Sommer mitten im Winter

Wir treten aus der Flughafenhalle. Warme Luft umhüllt uns. Die Buben grinsen: «Gut haben wir die kurzen Hosen im Handgepäck.» Ich atme tief den Sommerduft ein, dies Ende Dezember. Auf der letzten Etappe unserer bald 29-Stunden-Reise, tief in den Süden von Brasilien, sind wir mit dem Auto unterwegs. Auf der Fahrt komme ich nicht aus dem Staunen heraus. Sattes Grün leuchtet mir entgegen. Zu dieser Jahreszeit eher unüblich, normalerweise lässt die grosse Hitze vieles verdorren. Vor drei Jahren waren wir das letzte Mal zu Besuch bei den Grosseltern unserer Buben. In dieser Zeit hat sich einiges verändert. Die grossen Reisfelder um Porto Alegre sind fast verschwunden. Sumpfgebiete dehnen sich stattdessen aus. Landeinwärts sind die vielen Akazienwälder verschwunden. Busch und Weidefläche stehen an deren Stelle. Die gut erhaltenen Strassen ohne grosses Rumpeln zu befahren ist angenehm. Maisfelder in allen Wachstumsstadien folgen, Sojaflächen, aber nur noch wenige Weizenfelder sind sichtbar. Wie wir später erfahren, ist da der Preis total zusammengebrochen: Russischer Weizen ist billiger.

Endlich, die letzte halbe Stunde der zweistündigen Fahrt verläuft über Kiesstrassen, kurven wir in die Einfahrt des Hofes, hoch oben im Tal. Der Geruch von frischem Spiessfleisch empfängt uns beim Aussteigen. Die Buben sausen mit lauten Hallo-Rufen zum Haus hinauf. Ich bleibe stehen und schaue etwas ratlos um mich. Alles ist zugewachsen, nur noch ein Stück der Einfahrt ist frei von hohem Elefantengras, Bäumen und Büschen. Die früher gepflegten, schon steilen Ackerflächen, sind verunkrautet und verwahrlost. Wir ahnten natürlich um diesen Zustand, regelmässig informiert durch die Krankheitsgeschichte des Grossvaters. Doch es zu sehen ist noch mal etwas anderes.

Wie sehnsüchtig wir erwartet wurden, hören wir von Vovo (Grossmutter). Sie hatte Tage vorher 25 Kilogramm Rindfleisch für tägliche Spiessfleischmahlzeiten beim Metzger bestellt. Grossvater holte dann gleich 80 Kilogramm. Hofft er, wider alle Vernunft, dass wir gleich dableiben? Wir bringen schlagartig viel Leben ins Haus. Gelächter, Streit, Raus- und Reinrennen. Wenig Ruhe und viel Besuch. Die Grosseltern geniessen und sind abends nach den letzten Canasta-Spielen total erschöpft.

Reichlich gesättigt durch die vielfältige Kost von Vovo beginnen mein Mann und die Jungs die zugewachsenen Flächen an den folgenden Tagen zu roden. Es gibt nun genügend Holz für die nächsten kühlen Jahreszeiten. Weiden werden gesäubert und frisch eingezäunt. Gerade rechtzeitig. Oder hat man im Tal die Arbeiten verfolgt? Jedenfalls sprechen kurz darauf zwei Bauern vor, ob es nicht möglich sei Kälber aufzunehmen, da bei ihnen zu wenig Platz vorhanden wäre. Nun hausen wieder fünf Kälber und eine Kuh im Stall, wo seit zwei Jahren Stille herrschte. Die Vovo ist glücklich, hat sie eine erfüllende Aufgabe nebst der Pflege ihres Mannes.

In den Bächen fliessen nur Rinnsale, aber alle zwei, drei Tage regnet es kurz, sodass die Vegetation in dieser Wärme üppig wachsen kann. Es blüht an jeder Ecke, Strassenrändern, mitten im Urwald. Der Kontrast zwischen roter Erde, grün in allen Varianten und farbigen Blüten ist faszinierend. Ich kann mich kaum sattsehen. Genussvoll beisse ich beim Gucken in den frisch gepflückten, reifen Pfirsich. Der Segen von Beeren, Melonen, Mangos oder Ananas lässt mich im Schlaraffenland vermuten.

Das früher bewirtschaftete Tal ist jetzt beinah gänzlich verbuscht und bewaldet. Nachkommen der Bauernfamilien zieht es in die Stadt. Diese wiederum ist rapid gewachsen. Und schön. Der Mittelstand ist aufstrebend. Viele Geschäfte, kleine Fabriken haben sich angesiedelt. Obwohl für mich ein gewisser Wohlstand sichtbar ist, berichten unsere Verwandten über fast unzumutbar steigende Preise. Bei einem Rundgang in der Stadt entdecken wir, dass auf den Preisschildern von T-Shirts, Schuhen oder Spielzeug, die Ratenzahlungen festgehalten sind. Nur ganz klein gedruckt findet man den gesamten Preis. Auch Nahrungsmittel oder Benzin sind unverschämt teuer. Der Mindestlohn jedoch wurde nur unerheblich angepasst. Wir hören, dass die Strasse das Tal hinauf geteert und mit Leitungen angeschlossen werde, da sie als Versorgungsstrasse für die neuen Mastställe in der hinteren Hügelregion diene. Tatsächlich erleben wir die früher selten befahrene Strasse nun beinahe als Autobahn.

Die Buben und ich hacken unter der Olivenbaumreihe die fruchtbare Erde auf. Ich bereite für Vovo einige Beete vor. Riesiges Unkraut häufe ich auf die untere Seite, Steine auf die Mauer oberhalb. Nachher werden Bohnen, Karotten und Salat ausgesät. Die Jungs graben derweil nach Kristallen, die hier zuhauf in der Erde liegen, in allen Grössen und Farben. Die noch ganzen Kugeln hämmern sie später auf der Veranda auf. Jedes Stück mit grösster Neugierde. Wie gross sind die Kristallspitzen? Welche Farbe ist versteckt? Jubelschreie lassen mich zusammenzucken (ehrlich, eine gewisse Anspannung ist vorhanden bei all den Vogelspinnen, Schlangen, Echsen und Kröten). Die Jungs zerren an einem grossen Stück Quarzstein. Die Farben glitzern wunderbar in violetten Tönen. Zu dritt schleppen wir das Prachtstück zum Haus. Wohl wissend, dass die Steine aufbewahrt werden, bis wir das nächste Mal kommen. Aber nicht wissend, was wir sonst antreffen werden.