Reisen Sie auch schon digital?

Heute von Werner Knecht
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Werner
Knecht

Die Sommerferien sind für die meisten von uns nur noch im Rückspiegel sichtbar. Und wie haben Sie die hoffentlich schönsten Wochen des Jahres gebucht? Via Internet oder in einem Reisebüro? Immer mehr Zeitgenossen setzen auf die digitale Karte, wenn es gilt, die Reise zu planen und abzuwickeln. Laut aktueller Umfrage einer Reisesuchmaschine sind nämlich nicht weniger als 60 Prozent schon einmal mit einer mobilen Bordkarte ins Flugzeug gestiegen. Im EU-Vergleich überflügelt damit unser Land alle andern und ist mobiler Vorreiter. Ebenfalls in vorderster Position mit dabei sind die Schweizer bei digitalen Hotelreservierungen; 57 Prozent haben auch damit ihre Erfahrungen gesammelt. Dies jedenfalls geht aus der erwähnten Befragung von über 2300 Personen in der Schweiz, Deutschland, Grossbritannien, Italien, Frankreich, Spanien und Russland hervor.

Die mobilen Reisegewohnheiten beschäftigen nicht nur die Konsumenten und die beteiligten Dienstleister, sondern beflügeln insbesondere die Technologie-Unternehmen, die die Online-Reisesuche rasant vorantreiben, vereinfachen und popularisieren. Dank entsprechenden Websites und kostenlosen Apps lassen sich nunmehr Hunderte von Reiseseiten in einem Schritt durchsuchen und die Angebote miteinander vergleichen. Flüge, Hotels, Mietwagen und Pauschalreisen: alle Bereiche werden durchleuchtet und kritisch begutachtet.

Immer neue und bedienerfreundlichere Online-Angebote beflügeln natürlich die Nachfrage, und die Nutzer verlieren ihre anfängliche Scheu und Skepsis. Aber es gibt doch (noch) Hürden. Denn wer beispielsweise eine ausgedruckte Bordkarte in Händen hält, fühlt sich einfach sicherer; darin ist sich mehr als der Hälfte der Deutschen einig, während bei den Schweizern «nur» jeder Sechste so urteilt. Doch was wäre, wenn plötzlich die Fluggesellschaften gedruckte Bordkarten mit einer Gebühr belegen und so den Wechsel zur mobilen Form quasi erzwingen würden? Dreiviertel der Schweizer würden unter dieser Voraussetzung wechseln; demgegenüber wären über 80 Prozent der Italiener nicht zur Bezahlung der Printversion bereit. Wer mobilen Bordkarten vertraut, ist offen auch gegenüber digitalen Hotelbestätigungen. Auch da nehmen die Schweizer im Ländervergleich eine Spitzenposition ein, denn 57 Prozent geben an, diese Form zu nutzen. Allerdings bevorzugt der gleiche Prozentsatz die gedruckte Bestätigung; gar drei Viertel kämen auch dann zurecht, wenn nur noch digitale Dokumente vorlägen. Diesbezüglich hegen Skeptiker – wenig überraschend – die gleichen Vorbehalte wie bei den Flugpassagieren. Aber der Trend hin zu mobil organisierten Reisen dürfte sich weiter akzentuieren, zumal das Ausdrucken von Reservierungen, Flugtickets und Bordkarten aufwändig, teuer und ressourcenbelastend ist.

Zahlreiche Fachleute hegen indessen Vorbehalte gegenüber dem holzschnittartigen Design vieler Statistiken, die arg vergröbern. Gerade bei der Planung der schönsten Wochen des Jahres aber schätzen die Konsumenten mit vollem Recht massgeschneiderte Angebote. Zwar lassen sich Suchmaschinen zu jeder Tages- und Nachtzeit nutzen; aber sie sind – zumindest bislang – nicht in der Lage, genügend auf die individuellen Wünsche und Bedürfnisse einzutreten. Wenn man beispielsweise ein bestimmtes Datum eingibt, erfährt man von der Suchmaschine nicht, dass der Rückflug am Folgetag weit weniger kosten würde als etwa eine zusätzliche Hotelübernachtung.

Gerade bei komplexeren Ferienwünschen wird in jüngster Zeit wieder vermehrt ein Reisespezialist zugezogen. Diese Kehrtwende dürfte mit einer gewissen Ernüchterung über die oft geringe Kundenfreundlichkeit und Aussagekraft der Online-Angebote zusammenhängen. Entlang der Wasserscheide zwischen «einfachen» und «komplizierten» Ferien dürfte zukünftig auch die Aufgabenteilung verlaufen – und damit der Konkurrenzkampf zwischen traditionellen Reisebüros und Online-Anbietern. Gemäss Branchenerfahrungen werden Einzelleistungen wie Flug oder Hotel vielfach direkt online gebucht; sobald jedoch die Reisen komplexer, anspruchsvoller und preislich hochwertiger sind, wird auf das Reisebüro zurückgegriffen.

Das mag ein Hoffnungsschimmer sein für die von sinkenden Margen bedrängte Branche. Sie wird dann bestehen können, wenn sie mit bestens geschultem Personal den versprochenen Mehrwert auch tatsächlich erbringt – und wenn sie auf der digitalen Klaviatur genauso gut zu spielen vermag wie die Online-Konkurrenz. Und da wir in einer Freizeitgesellschaft leben und die Schweizer weltweite Mobilität immer mehr als selbstverständlich betrachten, dürfte die Reisebranche weiterhin Rückenwind verspüren. Happy landing!