Schnitzen, Köhlern und ein Ochs am Spiess

René Bosshard (zweiter von rechts) mit seinen Helfern beim Füllihus, um welches das Holz für den Kohlenmeiler aufgestapelt wird (Foto: Eva Kurz)

«20 Jahre Rietlifäscht» heisst es bei Familie Bosshard. Zum Jubiläum darf der mittlerweile traditionelle Ochs am Spiess auch dieses Jahr nicht fehlen und symbolisch für die verbrauchte Kohle vorangegangener Feste wurde ein Kohlenmeiler gebaut.

«Chum, machemer es Gartäfäscht», sagten sich Tina und René Bosshard vor 20 Jahren. Dass aus ihrem spontanen Gartenfest ein wiederkehrender Anlass mit hunderten von Gästen entstehen würde, überrascht das Paar heute selbst. Damals organisierten sie ein Spanferkel, schrieben ihr Fest im Dorf aus. Prompt kamen 45 Gäste. Als sie das Fest im Folgejahr wiederholten, waren es an die 70 Festfreudige und im dritten Jahr bereits über 100. «Beim achten Fest brachten wir eine Sau. Die hatte 90 Kilo», sagt Tina Bosshard, «für die mittlerweile 180 Gäste reichte ein Spanferkel nicht mehr.»

Tina und René Bosshard gingen bereits zusammen zur Schule. René wuchs in Bauma auf, wo er 1993 den Betrieb seiner Grosseltern, einen Stall mit Mast-Munis in Altlandenberg, übernahm. Tina lebte im Rietli, Sternenberg, neben ihrem heutigen Daheim, welches damals ihrer Grossmutter gehörte. Als diese starb, konnte Tina 1995 das Haus mit Umschwung übernehmen und gründete eine Wohngemeinschaft. Im selben Jahr kam sie mit René zusammen. «Ich fragte René, ob er auch in meine WG ziehen wollte», sagt Tina Bosshard, denn er wohnte damals noch im elterlichen Haus. «Er sagte zwar nein, aber wir unternahmen immer öfter etwas miteinander.» 1996 heirateten sie und bekamen ihr erstes von heute fünf Kindern.

Zu Tina Bosshards Haus konnten sie Land dazukaufen und entschieden sich, den Mast-Betrieb in Altlandenberg aufzugeben, einen neuen im Rietli zu bauen und im Jahr 2000 entstand der Rietlihof. Bosshards führen heute ihren Hof nach IP-Suisse-Standard und züchten Hereford-Rinder mit Mutterkuhhaltung. Bei der Fütterung verzichten Bosshards auf jegliche Zusätze, die Kälber ernähren sich vorwiegend von Milch, später auch von Gras und Heu. Den Sommer verbringen die Tiere auf einer Alp in Pontresina. Nebst den Rindern betreibt Tina Bosshard eine eigene Kleintierzucht. Auf dem von Hügeln und Naturwiesen umgebenen Hof wimmelt es von Hasen, Hühnern, Papageien und Schildkröten. Auch Pferde, Zwergschweinchen und Geis-sen gehören zum Mini-Zoo.

Der Ochs am Spiess

2009 pausierten sie mit ihrem Rietlifest, weil sie nach Biesen DE an ein Hereford-Züchtertreffen reisten. Dort assen sie zum ersten Mal Ochs am Spiess und waren begeistert. «Das wollten wir für unser nächstes Fest auch», sagt Tina Bosshard. Allerdings war es gar nicht einfach, einen Metzger zu finden, der ihnen bei diesem Vorhaben helfen konnten. Am Stadtfest in Will SG fanden sie aber wieder einen Ochs am Spiess. Sie konnten den richtigen Kontakt knüpfen und ihren Gästen beim nächsten Rietlifest eines ihrer Hereford-Rinder servieren. Seither ist die jährliche Besucherzahl auf rund 400 Personen
gestiegen.

«Bei unseren Gästen kommt der Ochs am Spiess sehr gut an. Aber wir bekamen auch einmal einen Brief von einer älteren Frau; sie fand es ganz schrecklich und würdelos für das Tier», sagt Tina Bosshard. «Ich musste sie einfach anrufen. Ich erklärte ihr, wie unsere Tiere leben und den ganzen Ablauf bis zum Schlachten.» Zum einen leben die Kälber und Rinder glücklich mit ihren Müttern zehn bis zwölf Monate auf der Weide. Zum anderen haben sie, dadurch, dass die Tiere regelmässig auf die Alp gefahren werden, überhaupt keine Angst davor, in einen Transporter zu steigen. «Das tun sie sogar von selbst, wenn er dasteht.» Die Dame konnte beruhigt werden, auch wenn sie grundsätzlich gegen den Genuss von Fleisch war. «Aber die Leute essen nun mal Fleisch. Das Wichtigste ist, dass die Tiere keinen Stress haben», sagt Tina Bosshard, «und dafür sorgen wir.»

20 Jahre sind seit dem ersten Fest vergangen, zur Feier veranstalten Bosshards ihr Rietlifest gleich eine ganze Woche lang. Diesen Samstag wird der Festschmaus wieder einmal mit einem Spanferkel eröffnet, der Ochs am Spiess gibt es zum Ende am Samstag in einer Woche. Das Programm haben sie liebevoll geplant und dem Leben auf dem Hof angepasst. Es gibt eine Ausstellung über Jagd und Forst in der Region, welche die einheimischen Tiere zeigt. Auch der Schmetterlingsverein stellt aus und bietet eine kleine Exkursion in die umliegenden Naturwiesen. Diesen Sonntagmorgen wird ein Feldgottesdienst gehalten und am Mittwochabend singen sieben Chöre aus den umliegenden Dörfern an der Chorstubete mit Raclette-Znacht. Am Donnerstag und Freitag wird für alle Interessierten, auch für Anfänger, ein Motorsäge-Schnitzkurs angeboten. Ein paar freie Plätze gibt es noch, auch die Motorsägen werden bei Bedarf zur Verfügung gestellt.

Die Kohle der letzten Jahre

Symbolisch für die ganze Kohle, welche die Bosshards in den letzten 20 Jahren für ihre Grilladen brauchten, haben sie sich etwas einfallen lassen, das heute fast niemand mehr kennt, geschweige denn macht: Mit Hilfe einer Köhlerin aus dem Napfgebiet bauten sie einen Kohlenmeiler auf, welcher die ganze Fest-Woche durch im Innern vor sich hin glühen wird. 15 Ster Holz vom letzten Jahr wurden dafür sorgsam nach uraltem Handwerk um das «Füllihus» gestapelt, mit Tannenreisig zugepackt und letztlich mit Löschi, einem Gemisch aus Kohlenstaub und Kohlenstückchen, dicht verputzt. Die Köhlerin wird während der Woche Tag und Nacht alle zwei Stunden auf diesen «Grind» steigen und in die ausgesparte Öffnung Brennmaterial ins «Füllihus» schütten, von wo aus sich die Glut durch das Holz verteilt. Am Ende ergeben die 15 Ster Holz 1000 bis 1200 Kilo Holzkohle, welche bei Bosshards nach dem Fest sackweise bezogen werden kann. «Am Samstag beginnen wir das Fest mit einem Fackelzug für die Kinder von der Kirche her, welche dem Kohlenmeiler das Feuer bringen», sagt Tina Bosshard. Sie freue sich auch auf die Jäger, die währenddessen vom Hang her in ihre Hörner blasen werden. Und wenn dann am Samstag darauf der Ochs am Spiess zu Ueli Bodenmanns Wunschkonzert schnabuliert wird, ist die Kohle im Meiler auch in ihrer Endphase.

«Mein Mann sagt jedes Jahr, bevor das Fest überhaupt begonnen hat: ‹Das isch jetzt s’letscht Mal gsi!›, aber gegen das Festende, wenn der Metzger nachhause will, macht er mit ihm bereits den Termin für das nächste Jahr», sagt Tina Bosshard. Ob dieses nun das letzte Rietlifest sein wird oder nicht, weiss sie nicht. «Vielleicht, vielleicht gibt’s noch ein 21. Vielleicht feiern wir irgendwann 35 Jahre Rietlifest… Solange wir so viel Freude und Helfer dafür aufbringen können, machen wir es.» 

 

INFO RIETLIFEST
Programm und Anmeldung für Motorsägekurs: www.rietlihof.ch Anmeldung für Ochs am Spiess bis 4. Juli telefonisch: 052 386 26 45 / 077 431 43 23

Festwirtschaft und Grill mit Hereford-Würsten und Burger: Montag bis Freitag ab 9 Uhr

Ständiger Shuttle-Bus von der Kirche Sternenberg, Parkieren im Dorf