Social Media als grosse Verheissung

Social Media wuchern in immer weitere Bereiche unseres Lebens hinein. Zwar ist das tatsächliche Ausmass erst in Ansätzen erkennbar, und angesichts deren relativ kurzen ­Existenz sind wissenschaftliche Studien gewagt und spekulativ. Immerhin lässt aufhorchen, was Forscher der University of Cambridge in Zusammenarbeit mit Facebook ermittelt haben respektive welche Schlüsse sie daraus ziehen. Denn gemäss ihren Untersuchungen haben Menschen mit höherem sozialem Status weniger Social-Network-Freunde im Ausland als arme Schlucker. Dies deutet wohl darauf hin, dass sozial Höhergestellte sich weniger Illusionen machen über die «Güte», den tatsächlichen Wert und die Verlässlichkeit von Social-Network-Kontakten als jene, die um den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg kämpfen und hoffen, dank fleissigem Knüpfen an sozialen Netzen ­rascher ans Ziel zu gelangen.

Die Cambridge-Wissenschaftler wiederum sehen dies als Beweis für ihre Hypothese, dass sich Gutbetuchte dank ihrer finanziellen Unabhängigkeit auch ­weniger sozial engagieren und letztlich innerhalb ihres eigenen Umfelds – sie nennen es gar «Clique» – verharren. Risikoscheue Wahrung des gegenwärtigen Zustands also anstelle eines unternehmungslustigen, zupackenden Lebensentwurfs.

Wie aber sind die Forscher zu ihrem ernüchternden Resultat gekommen? Sie stützten sich auf einen breit angelegten Datenkranz, wobei sowohl eine globale als auch eine lokale Erhebung etwelche Unterschiede aufzudecken versuchte. Die Auswertungen wurden mit dem erhobenen Mahnfinger des Co-Studienautors Aleksandr Spectre (University of Cambridge) präsentiert: «Die Ergebnisse zeigen, dass die Vermögenden in ihrer sozialen Blase bleiben, was jedoch am Ende nicht vorteilhaft ist. Denn wenn man sich nicht international engagiert, dann ist man abgeschottet von diesen Ressourcen, wie zum Beispiel von neuen Ideen oder Informationen.» Laut den beteiligten Fachleuten zeigen die aktuellen Ergebnisse die Chance auf, dass die überall bestehenden sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ungleichheiten sich verkleinern lassen – aber eben nur bei Nutzung der unzähligen Plattformen, die zum Auf- und Ausbau internationaler Netzwerke dienen.

Es ist verständlich, legitim und wünschenswert, dass insbesondere Menschen aus niedrigeren Schichten am sozialen Netz knüpfen. Diese Logik wird belegt durch die «lokale» Studie, in deren Rahmen man 857 US-Bürger nach ihrem sozialen und finanziellen Status befragte. ­Anschliessend wurde mit dem Einverständnis der Nutzer ihr Facebook-Account untersucht. Mit dem Resultat, dass Minderbemittelte um fast 50 Prozent mehr internationale Freunde hatten als finanziell und sozial Höhergestellte. Auch die «glo­bale» Studie erhärtete – wenig überraschend – diese Grund­tendenz. Hier werteten die Forscher gar 57 Milliarden Freundschaften aus. Aufgrund der Wirtschaftskraft eines Landes, ermittelt durch das Bruttoinlandprodukt, wurden die ausländischen Freundschaften in Relation gesetzt zum sozialen Status. Ebenso wenig überraschend auch diese Schlussfolgerung: Menschen aus Ländern mit niedriger Wirtschaftskraft pflegen zu 35 Prozent Freundschaften über die Landesgrenzen hinweg; bei hoch entwickelten Ländern lag der betreffende Wert «nur» bei 28 Prozent.

Man versteht ohne lange nachzudenken die «Mechanik»: Das Nutzen der Social Media bringt allen etwas, ob sie nun über grössere Geldmittel verfügen und damit finanziell unabhängig sind, oder ob sie am andern Ende der sozialen Skala liegen und «nach oben» wollen. Dass sich zu den Cambridge-Wissenschaftlern auch Facebook als interessierter Dienstleister gesellt und die offensichtliche, geschäftsfördernde «Logik» der vorliegenden Social-Media-Studie begrüsst, kann nicht erstaunen. Ob indessen die sozialen Netzwerke tatsächlich das richtige Instrument zum Aufstieg verkörpern und die sogenannten Freunde – naturgemäss von ­extrem unterschiedlicher, oft fragwürdiger Qualität – den von ihnen erhofften Erkenntnis- und Informationsgewinn wirklich bringen, müsste umfassend untersucht und beurteilt werden. Am besten durch eine ­neutrale Organisation ohne ­Geschäftsinteressen.

Zumindest die notwendigen Plattformen wären vorhanden. Und wie wir wissen, stehen wir erst am Anfang einer von Big Data und Social Media geprägten Ära. Erstmals in der Geschichte können nun wichtige Fragen so breit zur Diskussion gestellt und wirklich repräsentative Antworten darauf gefunden werden. Noch vor zehn ­Jahren wäre das nie möglich ­gewesen. Allerdings gilt es zu bedenken, dass neue Ideen und Informationen nicht unbedingt personengebunden sind und man diese auch ausserhalb von Plattformen problemlos erreichen kann. So oder so wäre interessant zu erfahren, welche und wie viele Minderbemittelte dank sozialen Netzwerken wirklich den Aufstieg geschafft haben.