«Probleme vor Ort besprechen, statt am Bürotisch entscheiden»

Hansruedi Feller kennt fast jeden Flecken der Gemeinde Zell und weiss darüber etwas zu erzählen (Foto: ww)

Sechs Amtsperioden, von 1970 bis 1994, wirkte Hansruedi Feller im Gemeinderat Zell, zwölf Jahre davon als Präsident. Die nachhaltige Wasserversorgung und viele andere Projekte tragen seine Handschrift. Dass es ihm aber nicht gelungen ist, eine Gemeindebibliothek zu schaffen, schmerzt ihn immer noch.

Da Hansruedi Feller keinen konkreten Berufswunsch hatte, motivierte ihn sein damaliger Lehrer Ernst Brugger, der spätere Bundesrat, das Lehrerseminar zu besuchen. Als er nach dem Studium 1958 an der Primarschule Kollbrunn seine erste Stelle antrat (die er bis zur Pensionierung innehatte), hätte er nie geglaubt, hier sesshaft zu werden. Und schon gar nicht, dass er dereinst die Geschicke der Gemeinde Zell während eines Vierteljahrhunderts massgebend mitgestalten würde.

Von seinem Haus am Bolsternbuck bietet sich ein schöner Blick auf einen Teil der Gemeinde Zell. Wäre es da nicht verlockend gewesen, sich als Präsident wie ein König zu fühlen und auf das Volk herunter zu schauen? Niemand kommt auf die Idee, diese Frage an Hansruedi Feller zu stellen. Zwar weiss er viel zu erzählen und es gibt kaum einen Flecken Erde in Zell, wo er nicht an
irgendeiner Handlung seine Finger im Spiel hatte. Aber ein machtbewusster Volkstribun war er nicht. «Ich fühlte mich nie als Gemeindevater, der sich gerne von der Gunst des Volkes tragen lässt», sagt er lachend.

Lösungsorientiert arbeiten als politisches Rezept

Seine Stärke sei wohl eher in der Mittlerrolle gelegen, in der Suche nach dem Konsens. «Diesen findet man nur, wenn man auf die Leute zugeht und eine von gegenseitigem Respekt getragene gesunde Distanz wahrt». Wo auch immer Probleme aufgetaucht seien, stets habe er das direkte Gespräch gesucht und die Sache möglichst vor Ort diskutiert. Mit diesem lösungsorientierten Rezept sei er gut gefahren. Das sei wohl der Grund, weshalb er von fast allen Seiten Wertschätzung verspürt habe. Hier fügt er auch eine leise Kritik an der heutigen Kommunalpolitik an. Probleme würden zu oft am Büro- oder Sitzungstisch entschieden, statt direkt vor Ort besprochen.

Einer Partei ist Hansruedi Feller nie beigetreten. 1970 wurde er vom Bürgerlichen Gemeindeverein als Gemeinderat vorgeschlagen und gewählt. «So bürgerlich, wie man diesen Begriff heute interpretiert, bin ich aber nicht», schmunzelt er. Anderseits würde er sich aber auch bei den Sozialdemokraten nicht zuhause fühlen.

Kultur als Kür

Viele kommunalen Einrichtungen und Festlegungen zwischen 1970 und 1994 tragen die Handschrift von Hansruedi Feller. «Mein Herz lag aber eindeutig bei der Wasserversorgung». Das glaubt man ihm sofort, sobald er begeistert vom nachhaltigen Ausbau erzählt, von der Hornwiden-Fassung, dem Vertrag mit der Stadt Winterthur, den Details der Steuerung und dem Einbezug der Bergzone ins Netz.

Eine zweite Herzenssache war die Kultur, wo er vor allem zusammen mit Gemeinderätin Hedy Jacomet die Gemeinde Zell auf ein bemerkenswertes Niveau brachte. Die Künstlerateliers in Rikon, der Kinderzirkus Pipistrello, die Schmitte in Zell oder das Engagement mit dem Theater für den Kanton Zürich, dessen langjähriger Direktor Reinhart Spörri in Zell wohnt, nennt Feller als kommunale Highlights. Besonders viel Herzblut floss in das grosse Projekt der Zeller Chronik, die für die ganze Talschaft ein bedeutendes geschichtliches Nachschlagewerk geworden ist.

Bekanntheit weit über die Grenzen hinaus erreichte Zell mit einem reichhaltigen Kulturprogramm im Jubiläumsjahr 1991, als die 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft mit dem 1250-jährigen Bestehen des Ortes Cella (Zell) zusammenfiel. «Dieses Programm stand unter dem Motto Begegnung und gab dem Gemeindeleben wertvolle Impulse, die bis heute spürbar sind», sagt Hansruedi Feller. Alle diese Kulturprojekte bildeten für ihn die Kür in seiner politischen Arbeit.

Funktionierendes Team – bis heute

«Alles was ich da erzähle, ist nicht mein Verdienst, sondern das des ganzen Gemeinderates» betont Hansruedi Feller. «Alle gaben ihr Bestes, wir waren immer ein engagiertes Team, das sich nie auseinander dividieren liess». Deshalb sei es auch gelungen, sehr anspruchsvolle Projekte wie das Altersheim Spiegel oder die mit Interessengegensätzen gespickte Ortsplanung reibungslos durchzuziehen. Zum Ausdruck kommt dieser Teamgeist bis heute: Regelmässig treffen sich die ehemaligen Mitglieder des Gemeinderates mit Partnerin oder Partner zum Erfahrungsaustausch und unternehmen jährlich eine zweitägige Reise.

«Natürlich hat nicht immer alles funktioniert, und es gab auch Niederlagen», räumt Feller ein. Zum Beispiel das Scheitern der ersten Werkhofvorlage oder die Ablehnung der Gemeinschaftsantenne. Aber als Politiker müsse man demokratische Entscheide akzeptieren und langfristig denken. Wie der Werkhof zeige, könnten Niederlagen auch eine Chance sein, sei doch mit der zweiten Vorlage eine Verbesserung erreicht worden. Jahrelang hat sich Hansruedi Feller für die Realisierung einer Gemeindebibliothek eingesetzt. Es gab viele Ideen und konkrete Projekte. Aber leider habe sich keiner der Pläne umsetzen lassen. Das ist das, was ihn noch heute schmerzt.

Interessierter Gemeindebürger geblieben

Seit dem Rücktritt als Gemeindepräsident sind 23 Jahre vergangen. Noch immer verfolgt der 80-Jährige das Geschehen in der Gemeinde mit grossem Interesse, ohne dieses aber öffentlich zu kommentieren. An eine Gemeindeversammlung ist er nach seinem Rücktritt nur noch ein einziges Mal gegangen, und da sei ihm fast der Kragen geplatzt. Da habe sich sein Nachfolger, der in einer strittigen Frage während der Diskussion unter Druck geraten war, die Aufforderung erlaubt «was wohl der Hansruedi dazu meine». Ihn vor der ganzen Versammlung zu instrumentalisieren, das habe ihn geärgert.

Mit Wanderungen, Enkelbetreuungstagen, Theaterbesuchen, Reisen sowie viel Lesen hat sich nach dem Ausscheiden aus den Ämtern der Alltag rasch wieder gefüllt. Natürlich seien seine Frau und die zwei Töchter während seiner Gemeinderatszeit zeitweise zu kurz gekommen. Deshalb schätze er es, im dritten Lebensabschnitt gewisse Sachen nachholen zu können. Als neues Hobby hat er sich das Singen im Kirchenchor zugelegt, und eine gelungene Abwechslung bietet ihm die Funktion als Kreisleiter Zell der Zürcher Wanderwege. Ein anderes Hobby, das er jahrzehntelang intensiv betrieb, war das Schiessen. Viele Auszeichnungen dokumentieren seine Treffsicherheit auf die 300-Meter-Distanz.

Für eine zukunftsgerichtete Schule

Als ehemaliger Primarlehrer interessieren ihn Schulfragen immer noch brennend, und er findet es schade, dass in diesem Beruf nur noch wenige Männer anzutreffen sind. Wenn ein Lehrer wie er, im eigenen Dorf wohne, ermögliche das viele positive Kontakte und biete Einblick in die Lebensverhältnisse der Schüler. Dass dieser Aspekt heute von vielen Lehrpersonen anders gesehen wird, versteht er aber auch.

Dass sich im Kanton Zürich die Bevölkerung kürzlich zugunsten von zwei Fremdsprachen entschieden hat, freut ihn: «Das ist absolut machbar für die Kinder». Überzeugt hat ihn auch der Lehrplan 21, den er als zukunftsgerichtet beurteilt. «Natürlich gibt es heute Dinge, wo ich Fragezeichen mache – aber was soll’s – wahrscheinlich liegt’s an mir, denn ich bin ja schon ziemlich alt.»

Werner Wäckerli
Werner Wäckerli wohnt in Wila und war von 1974 bis 1979 und von 1981 bis 1984 Redaktor beim «Tößthaler».

EINST IM RAMPENLICHT
Einst populäre Persönlichkeiten, die im Tösstal eine Rolle spielten, sind von der öffentlichen Bildfläche verschwunden. Was machen diese Leute heute, wie denken sie über ihr damaliges Wirken und die heutige Welt? Der «Tößthaler» hat einige Frauen und Männer herausgegriffen und mit ihnen Gespräche geführt. Die Serie beginnt mit Hansruedi Feller von Zell.