Nicht alles ist aus Käse

Die einzelnen Stände boten ein breites Angebot an Käse (Foto: ech)

Den 1. Mai in Saland zu verbringen war ein Muss für alle Feinschmecker und Geniesser. Aber es waren auch alle genau am richtigen Ort, für die bisher Käse einfach nur gleich Käse war. Bloss die Tourismus-Anbieter, die neu auch zum Label «natürli-zürioberland» gehören, waren leider schwach vertreten.

Wer am 1. Mai nach Saland reiste, merkte aber sehr bald, dass nicht einfach bloss alles aus Käse war am sechsten Zürcher Oberländer Käsemarkt. Und eintönig war es dort schon gar nicht. Wer sich dem Festgelände vom Bahnhof her näherte, dem fiel schon einmal etwas auf: Was da in der Luft hing, war kein Käsegeruch, sondern der Geruch nach Grillfleisch. Und wer als erstes beim Eingang einen grossen Käsestand oder einen riesigen Käse aus Holz oder Karton vermutete, wurde ebenfalls enttäuscht: Gleich am Anfang des Rundganges durfte man sich noch etwas mehr Platz im Magen verschaffen: «Bachtelsteine Werfen» stand hier in grossen Lettern auf einer Schiefertafel. Ganz einfach den Bachtelstein nehmen und gekonnt, wie ein Kugelstosser, werfen. Während andernorts am 1. Mai gelegentlich die Backsteine fliegen, flogen hier Bachtelsteine. Politische Botschaften gab es dazu keine, dafür einen wunderschönen Preis kulinarischer Art zu gewinnen. Gleich vis-a-vis war Schwinget angesagt. Wer nicht selber in die Schwingerhosen steigen mochte, aber dennoch die Nerven für einen Schwingkampf hatte, durfte den Junioren des Schwingklubs Zürcher Oberland zugucken.

Im Sand wurde kräftig zugepackt (Foto: ech)
Im Sand wurde kräftig zugepackt (Foto: ech)
Etwas weiter auf dem Festgelände war bald noch einmal für schweisstreibende oder eben appetitanregende Aktionen gesorgt: Beim ortsansässigen Holzbauunternehmen durfte Mann oder Frau sich im Holzhacken messen oder aber den Aussichtsturm erklimmen: Der war nur über einen von vier aufgerichteten Holzstämmen erreichbar, für Anfänger trotz der bereitgestellten Holzfäller-Ausrüstung gar nicht so einfach… Zum Glück standen mehrere Männer in traditioneller Zimmermannsbekleidung zur Hilfe bereit.

Wer sich erfolgreich durch die sportlichen Disziplinen bewegt hatte, konnte die grosse Halle, in der sich auch das Käselager von natürli befindet, betreten. Trotz Dauerregen war hier zeitweise fast kein Durchkommen mehr. Auffallend die vielen Besucher, die die Markthalle in schönen Trachten betraten. Sie gaben mit den Ständen, deren Verkäufer oft ebenfalls in Trachten gekleidet waren, ein Bild, das dem Anlass sozusagen das Tüpfelchen aufs i setzte. Wunderbar dazu passten auch die vier Alphornbläser. Die waren ebenfalls festlich-traditionell angezogen und sorgten mit ihrer Musik ebenso für Ambiente. Gerne blieb man vor ihnen einige Augenblicke stehen.

Vier Alphornbläser sorgten für urchige Klänge (Foto: ech)
Vier Alphornbläser sorgten für urchige Klänge (Foto: ech)

Tradition und zeitgemässe Technologie

Wer den Bläsern etwas länger zuguckte, dem sprang jedoch etwas ins Auge: Direkt neben den handwerklich gefertigten Musikinstrumenten stand ein moderner hoher Chromstahltank, der etwas ausschaute wie ein Wasserturm in einem südlichen Land. «Hmm, wie passt das zusammen?», mochte sich mancher Besucher denken. Wer sich ein wenig Zeit liess für den Besuch am Käsefestival, konnte sich diese Frage am Schluss leicht beantworten. Einerseits beherbergt die Käserei viel Nostalgie, Tradition und über Generationen überlieferte Rezepte. Andererseits gehört zum Käsen heute ganz viel Innovation und zeitgemässe Technologie. Das geht wunderbar zusammen, und es entstehen viele aussergewöhnliche Leckerbissen. Beispiele gefällig? Da war zum Beispiel das aussergewöhnliche Portwein-Raclette, für das man am besten im Festzelt Platz nahm. Oder die zahlreichen Käsekreationen mit scharfen Nuancen: Wer hatte sonst schon einmal die wunderbare Gelegenheit, gleich verschiedene feine Käsesorten mit Chili oder mit Pfeffer zu degustieren und zu vergleichen? Oder den gleich vor Ort gefertigten Trüffel-Weichkäse zu probieren?

Da störte die weisse Wand, die den Produktionsbereich vom Markttreiben trennt, nicht mehr – im Gegenteil: Hinten der Arbeitsplatz der Lebensmitteltechnologen und Käser, die unter strengen Hygienevorschriften mit weissen Mützen und Kleidern arbeiten. Vorne der urchige Markt, mit stilvoll beleuchteten Holzständen und Leuten in Trachten: Kein Gegensatz, sondern in dem Fall eine Symbiose.

Vielfältig auch die Art der Verkaufsstände: Neben den Ständen der natürli-Käserei waren ganz viele Stände weiterer Käsereien, deren Produkte ganz oder zum Teil unter dem natürli-Label verkauft werden. Darunter fand man viele traditionelle Käsesorten oder neue Kreationen. Wer es zwischendurch lieber einmal süss hatte, kam ebenfalls auf seine Rechnung: Da waren Molke-Pralinen zu haben, Bio-Säfte und Bio-Eistee aus regionaler Produktion oder aber ein erfrischender Schluck Mango-Molkedrink. Wo Innovation ist, darf der Nachwuchs nicht fehlen: Viele Käsereien der Region sind Familienbetriebe, und da unterstützten die Buben oder Mädchen gleich mit viel Begeisterung und Freude die Eltern am Stand. Passend zum Publikum des Marktes: Jedes Alter war vertreten, auch auffallend viele Kinder und Jugendliche waren dabei. So vielfältig und bunt das Markttreiben war, etwas hatten alle Stände gemeinsam: Es durfte überall von Herzen probiert werde. Bei einer Käserei sogar Raclette, das auf einem Kerzen-Raclette-Öfeli geschmolzen wurde.

Ob sich denn dieser Markt für die Verkäufer rentierte? Wurde auch gekauft, nicht nur gegessen? Der grosse Wettbewerb ging, mit einem Augenzwinkern natürlich, dieser Frage nach. Hier durften nämlich alle ihre Einkaufstaschen wägen lassen und die Wettbewerbsfrage beantworten: «Wie viel wiegt der durchschnittliche Einkauf aller Besucher?»

Im gehobenen Preissegment

Eine unter dem Strich sicher sehr gute und rentable Sache ist die Organisation natürli. Sie lädt nicht nur alljährlich zum Käsemarkt ein. Die Hauptaufgabe, die sie sich gesetzt hat, ist die Vermarktung regionaler Produkte. Hauptsächlich sind das Käsespezialitäten im gehobenen Preissegment. Dazu gehören Käse aus verschiedensten Käsereien der Umgebung oder Käse aus der Eigenproduktion. Dazu gehören auch zahlreiche Sorten, die in Saland ausgereift wurde. In der Regel verlassen die Käselaibe nämlich im Alter von etwa vier Wochen ihre Käserei und kommen dann zu einem Käsereifer. So einer ist auch der natürli-eigene Käsekeller gleich hier vor Ort, der in Führungen ebenfalls besichtigt werden konnte. Die Zahlen sprechen für den Erfolg des Labels: Innert weniger Jahren ist die Zahl der Arbeitsplätze, die mit natürli verbunden sind, von rund 90 auf über 200 gestiegen. Dazu gehören die Bauern, die Milchverarbeiter, sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die direkt bei natürli angestellt sind. Die Produkte sind weit herum bekannt und beliebt geworden.

Mitte 2013 hat sich natürli ausserdem mit Zürcher Oberland Tourismus und damit weiteren Zürcher Oberländer Institutionen zusammengeschlossen, um als Marke gemeinsam noch stärker aufzutreten. Natürli-Zürioberland heisst der neue Auftritt. Leider war davon am Käsemarkt nicht viel zu spüren. Aus dem Tourismus-Bereich war nur der Dampfbahnverein Zürcher Oberland vertreten. Der war eigens mit einer Historischen Lokomotive und einem stilechten Jasswagen angereist. Darin sollte ein Preisjassen stattfinden, das aber nicht so recht in die Gänge kommen wollte. Der Grund für die leeren Jasstische war nicht leicht zu finden… War es die noch etwas kühle Witterung im Wagen oder die Tatsache, dass die jüngere Generation je länger je weniger jassen kann? Der Schreibende beherrscht das Spiel beispielsweise auch nicht mehr…

«Kein Problem», meint die freundliche Dame von der Dampfbahn, «ich werde dieses Jahr pensioniert. Dann biete ich Ihnen einen Jasskurs an!» Wenn das nicht ein Angebot ist, für die Zeit bis zum nächsten Käsemarkt! Die Gemütlichkeit gehört eben doch auch zum Geniessen dazu