Pfingsten ist die Zeit, um sich aufzuwärmen und offen zu sein 

Mit den Pfingsttagen werden die Pfingstferien in unseren Gemeinden beendet sein, dann müssen die Kinder wieder in die Schule gehen. Vielleicht für einige Familien eine Erleichterung und für andere ein neuer Anfang. Symbolisch ist dieser Zufall mit der Bedeutung unseres Pfingstfestes verbunden.

Während meines Indienaufenthaltes in diesem Jahr gab es auf der mehrstündigen Fahrt nach unserer Mission in Nordostindien einen Zwischenhalt. Ermüdet von der langen Reise und wegen des kalten Wetters, suchte ich mit meinen zwei Mitbrüdern einen Tee-Shop auf. Wir bestellten einen Krug Tee, um uns aufzuwärmen und zu beleben. Nach ungefähr einer halben Stunde glaubte der aufmerksame Kellner, dass unser Tee sicher kalt geworden sei und fragte uns, ob er ihn aufwärmen dürfe. Nachdem er dann wieder heissen Tee in unsere Tassen gegossen hatte, wurde dieses Getränk für uns wunderbar erwärmend und stärkend.

Ich denke, dass Menschen manchmal wie eine Tasse voll kaltem Tee sind. Wir fühlen uns innerlich abgestumpft und leer und brauchen dann eine innere Heizung. Pfingsten ist das Fest, um uns innerlich wieder zu erwärmen, Altes zu erneuern und uns Halt zu geben. Die Kraft und Gnade, die wir bei unserer Taufe empfangen haben, lebt wieder neu in uns auf. Es ist das Fest, das uns zu lebendigen Menschen macht.

Für viele Menschen ist heute Pfingsten einfach nur ein Feiertag, an dem sie nicht arbeiten müssen. Kalter Tee? Aber da kommt zu uns der Kellner, der Heilige Geist mit seinen Gaben, um uns aufzuwärmen. Pfingsten gibt uns diese Chance. Vielleicht sollen wir von Gewohntem wegkommen. Sind wir bereit, trotz aller Widerwärtigkeiten und negativer Erfahrungen mit Menschen und Situationen in unserer Gesellschaft und der Welt, dem Geist Gottes Neues zuzutrauen? Glauben wir, dass er uns von Neuem erfüllt, mit seiner Liebe, dass er in unseren Herzen das bewirkt, was er am Anfang der Kirche bewirkt hat, nämlich Hoffnung und Zuversicht, Mut und Entschiedenheit?

Schauen wir auf die Apostel. Mitten in ihrer Angst, erschreckt durch den gewaltsamen Tod ihres Meisters, abgeschottet hinter verschlossenen Türen, kommt eine Gruppe von Menschen in Bewegung, die erstarrt und gelähmt war, ohne Zukunftsaussichten. Aber seit Pfingsten wollen sie nun hinausgehen in alle Welt. Ausgestattet mit einer Vollmacht, scheuen sie weder Leiden noch Nöte, Verfolgung und Tod. Sie gehen hinaus und werden zu Verkündern einer neuen Botschaft. Sie brechen auf, mit neuer Kraft.

Papst Franziskus ist für mich so ein Prophet. Sein Anliegen: Dass wir uns als Menschen begreifen, die einen Heiligen Geist und Feuer besitzen. Geist und Feuer – das sollte unser «Markenzeichen» sein. Bei Papst Franziskus ist etwas von der sanften Radikalität Jesu zu spüren, der von sich sagt: «Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!» (Lk 12,49). Darum wünscht der Papst «Mehr Feuer um die Herzen zu entzünden». Wagemutig und kreativ sollen wir uns als Gemeinde auf den Weg machen, aus der Routine und unseren Verstecken ausbrechen.

Das Pfingstereignis öffnet Wege zum anderen. Die Apostel Jesu machten den Weg frei zu neuen Kulturen, Sprachen, Gewohnheiten. Offenheit bringt neue Freunde. Wenn ich aus der Sicht vieler Katholiken denke, war das zweite Vatikanische Konzil ein Pfingstereignis. Wir erleben in vielen Gemeinden gelebte Ökumene, die Kirchen bleiben offen für andere Christen, ökumenische Familien wirken in kirchlichen Anlässen mit. Es ist schön zu sehen und zu lesen, wenn die Reformierte Kirche ihr 500-jähriges Jubiläum feiert, dass die katholischen Medien auch auf unterschiedliche Weise bei dieser Feier mitwirken. Es ist schön zu hören, dass an einigen Orten die 600-Jahre-Geburtstagsfeier des Schweizer Heiligen Bruders Klaus ökumenisch gefeiert wird. Pfingstmomente sind schön.

Wenn wir heute fragen, wo wir in unserer Zeit Gottes Geist begegnen könnten und in welchem Gewand, dann wäre die Antwort wohl: in offenen Menschen. «Es gibt eine schöne Offenheit, die sich öffnet wie eine Blume: Nur um zu duften» (Friederich Schlegel). Gott braucht Menschen, die willens sind, seinen Geist in sich wirken zu lassen. Überall dort, wo Menschen die Liebe wagen und einander in Liebe begegnen. Überall, wo Menschen ihre Vorurteile ablegen und aufeinander zugehen. Überall, wo wir uns um Frieden und Versöhnung der Menschen und Völker bemühen. Überall dort, wirkt Gottes Geist, es entfaltet sich eine echte Gemeinschaft. Das ist die Herausforderung heute.

Ich wünsche uns an diesem Pfingstfest die Lebendigkeit und Offenheit, die uns tragen, Halt und Ausdauer, und immer wieder die Glut aus der Asche (Abt Werlen) zu entdecken, die Glut des Heiligen Geistes in uns neu entfachen zu lassen, dass unser Leben warm bleibt, unsere Gesellschaft weitertreibt, unsere Welt friedlich wird.