Palliative Care: Lebensqualität bis zuletzt

MPCT bietet Betreuung zu Hause bis zuletzt (Foto: pixabay)

Die Alterskommission Schlatt hat am Donnerstagnachmittag, 16. November, zu einem Vortrag zum Thema «Was ist und kann Palliative Care?» eingeladen. Christoph Schürch, der Leiter des Palliative Care Teams Region Winterthur, sprach über die Alternative zur Pflege im Spital.

Lotti Reifer, die diesen Anlass unter Federführung der Pro Senectute organisiert hat, war gespannt, wie viele Senioren sich für dieses schwierige Thema interessieren würden. In der Alterskommission (AKO) werden anfangs Jahr jeweils die Themen für die monatlich stattfindenden Anlässe festgelegt. Man versucht dabei, auch jüngere Vertreter der AHV-Generation ansprechen. Das ist nicht so einfach, da frisch gebackene Senioren oft Zeit brauchen, bis sie sich zum «alten Eisen» zählen. Doch die Befürchtungen waren unbegründet. Der wie immer festlich eingerichtete Gemeindesaal Schlatt war an diesem Seniorennachmittag mit ungefähr 25 Interessierten gefüllt – eine treue Teilnehmerschar, auf die die Organisatoren im Schnitt zählen können.

Unter dem Fremdwortbegriff Palliative Care sind keine oder sehr verschiedene Vorstellungen verbreitet. Der diplomierte Pflegefachmann Christoph Schürch war darum der richtige Mann, um Klarheit zu schaffen. Er ist schon über 30 Jahre in der Pflege tätig, auch als Ausbildner und Dozent. Das Publikum verfolgte seine rund eineinhalbstündigen Ausführungen voller Interesse. Nicht zuletzt, weil er nicht einfach in der Theorie stecken blieb, sondern engagiert, verständlich und praxisbezogen das Thema erläuterte.

Der Begriff Palliative Care steht für das international anerkannte Gesamtkonzept zur Beratung, Begleitung und Versorgung von Menschen jeden Alters, die unheilbar erkrankt und dem Tode nahe sind. Dabei geht es aber auch um die Unterstützung der Angehörigen in dieser Situation. Weitaus am häufigsten betrifft es krebskranke Menschen, also nicht nur ältere Patienten, die sich schon im letzten Stadium einer tödlichen Erkrankung befinden, sondern auch  Jüngere. Man kann zwar nicht mehr heilen, aber noch vieles zur Lebensqualität und zum Wohlbefinden beitragen. Wann diese Begleitung beginnt, entscheiden die Betroffenen zusammen mit ihren ärztlichen und pflegerischen Bezugspersonen. Dabei ist es sinnvoll, wenn die Palliative Care möglichst frühzeitig einbezogen wird, wenn möglich schon mit der Diagnosestellung einer tödlich verlaufenden Erkrankung. So kann ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, dass dann in der sogenannten End-of-life-care wertvoll ist, wenn der Patient schwächer und unselbständiger wird.

Im Zentrum der Palliative Care steht das Wohlbefinden des Patienten. Das Wort palliative stammt vom lateinischen palliare, was «mit einem Mantel bedecken» bedeutet. Man will dem Patienten einen «Schutzmantel» geben, damit er seine Situation besser ertragen kann. Dazu gehört das Lindern von Symptomen und Beschwerden. Als Steuerungsinstrument übernimmt sie die Kommunikation und Kooperation mit allen beteiligten Bezugspersonen wie Hausarzt, Spezialisten, Spital, Spitex und Angehörigen. An Rundtischgesprächen werden die Rollen und Aufgaben verteilt und von Zeit zu Zeit Standortbestimmungen gemacht. Wichtig ist die Unterstützung der Angehörigen in der unvollkommenen, schwierigen Situation, indem sie Anleitungen und Ratschläge erhalten oder beruhigt werden. Sie lernen, mit den Widerständen der Kranken umzugehen und sich mit dem Tabuthema Sterben und Tod auseinanderzusetzen. Sie werden auf einen würdevollen Abschied und eine nachhaltige Trauer vorbereitet.

Ganzheitlicher Ansatz

Palliative Care nimmt den Menschen in allen seinen Dimensionen wahr – der körperlichen, der psychischen, der sozialen und spirituellen. Sie ist vorausschauend, so sorgt sie zum Beispiel bei zunehmenden Schmerzen für die nötigen Schmerzmittel. Sie nimmt Bedürfnisse wahr und nimmt den Patienten ernst. Der Patient wird nicht gedrängt – es geht darum, zu motivieren. So wird dem Patienten auch der Wunsch nach einer Zigarette oder einem Glas Alkohol erfüllt, nach dem Motto «Wenn es dem Gemüt gut tut…».

Dreiviertel aller Schwerkranken möchten zu Hause sterben. Bis am Schluss zu Hause zu sein, ist in der Regel aber nur bei knapp 20 Prozent der Patienten möglich. Die Betreuung durch ein spezialisiertes Care Team steigert die Chance jedoch um bis zu 70 Prozent. So kann in der trauten Umgebung eher Normalität gelebt werden: Die Liebsten sind näher, man kann die letzte Zeit zusammen verbringen, sich zusammen auf den Tod vorbereiten. Die Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod kann so auch als Bereicherung empfunden werden.

Stolpersteine und Vorteile

Natürlich gibt es bei der Arbeit des Palliative Care Teams auch Hindernisse zu überwinden. Es wird schwierig, wenn der Patient keine Unterstützung will oder wenn er alleine lebt und kein soziales Umfeld hat. Ebenfalls können in Panik agierende Angehörige oder eine unkooperative Spitex die Arbeit erschweren.

Darum ist es vorteilhaft, dass die Spezialisten des Care Teams beigezogen werden, die Erfahrung in instabilen und komplexen palliativen Situationen haben. Sie sind während 24 Stunden erreichbar und innerhalb einer Stunde vor Ort. Sie können sich auf einen ärztlichen Hintergrunddienst (Ärztenetz aus drei Arztpersonen) stützen und haben Zugriff auf die gebräuchlichsten Medikamente. Auch die Kommunikation mit Patienten und Angehörigen hat einen sehr hohen Stellenwert und sie haben mehr Zeit für Gespräche als etwa die Spitex.

Als Regionalgruppe von «palliative zh + sh» setzt sich der Verein Palliative Care Winterthur-Andelfingen für die Förderung der Palliative Care in der Spitalregion Winterthur ein und betreibt das Mobile Palliative Care Team (MPCT). Das MPCT besteht aus sechs erfahrenen und qualifizierten Pflegepersonen mit Christoph Schürch als Leiter, die mit zusammengerechneten drei Vollzeitstellen gegen 200 Patienten betreuen. Als gemeinnütziger Verein möchte er neben Fachleuten und Organisationen auch Nichtfachleute und weitere Freiwillige für Palliative Care sensibilisieren und als Mitglieder des Vereins gewinnen. Es braucht dafür engagierte Leute, die flexible und unregelmässige Arbeitszeiten nicht scheuen. Die Zuweisung erfolgt über Spitex, Spital oder Hausarzt. Betroffene in schwierigen Situationen und in Notfällen können jederzeit auch direkt Kontakt aufnehmen. Das MCPT ist eine kantonal anerkannte Spitex-Organisation und die Kosten werden mit der Krankenkasse abgerechnet.

Am Schluss fasst Christoph Schürch seine Ausführungen mit dem treffenden Satz «Wir machen gutes Sterben möglich» zusammen und zeigt ein paar eindrücklichen Fallbeispielen, wie die Palliative Care konkret funktioniert. Nach dieser schweren Kost sind die Zuhörer froh, bei Kuchen und Kaffee das Gehörte zu verdauen, während Christoph Schürch noch auf einige Fragen aus dem Publikum eingeht.

 

Infos
Mobiles Palliative Care Team Region Winterthur Telefonischer Kontakt: 0844 800 600 Auskünfte und Anmeldungen: Mo – Fr, 8 – 17 Uhr (in Notfällen jederzeit) winterthur@pallnetz.ch, www.palliativecare-winterthur.ch