Sie machte die «Kunststube» zu einem florierenden Kulturzentrum 

Erika Goll führte drei Jahrzehnte lang die Kunststube zur Au in Kollbrunn (Foto: ww)

Über drei Jahrzehnte lang führte Erika Goll die «Kunststube zur Au» in Kollbrunn. Sie organisierte rund 160 Ausstellungen und bot vielen Kunstschaffenden eine attraktive Plattform. 2011 hörte sie auf, wird aber trotzdem immer wieder gefragt, wann die nächste Ausstellung folge.

Auch sieben Jahre nach der letzten Ausstellung ist die «Kunststube zur Au» noch ein Begriff. Zwischen 1979 und 2011 lockten 160 Ausstellungen mit Bildern, Skulpturen und Kunsthandwerk das Publikum scharenweise in die Galerie. Verantwortlich für den erfolgreichen Betrieb dieses Tösstaler Kulturzentrums war Erika Goll, der es während der langen Zeit immer wieder gelang, bekannte und weniger bekannte Kunstschaffende zum Mitmachen zu gewinnen. Mit den von ihr gestalteten Ausstellungen traf sie den Publikumsgeschmack und verstand es bestens, sich auf die Leute einzustellen. «Hier herrscht eine herzliche Willkommenskultur», schrieb eine Besucherin ins Gästebuch.

«Möchtest du nicht wieder anfangen?»

«Viele Leute trauern der Kunststube immer noch nach», sagt Erika Goll. Wenn sie auswärts Ausstellungen besuche, treffe sie oft Leute, die sich erkundigten, wann es in Kollbrunn wieder soweit sei. «Möchtest du nicht wieder anfangen», werde sie jeweils gefragt. Tatsächlich habe sie sich das schon überlegt, aber – nein – die Vernunft habe sich durchgesetzt. Sie sei längst im Pensionsalter und nicht mehr in der Lage, die mit einer Galerieführung verbundene harte Knochenarbeit zu leisten. Wenn es nur um die Ausstellung alleine ginge, ja das wäre schon reizvoll, «Aber die Administration wäre mir zu viel.»

Drei intensive Jahrzehnte

Die Idee für eine Galerie kam Erika Goll in den siebziger Jahren, als sich ein Winterthurer Kunstsammler nach Präsentationsräumen erkundigte. Nach ersten Ausstellungsversuchen in ihrem Wohnhaus auf dem Bolsternbuck bot sich ab 1979 in der Au die Chance, einen professionellen Galeriebetrieb aufzubauen. «Kunststube zur Au» nannte sie das Haus. «Dass dies während den kommenden 32 Jahren mein Wirkungszentrum sein würde, wagte ich damals noch nicht zu glauben».

Erika Goll betreute die Galerie von A bis Z. Sie kontaktierte die Kunstschaffenden und konzipierte mit ihnen jede Ausstellung. Alles wurde sorgfältig vorbereitet, von der Einladung über die Vernissage bis zur Auslieferung der verkauften Bilder. Die Aufgaben waren vielfältig, die Arbeit gross. Alle Ausstellungen betreute sie während der Öffnungszeiten persönlich. Besonders gefordert war sie an den Weihnachtsausstellungen im November und Dezember, in die sie jeweils eine ganze Reihe von Künstlerinnen und Künstlern einlud. «Bei meinem ganzen Wirken durfte ich stets auf die grosse Unterstützung durch meinen Mann Erwin und die drei Töchter Manuela, Carolina und Claudia zählen», betont Erika Goll. Anders wäre es gar nicht möglich gewesen.

Spannender Umgang mit kreativen Menschen

Wie viele Kunstschaffende in der «Kunststube zur Au» in den 32 Jahren Bilder, Skulpturen oder Kunstgewerbe ausgestellt haben, weiss Erika Goll nicht mehr genau, aber es waren um die 300. Unter ihnen befanden sich praktisch alle bekannten Namen aus der nahen und weiteren Region, aber auch zahlreiche aus der übrigen Schweiz und dem Ausland. «Es wäre vermessen und eine falsche Wertung, hier einzelne Namen zu nennen, denn jede Person, die bei mir ausstellte, wäre erwähnenswert», erklärt Erika Goll.

Viele Kunstschaffende hätten sich darum beworben, in der Kunststube ausstellen zu können, andere habe sie angefragt, erklärt Erika Goll. Nicht immer sei es leicht gewesen, zu entscheiden, welche Objekte zueinander passen würden, damit eine schöne Ausstellung entstehe.

Der Umgang mit den Künstlerinnen und Künstlern sei immer spannend gewesen, sagt sie. Mit den meisten habe sie sich bestens verstanden, gelegentlich habe man sich aber auch zusammenraufen müssen. «Kunstschaffende sind kreative Menschen, vielfach sehr sensibel, teils von sich selbst überzeugt, manchmal aber auch unsicher und etwas weltfremd.» Für einige sei die «Kunststube zur Au» ein Sprungbrett für die weitere künstlerische Karriere gewesen. Das habe sie jeweils besonders gefreut.

Kein Geld für Bilderrahmen

Erika Goll weiss viele Anekdoten zu erzählen. So erinnert sie sich an die Aufregung mit einem jungen Zeichner aus Winterthur, der den Ausstellungstermin schier verpasste. Tagelang habe sie vergeblich versucht, ihn zu erreichen. Am Vorabend der Vernissage sei er dann seelenruhig mit den Bildern aufgetaucht und habe sich über die aufgeregte Galeristin gewundert. Oder der Maler aus Verona, der für die Zollgebühren sein ganzes Geld ausgeben musste und schliesslich hungrig und durstig in Kollbrunn eintraf. Ein anderer Künstler brachte seine Bilder ohne Rahmen in die Galerie, weil ihm das Geld dafür gefehlt habe. Und dann war da noch dieser Künstler, der an der Vernissage die Eröffnungsansprache hätte halten sollen und sich wegen des Lampenfiebers im hintersten Winkel der Galerie mit Whisky viel Mut angetrunken hatte. «Die Vernissagen in der Kunststube waren immer ein Fest, von Jahr zu Jahr kamen mehr Leute», erinnert sich Erika Goll. Manchmal blieb in der Galerie zu wenig Platz und die Eröffnungsrede musste ins Freie verlegt werden.

Frohe Stimmung in der Galerie

Erika Goll war eine kommunikationsfreudige und geschäftstüchtige Galeristin. «Ich sagte immer, was ich dachte». Das habe sie auch während der zwölfjährigen Gemeindepräsidentenzeit ihres Mannes getan. Sie habe die politische Arbeit von Erwin sehr bewundert, für sie selbst wäre das aber nichts gewesen, lacht sie. «Mein Leben war in der Galerie, wo ich es eine schöne Aufgabe fand, die Kunstwerke dem Publikum nahe zu bringen». Mit ihrer Spontaneität sei sie meist gut angekommen und in der Galerie habe fast immer eine fröhliche Atmosphäre geherrscht, alle hätten sich wohl gefühlt. «Ich liebte es, mit Leuten umzugehen.»

Dass die Galerie über all die Jahre florierte hat für Erika Goll aber auch noch einen anderen Grund: «Ich hatte das Glück, dass meine Arbeit in eine gute Zeit fiel.» Viele Besucher hätten in den siebziger und achtziger Jahren neue Wohnungen und neue Häuser bezogen. «Diese Leute wollten schön leben – also ihre Räume mit Kunstwerken schmücken». So habe sie jeweils versucht, ihnen zu helfen, jene Kunstobjekte zu wählen, die zu ihnen und ihrer Umgebung passten.

Dem Schönen zugetan

Schon als Schülerin war Erika Goll kunstinteressiert. «Ich liebte das Schöne, das Besondere – und war gerne mit Menschen zusammen.» Dass sie nach dem beruflichen Weg als Modezeichnerin schliesslich Galeristin werden durfte, sei ein Glücksfall gewesen. Im Kontakt mit den Kunstschaffenden habe sie zudem viel gelernt. In spezieller Erinnerung ist ihr ein Maler geblieben, bei dem sie den schrittweisen Weg von der konkreten zur abstrakten Kunst verfolgen konnte. «Die Kunst bereicherte mein Leben, öffnete mir Neues, was mir sonst verborgen geblieben wäre.»

Im Wohnhaus am Bolsternbuck, von wo sie freie Sicht auf die Au mit der einstigen Kunststube hat, sind Wände und Nischen voll mit Bildern und Skulpturen von «ihren» Kunstschaffenden. Das Haus wirkt von unten bis oben wie eine Galerie. «Jedes Werk weckt in mir Erinnerungen an eine wunderschöne, faszinierende und bereichernde Zeit.»