Singende Verbindung mit Estland

Gruppenfoto des Tösstaler Kammerchors mit dem Frauenchor der Nationalbibliothek Estland und dem Honorarkonsul Estlands in der Schweiz, Hans Graf (zuvorderst 3. von rechts) (Foto: lk)

Der Tösstaler Kammerchor und der Frauenchor der Nationalbibliothek Estlands gestalteten gemeinsam den Sonntagabend. Nach diesem abwechslungsreichen Konzert fühlte sich das Publikum mit dem baltischen Staat Estland verbunden. Sogar der Honorarkonsul Estlands war nach Rikon angereist um den Chor zu hören und die Frauen zu begrüssen.

Der Tösstaler Kammerchor, unter der Leitung von Andreas Zwingli, hat sich mit diesem Konzert für einmal hin zur Volksmusik bewegt, weg von der Klassik – und es steht dem Kammerchor gut. Die altbekannten und neuen Melodien wurden schwungvoll oder sanft, laut und leise und mit kleinen speziellen Intonationen vorgetragen. Das Publikum schätzte diese Variation des Musikstils sehr, genoss die klaren, wunderschön gesungenen Stimmen der verschiedenen Register. Wenn man bedenkt, dass nur ein Bass zugegen war, diese Stimmlage problemlos unter den anderen zu hören war, kann man sagen: eine beachtliche Leistung jedes Einzelnen dieses kleinen Chors von 16 anwesenden SängerInnen.

Eröffnet wurde der Konzertreigen mit «Fanfare du Printemps» und «Das Lieben bringt gross’ Freud’». Fröhlich und beschwingt erklangen die Lieder im Engelburgsaal in Rikon. «S’isch mer alles eis Ding» wurde im Publikum leise mitgesummt, und «Anneli, wo bisch geschter gsy» spielte auf den Vornamen der estnischen Dirigentin an, sie heisst nämlich Anneli. «Stets i Trure mues i lebe» rundete den nächsten Sangesblock ab. «Girometta», ein Tessiner Volkslied, und «Dumonda», ein romanisches Lied aus der Surselva, zeigen die musikalische und sprachliche Vielfalt des Kammerchors. Ein neues musikalisches Terrain ist sicherlich das Lied «Dr Ätti» von der Komödiantin und Liederschreiberin Dodo Hug. Die SängerInnen haben dies bestens umgesetzt, spritzig, frech und doch distinguiert, wie es sich für einen Kammerchor gehört.

Gemeinsamer Auftritt

Die beiden Chöre sangen zum Abschluss des äusserst gelungenen Konzerts noch zwei Lieder gemeinsam: «Helin – der Klang» wurde dirigiert von Anneli Surva und auf Estnisch gesungen. Das zweite Lied «De See lyt scho im Schatte» unter der Leitung von Andreas Zwingli erklang auf Schweizerdeutsch. Beide Chöre haben sich hervorragend auf die jeweils andere Sprache eingelassen, die Melodien harmonisch abgestimmt und boten so den Zuhörenden einen würdigen Abschluss dieser singenden Verbindung zwischen der Schweiz und Estland.

Die estnische Moderatorin Marina, die sehr gut Deutsch sprach und alle Lieder kurz vorstellte und übersetzte
Die estnische Moderatorin Marina, die sehr gut Deutsch sprach und alle Lieder kurz vorstellte und übersetzte

 

Die junge Zoe Denzler aus Weisslingen beeindruckte das Publikum mit ihrer eleganten Leichtigkeit, wie die Klöppel über die Saiten wirbelten und aus dem Hackbrett spritzige und gefühlvolle Melodien erklangen. Zur Ergänzung der beiden Chöre passten diese Instrumental-Stücke hervorragend, zumal Denzler sogar ein baltisches Zigeunerstück einstudiert hatte – sehr zur Freude der estnischen Frauen, die gerne im Takt mit-
wippten.

Ein spannendes Land im Baltikum

Amüsant, informativ und bestens recherchiert führte Ruth Blattmann durch den Anlass. Die Besonderheiten Estlands und stets eine Verbindung findend zur Schweiz erfuhren die ZuhörerInnen so sehr viel über diesen «kleinen Staat im Baltikum mit sieben Buchstaben», wie’s im «Tößthaler»-Kreuzworträtsel auch schon auszufüllen galt. Das Land ist ein bisschen grösser als die Schweiz, hat aber nur 1.3 Millionen EinwohnerInnen und liegt auf der Höhe von Helsinki. Es war bis zum Zweiten Weltkrieg russisch, dann zum Deutschen Reich gehörend, danach zur Sowjetunion und ist seit 1990 eine unabhängige Republik, die zur EU gehört. Musikalisch ist Estland vielseitig, sehr von Chören geprägt, hat 2001 den Eurovision-Song-Contest gewonnen und einige namhafte Solisten, Komponisten und Dirigenten der klassischen Musiksparte hervorgebracht.

Beim Apéro nach dem Konzert wurde noch ausgiebig geplaudert, sofern es die sprachlichen Möglichkeiten zuliessen; estnisch, finnisch oder russisch sind die Sprachen der Gast-Sängerinnen. Einige können englisch oder gar deutsch, sodass man sich recht gut unterhalten konnte.

Der Chor ist ein Unikum

Schön anzusehen waren die 25 Frauen aus Estland in ihren Trachtenkleidern, die aus den verschiedensten Regionen stammten und so die Vielfalt des Landes optisch darstellten. Der Chor, gegründet vor 26 Jahren, ist einzigartig auf der Welt, es gibt nur diesen einen Frauenchor einer Nationalbibliothek, bestehend aus Mitarbeiterinnen und Benutzerinnen der Bibliothek. Die Dirigentin Anneli Surva und der Dirigent Oliver Povel-Puusepp führten den Chor abwechslungsweise durch die Lieder. Marina, eine der Sängerinnen, sprach sehr gut Deutsch und erklärte jeweils in kurzen Worten den Text der estnischen Lieder.

«Minu päralt sinitaevas – der blaue Himmel ist mein» – ein gefühlvoll vorgetragenes Volkslied eröffnete den estnischen Teil des Konzerts. «Muusika – die Musik» und «Unes nägin – ich habe geträumt» waren die nächsten Melodien, die wundervoll gesungen wurden. Auch wenn man den Text nicht versteht, die Worte sind sehr klar gesungen und liessen die Gefühle bestens aufs Publikum überspringen. «Kes mõistab – Wer kann es verstehen» handelt vom Verliebtsein. Ein Lied hiess «Sireli, kas mul õnne? – Flieder, hab ich Glück?» – in Estland wird nicht das vierblättrige Kleeblatt gesucht, sondern die fünfblättrige Fliederblüte, die dann Glück bringen soll. «Helletus – Aufruf zum Singen»: Das schwungvolle Lied verführte zum Mitsummen.

Ruth Blattmann führte mit Witz und Charme durchs Konzert
Ruth Blattmann führte mit Witz und Charme durchs Konzert

«Luegid vo Berg und Tal» – ein erstauntes Raunen ging durch den Saal und manch einer im Publikum verdrückte eine aufkommende Träne im Auge, als der estnische Frauenchor dieses altbekannte Schweizer Volkslied anstimmte, perfekt intoniert und gut verständlich gesungen. «Tiideratas, taaderatas – das Spinnrad», quirlig und fröhlich gesungen konnte man sich diese Arbeit sehr gut vorstellen. «Tantsulaul» war ein ungarisches Tanzlied und Erinnerung daran, dass die ungarische, finnische und estnische Sprache verwandt sind und die Völker demzufolge irgendwann ein gemeinsamer Volksstamm gewesen sein müssen. «Labajalg», «Muhu kõverik», «Kaarajaan» – dies die Namen von drei Volkstänzen, die für Frauenchöre komponiert wurden; mit einfachen Tanzschritten wurden diese auf der Engelburgbühne vorgeführt. Der langanhaltende Applaus, mit Standing Ovations, freute den Frauenchor sehr. Gerne sangen die Gäste noch eine Zugabe, die «Hymne der Frauenchöre Estland» klang kraftvoll und feierlich durch den Saal.

Ein Gegenbesuch zum Liederfest im 2019?

Geschäftsreisen führten den Tösstaler Kammerchorsänger Ralph Henn nach Estland zur Nationalbibliothek, er kam mit den Mitarbeiterinnen ins Gespräch und sprach über Hobbys. Schon war der Gesang die verbindende Nähe, und mit der Zeit entstand die Idee eines gemeinsamen Konzerts in der Schweiz. Sichtlich beeindruckt von der Schweiz genossen die Sängerinnen die Kurzferien und schwärmten von der kleinen Rundreise, die der Tösstaler Kammerchor organisiert hatte. In Tallinn, der Hauptstadt Estlands, findet alle fünf Jahre ein Liederfest statt. Die weltweit grösste regelmässige Veranstaltung für Laienchöre ist mit rund 33’000 SängerInnen einzigartig und ist seit 2003 von der Unesco als Welterbe «Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit» anerkannt. Erstmals im Februar 1869 fand dieses Liederfest mit beachtlichen 850 Teilnehmern und schon rund 15’000 Zuhörenden statt. Anfangs nur für Männerchöre zugelassen, sind seit 1880 auch Frauenchöre dabei und seit 1934 werden auch Tanzvorführungen eingebunden. Um das Jahr 1960 wurde eigens für die Liederfeste eine gut 75 Meter breite Treppenbühne in Form einer Liedermuschel für rund 15’000 Personen gebaut, überdacht mit einem besonderen Trossennetz, um die optimale Akustik für die rund 500’000 Zuhörer zu gewährleisten.

Der Tösstaler Kammerchor hat ja schon ein Lied auf Estnisch einstudiert und bestens vorgetragen – wer weiss, ob dies beim Gegenbesuch zum Liederfest-2019 statt nur vor den gut 100 Personen im Engelburgsaal dann vor 500’000 Zuhörern gesungen wird?

Der Kammerchor probt jeweils am Donnerstag von 20 bis 21.45 Uhr im Singsaal Hirsgarten in Rikon. www.toesstaler-kammerchor.ch