Schmidrüti ab Ende 2019 wieder Teil der Landesverteidigung

Der gelbe Punkt bezeichnet die Position des geplanten Radarturmes, die Gebäude unter den vier Kreuzen werden abgebrochen (Luftaufnahme: Google Maps)

Der Bau einer Radaranlage auf dem Gelände der ehemaligen Bloodhound-Stellungen oberhalb Turbenthals ist beschlossene Sache. Was genau damit auf die Bevölkerung zukommt, war Inhalt einer Informationsveranstaltung vom vergangenen Mittwoch.

Die Pläne für das Bauvorhaben sind seit längerem bekannt und konnten zudem bis Ende Februar auf der Gemeindeverwaltung eingesehen werden. Offiziell sind keine Einsprachen gegen das Projekt der Schweizer Armee eingegangen. Dennoch weckt der Gedanke, mit einem militärischen Radargerät in unmittelbarer Nähe leben zu müssen, einiges Unbehagen in der Bevölkerung Schmidrütis. Auf Ersuchen zweier Anwohner organisierte Tassilo Spelters, Leiter der Abteilung Hochbau auf der Gemeinde, einen Informationsanlass, zu dem sämtliche interessierten Personen geladen wurden. Ort des Treffens war sinnvollerweise der Saal des nur rund 160 Meter vom geplanten Standort der Anlage entfernten Restaurants Freihof.

Das Publikumsaufkommen war ansprechend: Gegen 50 Personen folgten der Einladung zusammen mit Gemeindepräsident Georg Brunner und seinem Amtskollegen, Hochbau- und Liegenschaftenvorstand Markus Küng. Bauherrin bei diesem Projekt ist die Armasuisse Immobilien, die Teil des VBS und als Besitzerin sämtlicher militärischer Bauten eine der grössten Landbesitzerinnen in der Schweiz ist. Die Aufgabe der Präsentation übernahm Projektleiter Mario Mullis, ein unaufgeregter Pragmatiker, der sich in keiner Phase des Abends aus der Ruhe bringen liess, zu den bautechnischen Fragen kompetent, aber leider auf Fragen zu militärstrategischen Themen nicht eingehen konnte.

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Schmidrüti – der ideale Standort

Was schon bei der Positionierung der Bloodhound-Raketen ins Gewicht fiel, prägte auch die Standortwahl für die Ergänzung der aktuellen Luftraumüberwachung. Die topographische Lage in Schmidrüti erlaubt freie Sicht bis weit in den süddeutschen Raum und über einen grossen Teil der Ostschweiz. Mullis stellt klar: «Ohne Schmidrüti ist der Luftraum der Ostschweiz nicht sauber abgedeckt.» Die geplante Radaranlage nennt sich Area Surveillance Radar, kurz ASR, und ist Teil des neuen militärischen Anflugleitsystems MALS Plus. Eingesetzt wird das Gerät zur Überwachung des sogenannten unteren Luftraumes unter 3950 Meter.

Das dazu benötigte Bauwerk weist eine Höhe von 15 Metern auf und wird durch den sich ständig drehenden Radar um deren sechseinhalb erhöht. Der ausgewählte Standort ist auf einer Luftansicht gut erkennbar. Betrachtet man die einem Salamander ähnliche Anordnung der alten Stellungen, kommt der Turm auf dessen Kopf zu stehen. Unter anderem zur Kühlung werden neben dem eigentlichen Bauwerk einige kleinere Gebäude und Gerätschaften platziert. Die Auswertung der erzeugten Daten und Bilder erfolgt in Dübendorf. Was in diesem Zusammenhang auch gleich geklärt wurde, ist die Tatsache, dass keine hochstämmigen Bäume gefällt werden müssen. Einzig der Waldrand im näheren Umkreis des Radars wird stufenförmig angepasst. Zusätzlich werden von den fünf seitlich im Gelände angeordneten Gebäuden deren vier abgebaut.

Zu reden gaben die Emissionen

Luftraumüberwachung ist eine 24- Stunden-Angelegenheit. Die Anlage wird demzufolge auch zur Quelle ununterbrochener Emissionen verschiedener Art. Mario Mullis zeigte anhand verschiedener Grafiken, dass sowohl Strahlenwerte wie auch die Geräuschbelastung weit unterhalb der vorgegebenen Limiten zu stehen kommen werden. Wer zuhause einen W-Lan-Router stehen hat, ist nach Einschätzung der militärischen Fachleute bereits einer deutlich höheren Strahlung ausgesetzt, als er dies nach der Inbetriebnahme des Radars sein wird. Dennoch macht sich Ursula Gautschi, die zusammen mit ihrer Tochter Anouk Inderbitzin seit Anfang April neue Wirtin auf dem «Freihof» ist, genau zu diesem Punkt am meisten Sorgen. Sie ist Elektrosmog-sensibel und seit ihrem Umzug nach Schmidrüti sind ihre Kopfschmerzen Geschichte.

Weit mehr Bedenken werden in der abschliessenden Fragerunde gegen den zu erwartenden Geräuschpegel geäussert. Mullis nennt in seiner Präsentation zur Veranschaulichung den «Freihof» als nächstes Gebäude, was doch zu einigen Diskussionen Anlass gibt. Mehrere Anwohner sehen ihren Wohnort deutlich näher an der Anlage und mit der errechneten Lautstärke zwischen leisem Flüstern und dem Summen eines elektrischen Kühlschrankes geben sie sich nur halbherzig zufrieden. Auch wenn sich danach nichts mehr ändern lässt, die tatsächlichen Werte werden sich erst nach Inbetriebnahme des ASR zeigen. Unbeantwortet bleibt die Frage von Anouk Inderbitzin: «Was tun wir, wenn sich die Berechnungen als falsch erweisen und wir einer weit höheren Belastung ausgesetzt sein werden?»

Verschiedene Fragen, deren Klärung die Anwesenheit einer Auskunftsperson mit militärischem Hintergrund erfordert hätten, wurden von Gemeindepräsident Georg Brunner notiert, zum Beispiel folgende: Muss mit mehr Flugbewegungen im Raum gerechnet werden? Wird die Anlage unter Bewachung stehen? Wird es Mehrverkehr durch das Dorf geben? Und können die Daten auch von der zivilen Luftfahrt genutzt werden? Unabhängig von der Beantwortung dieser Fragen steht fest, die Radaranlage wird gebaut. Mario Mullis rechnet mit dem Abschluss der Bauarbeiten – sofern die Baubewilligung und die Finanzierung vorliegen – und somit der Inbetriebnahme der Geräte bis Ende 2019.

Ja, aber …

Die Anwohner scheinen sich, wenn auch zähneknirschend, mit der Situation abgefunden zu haben und die Diskussionen verliefen weitgehend sachlich. Wie sich in persönlichen Gesprächen zeigte, ist es nicht nur explizit die Radaranlage, die der Abneigung gegen das Bauvorhaben zugrunde liegt. So erzählte zum Beispiel Jenny Muff, wie ihr Vater seinerzeit vom Bund für den Bau der Stellungen enteignet wurde. Selbst der Gang bis vor das Bundesgericht war nutzlos. Danach die Geschichte mit 120 unerwünschten Asylbewerbern, die während rund eines Jahres in Horden durch das Dorf streiften und die Bewohner verunsicherten. Muff und ihr Mann Bruno sind einfach nur noch resigniert: «Es erwischt uns immer.»

Markus Spörri äusserte sein Unverständnis darüber, dass der Ort einerseits mit einer solchen Hightech-Anlage ausgerüstet wird, während er und andere Bewohner nicht einmal über Handyempfang verfügen. Er ist sich im Klaren, dass Handymasten nicht Sache der Armee sind, ist jedoch überzeugt, mit der vorhandenen Infrastruktur hätte dieses Problem mit wenig Aufwand gelöst werden können. Viele der offenen Fragen werden in zwei bis drei Jahren gelöst sein. Bis sich das Thema Radar in Schmidrüti aus den Schlagzeilen verabschiedet, dürfte es noch etwas länger dauern.