Selbstwertgefühl ist wie eine Säule

Das Fundament eines jeden Lebens ist das Selbstwertgefühl. So banal dies klingt: Ganz so leicht ist es dann doch nicht. Die Zuhörer des Vortrages von Caroline Märki lernten eine komplexe Welt kennen, die es zu betreten aber mehr als lohnt.

Vergangenen Mittwoch lud das Elternforum der Primarschule Zell zu einem spannenden und aufschlussreichen Vortrag ein. Knapp 80 Personen fanden sich im Hirsgarten-Saal in Rikon zusammen, um mehr über das Selbstwertgefühl von Kindern zu erfahren. Unter dem Titel «Das Selbstwertgefühl von Kindern stärken» hielt Caroline Märki, Familientherapeutin und selbst Mutter dreier Kinder, nicht nur ein Referat, sondern ein lehrreiches Exempel für alle Anwesenden.

Erziehung durch Beziehung

Vor drei Jahren hatten Barbara Güpfert und Cornelia Meisterhans vom Elternforum demselben Vortrag bereits in Turbenthal einmal gelauscht. Danach war klar: Davon sollten auch andere profitieren können. Denn, wie Güpfert in ihrer Begrüssung betonte, gehe es im Referat nicht darum, Tipps und Tricks für das eigene Erziehungs-ABC zu holen. Es werden keine Methoden gelehrt, sondern es öffnet die Augen dafür, als Elternteil authentisch zu sein, eigene Werte kennenzulernen, zu hinterfragen und vielleicht zu verändern.

Diese Werte sind es auch, die Caroline Märki den Eltern und Zuhörenden vermitteln will. Weder Gehorsam noch Laissez-Faire sollten eine Erziehung prägen, sondern die Beziehung zum Kind. Was bedeutet das? Eine Beziehung entsteht nicht nur durch Lob und nicht nur durch positive Erlebnisse. Eine Beziehung kann auch durch Reibung am Leben erhalten werden. Wenn diese Beziehung zum Kind intakt ist, braucht es nach Caroline Märki keine Erziehungsmassnahmen, denn Beziehung bedeutet steten Kontakt.

Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen

Wer nun aber im Glauben nach Rikon gekommen war, neue Erziehungsmassnahmen ins Repertoire aufnehmen zu können, wurde dennoch nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Statt Massnahmen wurden einfach Werte ins Zentrum gestellt. Mit diesen Werten steht nun auch das Selbstwertgefühl der Kinder in einer wechselwirkenden Beziehung. Das Selbstwertgefühl eines Kindes sei wie eine Säule, die einen Körper stabilisiert. Das Ziel von Eltern muss es sein, diese Säule zu füllen und sie so stabil zu machen, dass das Kind damit jedem Gegenwind trotzen kann. Das Selbstwertgefühl basiert auf Werten und darauf zu erkennen und zu akzeptieren, wer man wirklich ist. Das Selbstvertrauen dagegen sind Ringe um die Säule des Selbstwertgefühls. Selbstvertrauen entsteht aus Dingen, die wir können, von denen wir durch Lob, Zusprache oder Bewunderung wissen, dass wir darin gut sind.

Nach Märki ist die heutige Gesellschaft nur noch auf «das Sammeln dieser Ringe» ausgerichtet. Wer aber nicht will, dass sein Kind bei Gegenwind – egal ob dies in der Pubertät oder erst nach erfolgreicher Karriere passiert – umstürzt, der sollte nicht nur das Selbstvertrauen seines Kindes fördern, sondern vor allem sein Selbstwertgefühl, es also darin bestärken, wer es ist.

Das kann ich auch

Zur Förderung des Selbstwertgefühls erörtert Caroline Märki fünf Bereiche, von denen sie den ersten besonders hervorhebt. Dies ist die Respektierung der Eigenart jedes Kindes. Man sollte nie einen unterbewussten «Idealtyp» eines Kindes vor Augen haben, den man danach vielleicht ungewollt auf sein Kind projiziert. Wann ist ein scheues Kind zu scheu? Muss man ein scheues Kind dazu «zwingen» Freunde zu finden? Auf keinen Fall, findet Märki, solange sich das Kind wohlfühlt. Indem wir uns an einer Norm orientieren, vermitteln wir Kindern, die vielleicht nicht in den Stereotyp eines Erziehungsbuches passen, das Gefühl, nicht in Ordnung zu sein. Dies ist Gift für jedes keimende Selbstwertgefühl.

Caroline Märki lässt während des ganzen Abends nie die Theorie Überhand gewinnen, sondern untermalt ihre Ausführungen immer wieder mit eigenen Beispielen aus dem Familienalltag und vor allem mit humorvollen Anekdoten. Das Publikum nickt immer wieder, stellt viele Fragen und lacht auch immer wieder herzhaft – einfach, weil sich viele in die Alltagssituationen hineinfühlen können. So ist das Referat auch nicht belehrend, sondern mehr ein Augenöffner, wo Notizen am Ende des Abends weniger nützen, als die Reflektion des eigenen Verhaltens.

Am Ende des Referates sieht man keine frustrierten Gesichter und niemanden, der sich selbst immer im «negativen Beispiel» erkannt hat. Im Gegenteil: Man sieht nur fröhliche Gesichter und man spürt die Motivation, die neuen Denkanstösse umsetzen zu können. Eben weil sich jeder in irgendeiner Anekdote, in irgendeiner Situation wiedererkennen konnte und nun eine neue Sicht darauf hat, in dem Wissen: Das kann ich auch.