Noch eine Anleitung zum Glücklichsein…

Zum Thema Glück und was es dazu braucht, wurden bereits unzählige Bücher geschrieben, Filme gedreht, Lieder komponiert, Fachartikel verfasst und ein Ende ist nicht abzusehen. Jeder sucht nach dem Glück, doch es scheint immer schwieriger zu sein, es auch zu finden. Die Neurowissenschaft weist in Forschungsergebnissen nach, dass Botenstoffe wie Endorphine, Oxytocin sowie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin in unserem Hirn verantwortlich sein sollen, um ein Glücksgefühl zu vermitteln. Das Gehirn setzt diese Botenstoffe bei Aktivitäten wie Nahrungsaufnahme, beim Geschlechtsverkehr oder beim Sport frei. Aber ist Glück wirklich nur das Ergebnis von Chemie in unserem Hirn? Seinen Ursprung hat das Wort im althochdeutschen Wort «gelücke». Es beschrieb den positiven Ausgang eines Ereignisses oder eines Vorgangs – und zwar ohne dass die betroffene Person etwas dazu beitragen konnte. Entweder hatte man Glück – oder eben nicht. Erst später kam die Überzeugung auf, dass der Mensch auch durch eigenes Zutun dazu beitragen konnte, dass er glücklich wird: «Jeder ist seines Glückes Schmied.» 

Es gibt Kreuzfahrten ins Glück, Glücksratgeber und endlos viele Sprüche und Zitate. Das Glück sei dem Kühnen hold, am Glück sei alles gelegen, man müsse das Glück erobern und es mache aus Bettlern Könige und umgekehrt. Im Jahre 1983 schrieb der österreichische Psychologe Paul Watzlawick das Buch «Anleitung zum Unglücklichsein». Er wollte damals bewusst einen Kontrapunkt zur Flut der Ratgeberliteratur setzen. Es wurde zu einem Bestseller mit millionenfacher Auflage.

Dreissig Jahre später schreib Hans-Otto Thomashoff, ein Facharzt für Psychiatrie und Psychoanalytiker, ebenfalls aus Österreich, ein Buch mit dem Namen: «Ich suchte das Glück und fand die Zufriedenheit». Er unterscheidet bewusst zwischen Glück und Zufriedenheit. Glück sei das Streben nach dem emotionalen Feuerwerk und Thomashoff warnt davor, dass die Intensität der Wirkung stetig abnimmt. Interessanterweise sind die Gehirnzentren, die an Drogensucht beteiligt sind, dieselben, in denen das schnelle Glück entsteht. Andauernd Glücksgefühle zu produzieren sei ganz schön anstrengend und könne zu Stress und Unzufriedenheit führen, der ideale Nährboden für alle, die Produkte und Lösungen für Glück anbieten.

In meinen Tätigkeiten als Leiter eines Pflegeheims und als Politiker begegne ich vielen Menschen. Einzelne Begegnungen sind mir in besonderer Erinnerung geblieben: Begegnungen mit zufriedenen, glücklichen Menschen. Obwohl es völlig unterschiedliche Menschen waren, konnte ich an ihnen stets die gleichen Eigenschaften beobachten. Diese Menschen waren interessiert, konnten gut zuhören und sie strahlten eine Ruhe und Gelassenheit aus. Manchmal habe ich mich getraut, eine Person zu fragen, woher es kommt, dass sie so einen zufriedenen Eindruck auf mich macht und stets erhielt ich die gleiche Antwort: «Ich habe viel Grund, dankbar zu sein.»

Für mich ist Dankbarkeit einer der wesentlichen Schlüssel zu Glück und Zufriedenheit. Dankbarkeit setzt die Fähigkeit voraus, zu reflektieren und Zusammenhänge zu erkennen. Per Definition weckt Dankbarkeit positive Gefühle für materielle oder immaterielle Zuwendungen, die man erhalten hat oder erhalten wird. Das ist natürlich eine sehr technische Beschreibung von Dankbarkeit. Ich mag es lieber praktisch. Manchmal mache ich mir meine persönliche Liste mit acht Dingen, für die ich heute dankbar bin: 1. Der Moment, als ich am Ufer vom Sihlsee sass, über den See blickte und alle meine Gedanken einfach loslassen konnte; 2. Die fünf Tage, an denen ich mit meinem Motorrad durch Landschaften, Berge und entlang von Bachläufen kurvte; 3. Das Nachtessen, als ich mit meiner Familie am Tisch sass und von meinen Kindern hörte, wie es ihnen geht und wie sie ihren Weg durchs Leben meistern: 4. Der lebensgefährliche Unfall, den mein Sohn ohne Schaden überstanden hat; 5. Die Freude über das Wissen, dass Gott mich liebt und mir immer wieder aufs Neue seine Beziehung anbietet; 6. Das Privileg, dass ich mich als Politiker im Kantonsrat engagieren darf und bei der Beratung und Gestaltung von Gesetzesvorlagen mitwirken kann; 7. Das ermutigende Gespräch mit einem 93-jährigen Senior; 8. Die Freude, als der Zahnarzt mir bei der letzten Kontrolle mitteilte, dass meine Zähne in Ordnung sind.

Auch wenn sich die moderne Psychologie erst seit einigen Jahren mit dem Phänomen der Dankbarkeit auseinandersetzt, waren sich grosse Denker schon immer einig, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Dankbarkeit und Wohlbefinden gibt – und zwar nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern für auch für alle betroffenen aus seinem Umfeld. Einer meiner Lieblingsautoren, der römische Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph Marcus Tullius Cicero (43 v. Chr.) sagte einmal: «Dankbarkeit ist nicht nur die grösste aller Tugenden, sondern auch die Mutter aller anderen».