Regional, saisonal und Currywurst nach Berliner Art

Nadine Kahn und Ingo Gläser anlässlich der Schlüsselübergabe in Bauma.

Kürzlich überreichte die Gemeinde ihr Gasthaus zur Tanne der neuen Pächterin. Nadine Kahn kennt man in Bauma bereits als Servicekraft. Sie wird zusammen mit ihrem Freund Ingo Gläser wirten. Eröffnung ist am 15. August.

Vor acht Jahren wollten die beiden Berliner Nadine Kahn und Ingo Gläser «mal etwas Anderes machen und raus aus der Grossstadt». Sie zogen in die Schweiz. Ihr erster Wohnort war Engi, ein 600-Einwohner-Bergdorf im Kanton Glarus, ohne Festnetz-, Fernseher- oder Natel-Empfang. Für Kahn und Gläser «ein an­genehmer Kulturschock». Vor einer Woche zogen sie nun in die Pächterwohnung im Gasthaus zur Tanne, wo ihr neustes Projekt, die Neueröffnung des Restaurants, zurzeit seinen Lauf nimmt.

Seit zweieinhalb Jahren bereits lebten die beiden Gastro­nomen arbeitsbedingt in Rikon. Kahn arbeitete als Servicekraft in Bauma in den Restaurants Bahnhof und Frohsinn. Gläser arbeitete als Küchenchef, Ausbildner und Kontaktperson für Arbeitssicherheit im Restaurant Traube in Ottikon, ein Bio-Knospe-zertifiziertes Restaurant mit sozialem Hintergrund; in Zusammenarbeit mit dem Verein Sorebo bietet die «Traube» Jugendlichen und Erwachsenen mit speziellen Bedürfnissen Ausbildungs- und Arbeitsplätze an.

Am 31. Juli durfte die «Tanne»-Kommission nun endlich zelebrieren und der neuen Pächterin und ihrem Co-Wirt feierlich die Schlüssel für das Gasthaus zur Tanne übergeben. Mit dabei waren Gemeindepräsident Andreas Sudler, die Gemeinderäte Paul von Euw und Jürg Bosshard als Mitglieder der Kommission sowie Gemeindeschreiber Roberto Fröhlich und Bruno Tanner, Bereichsleiter Liegenschaften der Gemeinde.

Erfahrung und Strategie

Ihre Arbeitserfahrung war mit ein Grund, weshalb die «Tanne»-Kommission im Juni das junge Paar als künftige Wirte für das Gasthaus auserkoren hat («Der Tößthaler» berichtete). Obwohl es für Kahn und Gläser das erste eigene Projekt sein wird, sind Wirte wie Behördenmitglieder zuversichtlich. Die «Tanne»-Kommission wollte jemanden, der sich voll und ganz um die «Tanne» kümmern kann, was auch das Ziel des Paars ist. Auf die Frage, weshalb das Restaurant, das in der Vergangenheit immer wieder Schwierigkeiten und einige Pächterwechsel hatte, ausgerechnet mit ihnen beiden besser laufen sollte, reagieren Kahn und Gläser gelassen. Sie haben ihre Strategie klar ausgearbeitet.

«Es ist uns wichtig, dass der Betrieb wieder ins Rollen kommt, die ‹Tanne› soll zum Wiedererkennungswert für die Gemeinde werden», sagt Kahn. Und Gläser ergänzt: «Wenn die Leute an ihr Lieblingsgericht denken, sollen sie sich an die ‹Tanne› erinnern.» Die Gäste sollen sich bei ihnen wohl fühlen und immer wissen, was sie in der «Tanne» erwartet, auf was sie zählen dürfen. Und sie seien jung, motiviert und engagiert. Was Kahn auch zugutekommen wird, ist, dass man sie im Dorf bereits kennt. Die Speisekarte setzt sich aus Schweizer und Deutscher Küche zusammen, da darf auch die ­Currywurst nach Berliner Art nicht fehlen. Es ist noch weiteres geplant, das ins Exotische gehen dürfte – die beiden Wahlschweizer halten Details noch bis zur Eröffnung geheim. Es soll eine Überraschung werden.

Mittagstisch für Senioren geplant

Erfreulich ist, dass sie ausschliesslich regionale und saisonale Produkte verwenden werden, die von Lieferanten und Bauern aus dem Dorf und der näheren Umgebung bezogen werden. Nebst dem regulären Lunch plant Kahn einen Mittagstisch für Senioren. Gerne möchte sie auch einen monatlichen «Muttitreff» ins Leben rufen, einen Nachmittag speziell für Mütter mit ihren Kindern. Weiteres Programm steht bislang noch aus, der Saal oder die Bar im Untergeschoss kann aber für Anlässe gemietet werden. Unterstützt wird Kahn im Service von drei Angestellten, sowie zwei Springern. Für die Küche wurde nebst Küchenchef Gläser ein weiterer Koch Vollzeit angestellt, zwei Teilzeitangestellte stehen auf Abruf bereit. Ab 2019 planen die Wirte auch Lehrlinge auszubilden.

Zuversichtlich für die Zukunft

Auch die Behördenmitglieder antworteten mit vollem Ver­trauen auf die Frage, weshalb der «Tanne» ausgerechnet mit dem neuen Wirte-Paar neues Leben eingehaucht werden kann. «Da die Umsatzmiete gestrichen wurde, ist die Motivation zum Schaffen viel grösser. So verdienen sie mehr für sich», sagt Bosshard. Sudler fügt hinzu, dass die beiden auch tatkräftig mitgeholfen haben, die Kosten vor der Übergabe tief zu halten, indem sie viele Arbeiten selber ausführten. Die «Tanne» ergänze zudem das Angebot der anderen Restaurants im Ort. Sie sei erstens rollstuhlgängig und dazu habe sie als einzige in der weiteren Umgebung einen Saal, in den über 200 Personen reinpassen. «Deshalb halten wir auch in diesem Saal die Gemeindeversammlungen ab.» Den symbolischen Schlüssel überreicht Sudler mit ein paar lieben Worten an die jungen Wirte, mit guten Wünschen für viel Glück. Er schenkt ihnen einen Abzug eines Fotos der «Tanne» in den 1930er Jahren. «Damals lief sie sehr gut, auf dass sie wieder so gut zu laufen kommt», sagt Sudler. Die «Tanne» sei nicht nur für vornehme Leute, sondern auch fürs Dorf. Er wünsche sich während seiner Amtsperiode keinen weiteren Wirtewechsel mehr, drum: «Hebet öisere ‹Tanne› Sorg.»