zeit für die Erwachsenen im Klassenzimmer um. Wir verabschieden uns von Klassenlehrerin und ihren Novizen und schleichen uns etwas schwermütig durch die Schulgänge wieder unserem Erwachsenenalltag zu.