«Sich für die Gemeinschaft zu engagieren ist für uns eine Selbstverständlichkeit»

Organistin und Stammbaumforscher: Das Ehepaar Ursula und Ueli Vetter (Foto: ww)

Einst steckte Ueli Vetter seinen Forschungstrieb in technische Entwicklungen bei Sulzer, heute in Familienstammbäume und Turbenthaler «Häusergeschichten». Ursula Vetter leitet, als langjährige Organistin in Schlatt, nach der Kirchenchorauflösung eine Singgruppe für Frauen.

Als der «Tößthaler» Ueli Vetter um ein Gespräch bat, antwortete er, das sei nicht so seine Sache. Wenn schon, hätte seine Frau wahrscheinlich mehr zu erzählen. Warum nicht? Deshalb ist aus dem Interview mit Ueli und Ursula Vetter-Frei ein Paar-Porträt geworden.

In der 1. Klasse sassen Ueli Vetter und Ursula Frei im selben Schulzimmer in Turbenthal. Dann zog die Familie Vetter nach Linthal. Die beiden Familien blieben in Kontakt und Vater Vetter liess sich bei Vater Frei ab und zu einen Anzug anfertigen. An einem späteren Familientreffen hat es zwischen den beiden Maturanden Ursula und Ueli dann gefunkt. 1965 heirateten sie und nach und nach kamen die vier Buben zur Welt. 1971 bezogen sie das Haus am Sonnenberg in Turbenthal, wo sie heute noch leben.

53 Jahre Organistin in Schlatt

Die Tochter des einst im Tösstal bekannten Schneidermeisters Hans Frei hatte sich zielstrebig ihren Berufswunsch erfüllt. «Schon als Drittklässlerin wusste ich: Ich will Lehrerin werden». Nach Schule und Seminar trat sie in Schlatt ins Berufsleben ein. Dort bemerkte man rasch die musikalische Ader der jungen Lehrerin. Bald dirigierte sie den Frauenchor und wurde flugs zur Organistin berufen. So ist sie nicht nur jeden Tag mit dem Velo – später dann mit einer Vespa – zum Schulunterricht nach Schlatt gefahren, sondern an den Sonntagen auch noch zum Orgelspiel in die Kirche. Mit einer Ehrung wurde ihr 2014 das 53-jährige Wirken an der Orgel in Schlatt verdankt.

Aber nicht nur in Schlatt, sondern auch in Turbenthal, Sitzberg und zeitweise auch in Wila und in Kyburg war sie eine geschätzte Organistin. Zudem widmete sie sich als Leiterin der Jugendmusikschule Turbenthal während 18 Jahren auch administrativ der Musik. Ihr Wirken ist auch heute noch bemerkenswert. So sorgt sie regelmässig für die musikalische Begleitung der Andachten in den Alters- und Pflegeheimen Lindehus und Spiegel und leitet seit über 30 Jahren eine zehnköpfige Flötengruppe. Als vor einiger Zeit der
Kirchenchor Turbenthal aufgelöst wurde, wünschten sich viele Frauen weiterhin einen Ort zum gemeinsamen Singen. Ursula Vetter hat deren Wunsch erfüllt. «Wir treffen uns und singen gemeinsam Lieder, so wie wir das einst in der Schule machten», sagt sie.

Der Ingenieur und Schulpräsident

Ueli Vetter hatte 1964 an der ETH das Ingenieurdiplom erworben und trat dann bei Sulzer in Winterthur ein. «Damals warteten die Firmen richtiggehend auf die Studienabsolventen. Die Türen standen uns offen», erzählt er. Zuerst wirkte er im Gasturbinenbereich, dann wurde er Leiter einer Konstruktionsgruppe bei den Dieselmotoren. Diese Funktion war verbunden mit Dienstreisen nach Japan, Korea und China.

In Turbenthal liess sich Ueli Vetter schon in jungen Jahren für ehrenamtliche Funktionen gewinnen. 1975 wurde er in die Primarschulpflege gewählt und ab 1978 übernahm er für acht Jahre deren Präsidium. «Das war eine intensive Zeit», erinnert er sich. Aber im Vergleich zu heute sei es wohl noch «eine heile Welt» gewesen. Nur ganz selten intervenierten Eltern wegen schulischen Angelegenheiten bei ihm und die Lehrerschaft habe in den Schulhäusern allfällige Probleme meist selbst gelöst. Gross seien jedoch die administrativen Aufgaben gewesen, habe es doch weder ein Schulsekretariat noch Schulleitungen gegeben. So habe er sich nur wenig mit den eigentlichen Schulinhalten befassen können. Zur heutigen Schulpolitik möchte sich Ueli Vetter nicht äussern, auch nicht zu den Fusionsplänen. Um das beurteilen zu können, fühle er sich zu weit weg.

Vielseitig interessiert und engagiert

Nach der Pensionierung fand Ueli Vetter für seinen Forschungstrieb eine neue Ebene. Er ging den Familiengeschichten nach. Zuerst seiner eigenen, dann jener seiner Frau. Zurzeit ist er mit dem grossväterlichen Geschlecht Gubler beschäftigt. Viele Informationen findet er im Zürcher Staatsarchiv. Dabei ist er auf ein weiteres Thema gestossen, das ihn fasziniert: Die Geschichte der Häuser. Bisher hat er Angaben über rund 450 Turbenthaler Bauten zusammengetragen. Die Dokumentation gibt Auskunft über Besitzer und Baudaten und enthält viele Fotos.

Im kommenden Jahr wird er über seine Recherchen im Ortsmuseum eine Ausstellung gestalten. Mehrere Jahre wirkte er im Vorstand des «Vereins für ein Ortsmuseum in Turbenthal», der sich für eine neue Nutzung der Schlossscheune einsetzt. Eine Lösung scheint sich nun abzuzeichnen. Einst hoffte man auf ein überkommunales Projekt für die ganze Talschaft. Doch dem sei damals Widerstand erwachsen.

Stark engagiert war er auch am kürzlichen Turbenthaler Kirchenfest, für das er eine vielbeachtete Fotodokumentation gemacht hat. Bei all diesen Tätigkeiten dient ihm der Computer als wertvolles Hilfsmittel – als Ingenieur natürlich bereits seit 1978.

Einen Ausgleich zum Kopflastigen fand er stets im Sport, beim Bergsteigen und beim Langlauf. Er hat etliche 4000er bestiegen und über 30 Mal am Engadiner Marathon teilgenommen. Heute muss er zwar etwas zurückstecken, aber Velofahren und Wanderungen gehören immer noch zum Alltag.

Die Lebensphilosophie

«Vieles hat sich in den letzten Jahren verändert», stellen Ueli und Ursula Vetter fest. Sie nennen das Beispiel der Volkshochschule Turbenthal-Wila, wo sie über Jahre hinweg ein interessantes und damals sehr geschätztes Kursprogramm mitgestalteten. «Dann änderten sich die Gewohnheiten und es boten sich neue Informationswege an. So musste das örtliche Angebot auch aus finanziellen Gründen aufgegeben werden», sagt Ueli Vetter. Auch für den von ihm präsidierten Kirchenchor muss-te er das Totenglöcklein läuten, denn die Überalterung und der fehlende Nachwuchs hätten kein Weitermachen gerechtfertigt. Auf gesellschaftliche Veränderungen müsse man rechtzeitig reagieren. Es kann dadurch ja auch wieder Neues ent-
stehen.

Nicht allen Veränderungen stehen die Vetters positiv gegenüber. Sorgen bereitet ihnen vor allem der zunehmende Verkehr durch die Dörfer. Bewusst haben sie immer auf ein Auto verzichtet. «Wir brauchen keines, denn mit Bahn und Bus erreichen wir mühelos alle unsere Ziele», erklären sie. Natürlich habe dieser Entscheid auch ihrer ökologischen Grundhaltung entsprochen. Diese führte auch dazu, dass Ursula Vetter seinerzeit bei der Gründung des
Naturschutzvereins Turbenthal-Wi-la im Vorstand mitmachte.

Obwohl schon längst im Pensionsalter, sind die Tage von Ursula und Ueli Vetter meist gut strukturiert, um nicht zu sagen: Ausgefüllt. Die Freude an der Musik teilt Ursula mit ihrem Mann. Auch er spielt Klavier und gemeinsam pflegen sie ein intensiv kulturelles Leben mit Besuchen von Konzerten, Theater, Oper und Ausstellungen.

Eine London-Reise und anschlies-send etwas Bergluft im Engadin sollten im Herbst 2017 zusätzlich Abwechslung bringen. Dann aber ein Fehltritt von Ursula Vetter beim Abstieg vom Lettenberg nach Turbenthal – der Fuss war gebrochen. Es hiess umplanen. Das machte den Vetters wenig Mühe. Sich neuen Gegebenheit anpassen, aus der Situation das Beste machen – das war schon immer ihre Lebensphilosophie.