«Sich auf Neues einzulassen, ist immer wieder spannend»

Richard Heer möchte sich als Künstler fortentwickeln (Foto: ww)

So wie Richard Heer als Lehrer seine Schüler zu guten Leistungen motivierte und jedem eine Chance geben wollte, so stellt er sich heute als Kunstschaffender selbst immer wieder neuen Herausforderungen. Sein vielfältiges Engagement in Schule und Kultur hat Spuren hinterlassen. 

Eine der Spuren, die ihn bis heute verfolgen, ist die Broschüre «Höhlen im Tösstal». Darin bestechen die Zeichnungen von Richard Heer sowie die Sagen und Geschichten rund um diese Höhlen. «Es war kein wissenschaftliches Werk, sondern es ging um Heimatkunde», betont er. Noch heute wird er immer wieder nach dieser längst vergriffenen Broschüre gefragt, die 1967 zusammen mit Walter Hofmann entstand. Das Büchlein ist exemplarisch für Richard Heer: Die Höhlen als Teil der Natur minutiös darzustellen und sie mit heimatkundlichen Inhalten zu verbinden entsprach seinem Drang, Landschaften und Pflanzen zu erforschen und zu zeichnen.

Stimmungen an der Ostsee

Derselbe Drang war es wohl, der ihn nach der Pensionierung zu einem Experiment an die Ostsee auf die Insel Rügen führte. Dort mietete er einen Strandkorb, von dem aus er tagelang die unterschiedlichen Stimmungen am Stand malte und zeichnete. Es entstand eine faszinierende Bilderfolge mit Sturm, Regen, Sonne Wolken und Nebel – alles vom selben Punkte aus beobachtet und stilsicher festgehalten. Das zeige, dass das, was man sehe, nie die einzige Wirklichkeit sei, meint Richard Heer. 

Eine besondere Faszination ging für ihn vom Romantiker Caspar David Friedrich (1774-1840) aus. Dessen Skizzenbuch führte ihn für ein Kunstprojekt an verschiedene Orte an der Küste Rügens, die er in Aquarell-Reihen festhielt. Diese Bilder versandte er an Freunde.

Auch sein letztes grosses Projekt von 2015 führte ihn wieder an die Kreideküste der Insel Rügen, wo Caspar David Friedrichs weltbekanntes Gemälde «Kreidefelsen auf Rügen» (Reinhart-Museum Winterthur) entstanden war. An sieben Orten fotografierte er den Buchenwald über der Kreideküste zu allen vier Jahreszeiten und fügte die Aufnahmen zu einer spannenden Dokumentation zusammen.

Sich neuen Herausforderungen stellen

Das sind nur einige Beispiele aus dem Schaffen von Richard Heer in den Bereichen Malerei, Fotografie, Film sowie Objekte und Installationen. Ist ein Werk beendet, sucht der 75-Jährige rasch nach neuen Herausforderungen. «Schlimm wäre es für mich, wenn man mich in eine Schublade ablegen könnte, und sagen würde, das sei der Richi Heer», lacht er. Vielseitigkeit ist ihm wichtig. «Sich auf Neues einzulassen, ist immer wieder spannend.»

Zum Malen und Zeichnen fühlte sich Richard Heer von der Jugend an hingezogen. Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen in Winterthur trat er nach der sechsten Klasse ins Gymnasium ein. «Was willst du ein Studium anstreben», habe es in seinem Umfeld aber immer wieder geheissen, «deine Eltern können dies gar nicht finanzieren». So habe er später ans Lehramt gewechselt. 1964 trat er in Bassersdorf seine erste Stelle an und bildete sich berufsbegleitend zum Sonderklassenlehrer weiter. Den Wunsch, zu studieren, erfüllte er sich aber dennoch, und zwar von 1969 bis 1974 in Kunstgeschichte, Pädagogik und Volkskunde an der Universität Zürich. 

Jedem Schüler eine Chance geben

1974 kehrte er in den Schuldienst zurück und trat an der Mittel- und Unterstufe in Kollbrunn eine Stelle an. Dieser Schule blieb er treu bis zur Pensionierung im Jahre 2005. In der Unterstufe seien damals die Kinder noch als «unbeschriebene Blätter» in den Unterricht eingetreten. Die Fortschritte verfolgen zu können, sei spannend gewesen. Die Mittelstufe lag ihm besonders wegen seiner Lieblingsfächer Heimat- und Naturkunde. «Ich nannte sie die farbige Stufe, wo die Kinder sehr begeisterungsfähig sind». Besonders wertvoll habe er es empfunden, seine Kenntnisse aus dem Kunstgeschichte-Studium in den Unterricht einfliessen zu lassen, um damit den Kindern den Zugang zur Kunst zu erleichtern.

Im Hinblick auf den Übertritt an die Oberstufe versuchte er, jedem Kind eine Chance zu geben. «Kinder leisten nicht immer dasseIbe», betont Richard Heer. «In einer guten Atmosphäre erbringen sie bessere Resultate, als wenn sie unter Leistungsdruck geraten.» In seinem Atelier sitzt er häufig auf einem Bänklein, das ihm seine Schüler zur Pensionierung schenkten und darauf ihre Namen gemalt haben. «Eine schöne Erinnerung an meine Lehrerzeit.» Richard Heer engagierte sich über die Schule hinaus für die Zeller Jugend. Ein Filmclub oder die Disco an der Zeller Chilbi sowie weitere Freizeitangebote trugen seine Handschrift. «Es ging darum, mit den Jugendlichen etwas zu unternehmen, das ihnen entsprach.»

Von der konkreten zur illusionistischen Malerei

Rasch wurde auch das kulturelle Schaffen von Richard Heer wahrgenommen, nicht nur in der Gemeinde Zell, sondern in der ganzen Region Winterthur. Mit seinen Aktivitäten in der Schmitte Zell, mit seinen Gemälden und Zeichnungen (unter anderem in der Chronik der Gemeinde Zell) sowie zahlreichen Ausstellungen stiess er auf grosse Aufmerksamkeit. Besonderen Anklang fanden seine Bühnenbilder an einem Musical von Paul Burkhard sowie am Verbandsturnfest 1992 in Zell. So wunderte es niemanden, als ihn der Gemeinderat im letzten Sommer zur «Persönlichkeit des Jahres 2016» ernannte. 

Interessant ist die Entwicklung des Malstils, der vom rein Naturalistischen schliesslich ins Abstrakte führte. «Das war für mich eine neue Faszination». Heute beschäftigt er sich vor allem mit der illusionistischen Malerei. Dabei geht es ihm darum, Objekten mittels perspektivischer Darstellung eine dreidimensionale Wirkung zu verleihen. Im Vordergrund steht auch nicht mehr das Einzelbild, viel spannender findet er Reihen oder Installationen. 

Ein Herz für die Schwächeren

Dass im Dachgeschoss des Werkhofs Schöntal in Rikon Atelier-Räume eingerichtet wurden, kam nicht nur Richard Heer, sondern weiteren namhaften Kunstschaffenden aus Zell entgegen. Richard Heer hat sich hier seit 1990 eingemietet und seit seiner Pensionierung erteilt er hier auch Mal- und Zeichenunterricht für Erwachsene. Viele Jahre lebte Richard Heer in Zell. Ein harter Schlag war für ihn der frühe Tod seiner ersten Frau, als er mit den zwei Kindern plötzlich alleine dastand. Später kamen dann seine jetzige Frau und ein Sohn dazu. Heute lebt die Familie in Rikon.

Richard Heer ist einer, der denkt, bevor er spricht. Sein ganzes Kunstschaffen ist frei von Provokation. «Provokation stiftet Unfrieden», pflegt er zu sagen. Das zeige die aktuelle Politik, wo er sich mehr gegenseitigen Respekt wünscht. «Man sollte den Mitmenschen einfach so nehmen wie er ist», findet er. Politisch hat er sich immer zurückgehalten, aber sein Herz schlägt für die Schwächeren.