Seiner Zeit voraus – über die Architektur des Tibet-Instituts

Modernes Kloster in tibetischer Tradition: Buddhistische Symbole und tibetische Fahnen versinnbildlichen die Kultur und die Lehre Buddhas. (Foto: Archivbild tth)

Dieses Jahr feiert das Tibet-Institut sein 50-jähriges Bestehen. Die Architektur des Klosters ist beispielhaft für die der späten 1960er-Jahre. Der Bau gilt als wichtiger Zeuge seiner Epoche und wurde ins Inventar der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung aufgenommen.

Etwas Mystisches haftet an ihm, am weissen Bau mit den massiv wirkenden Mauern, dem geometrischen Zinnenkranz und der goldenen Turmbekrönung. Das Tibet-Institut thront wie selbstverständlich, in der steil abfallenden Lichtung sitzend, über der Tobelweid. Doch wer es zum ersten Mal sieht, stutzt. Seine Architektur ist offensichtlich modern, dennoch erinnert es an eine entrückte Zeit, an eine ferne Welt.

1967 wurde der Grundstein für den Bau des Tibet-Instituts gelegt. Damit beauftragt war das Architekturbüro Flück & Vock aus Ennetbaden AG. Diese in Europa erstmalige Bauaufgabe setzten die Architekten beispielhaft um. Gerade für ländliche Gegenden waren sie mit ihrem Entwurf der Zeit voraus, obwohl die Fassade des Klosters mit Elementen vergangener Epochen besetzt ist.

Säulen, Zinnen und Scharten

Von Südwesten, der Talseite her betrachtet, steht das Institut auf einer aus der Wiese emporragenden Stützmauer. Es ist eine Anspielung auf die säulengestützten Bauten der Antike. Ein in der Fassade eingemitteter Treppenturm erinnert an mittelalter­liche Bergfriede. Wie diese mit Schiessscharten, ist der Abschluss des Turms mit lang ge­zogenen Öffnungen versehen. Das moderne Flachdach über dem dunklen, hölzernen Attikageschoss ist umreit von weissen Zinnen, charakteristische Merkmale von mitteleuropäischen Befestigungen wie Burgen und Schlösser.

Die in die Natur eingepasste Bauweise, die symmetrische Fassadengestaltung und das ­flache Dach mit den Zinnen sind ebenso typisch für die in ­Tibet verbreitete Wehrturmhaus-Architektur. Unterstützt wird das Bild durch die in die Fassade eingelassenen Stehbalkone. Es lässt sich eine entfernte Verwandtschaft, zum Beispiel mit dem Potala-Palast aus dem 17. Jahrhundert in Lhasa, dem ehemaligen Sitz des Dalai Lama, erkennen. Wie die tibetischen Klöster ist auch das Schweizer Unikat mit traditionellen, buddhistischen Attributen versehen.

Buddhistische Symbolik

Über dem Haupteingang im zweiten Obergeschoss, auf der Nordostseite des Instituts, an der Wildbergstrasse, steht ein goldenes Dharma-Rad — das Rad der buddhistischen Lehre. Seine acht Speichen stehen für die ­Regeln des achtfachen Pfads der Erkenntnis. Ein Pilgerweg, der links vom Haupteingang mit zehn Gebetstrommeln beginnt, führt im Uhrzeigersinn um das Kloster, unterhalb des Gebäudes S-förmig durch die Wiese zum Chörten, einem Kultbau des tibetischen Buddhismus – und von da zurück zum Haupteingang. Der Gebetsplatz mit dem Chörten liegt am Rand des Waldes zwischen den Bäumen, mit freier Sicht zum Kloster. Auch vom Chörten aus sieht man vom Dach des Treppenturms die goldene «Gendshira» strahlen, ein sakrales Wahrzeichen, das die fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Himmel versinnbildlicht.

Hinter den Stützen im Erdgeschoss liegen die Fenster des Kultraums. Eine goldene Buddhafigur hinter dem Altar empfängt stumm die Besucher. Hier halten die Mönche Zeremonien ab, Leute kommen zum Beten und um ihre Opfergaben auf den Altar zu legen. Aber auch andere Veranstaltungen finden hier statt. Hinter gläsernen Vitrinen liegen alte buddhistische Schriften. Der Dalai Lama stellte diese Bibliothek einst für das «klösterliche» Institut zusammen – sie legitimierten damals das Projekt. An der Längswand des Kultraums steht ein breiter, erhöhter Stuhl. Auf ihm posiert ein Porträt des Dalai Lama, welches seinen Platz bis zum nächsten Besuch in Rikon freihält und in seiner Abwesenheit stellvertretend verehrt wird.

Im ersten und zweiten Obergeschoss befinden sich die Wohnräume der Mönche und je eine mit dem Treppenturm verbundene Halle. Speziell an den nur sieben Quadratmeter grossen Mönchszellen ist der kleine Stehbalkon und ihre standar­disierte Einrichtung. Nebst einem schmalen Bett gibt es eine genau eingepasste Kombination aus Bücherregal, klappbarer Schreibtischplatte und einem Schrank mit Schubladen. Die klare Form und Effizienz der ­seriell hergestellten Möblierung ist typisch für die Architektur der Nachkriegsmoderne.

Von weltweiter Bedeutung

Im Attikageschoss mit der Holzverkleidung befinden sich die Räume der Verwaltung und eine Wohnung. Diese ist für den Dalai Lama reserviert, auch wenn er mittlerweile bei seinen Besuchen aus Sicherheitsgründen auf Hotels ausweichen muss. Um das Geschoss herum führt eine Ga­lerie mit Eingang zum Treppenturm und auf der gegenüberliegenden Seite einer Überbrückung zu einem 1993 neu gebauten ­externen Bibliotheksgebäude. Heute umfasst die Bibliothek des Klosters über 12’000 Titeln, hauptsächlich Bücher und Separatdrucke zur Gründung des Klosters und zu den Aktivitäten der Tibeter in der Schweiz, aber auch Filme und Tonträger, und gehört weltweit zu den grössten tibetischen Fachbibliotheken.

Zum 50-Jahr-Jubiläum fanden im Institut Vorträge statt, unter anderem von Raphael Sollberger von der Baudirektion des Kantons Zürich über die Architektur. Denn im Rahmen einer aktuellen Revision wurden das Tibet-Institut, der Chörten und ihre Umgebung ins Inventar der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung aufgenommen. Sie wurden als kantonal bedeutend eingestuft, als wichtige wirtschafts- und sozialgeschichtliche Zeugen ihrer Epoche.