Neue Zukunft für ein Traditionsspielzeug

Ein historischer Stokys-Metallbaukasten (Fotos: pa)

Bauma entwickelt sich zu einem Mekka der Wiederbelebung alter Traditionen. Vor zehn Jahren kam die Produktion der Stokys-Metallbaukästen nach Bauma, die nun das 75-Jahr-Jubiläum feiern. Nun plant die Stokys Systeme AG, wie die Firma heute heisst, ihren Start ins Digital-Zeitalter.

Als vor zehn Jahren drei Winterthurer Unternehmer die Firma Stokys übernahmen, ging es weniger darum, die angeschlagene Firma und die Produktion von Metallbaukästen zu retten, als darum, arbeitslosen Jugendlichen eine Chance zum Einstieg ins Berufsleben zu geben. Ernst Schmid, einer der drei Unternehmer, führte in der Widen 7 in Bauma, einem ehemaligen Fabrikgebäude, eine Schlosserei. Im gleichen Gebäude konnte er weitere Räume hinzumieten und richtete eine Produktionsstätte der neu gegründeten Stokys Systeme AG ein.

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Jeweils vier Jugendliche produzierten hier unter fachlicher Anleitung die Einzelteile für die Metallbaukästen. So konnte Stokys langsam wieder ein vollständiges Sortiment an Teilen herstellen; alle diese Teile basierten auf dem alten Prinzip von Stokys und waren somit kompatibel mit früheren Teilen. Mit seiner Pensionierung gab Ernst Schmid dieses Geschäftsmodell auf; er wollte nicht mehr jeden Tag von Kollbrunn nach Bauma fahren, um seine Jugendlichen zu betreuen. Das war einfach zu anstrengend.

Entstanden aus einer Not

Dass Stokys überhaupt überlebt hatte oder wiederbelebt werden konnte, hat einen ganz besonderen Grund. Auf vielen Estrichen, Abstellräumen oder Kellern befanden sich noch immer Teile von Stokys-Metallbaukästen. Irgendwann wurden sie hervorgeholt, weil Grosseltern anfingen, mit ihren Enkeln zu basteln und zu tüfteln oder weil ein Pensionierter seine alte Liebe zum Konstruieren wiederentdeckt hatte. Doch nicht nur in Privathaushalten hat Stokys überlebt. Auch in Lehrwerkstätten und Schulen begegnet man den Metallbaukästen als Lehrmittel: Vorstellungsvermögen, technisches Geschick, taktile Fertigkeiten und schöpferische Phantasie lassen sich daran schulen und fördern.

Dabei ist Stokys wie anderes Metallspielzeug aus der Not entstanden. Während des Zweiten Weltkriegs waren die beliebten Metallbaukästen von Meccano und Märklin in der Schweiz nicht mehr erhältlich – genauso wenig wie Modelleisenbahnen. Die Gebrüder Stockmann in Luzern erkannten diese Lücke und entwickelten einen eigenen Metallbaukasten; auf Wunsch des Spielzeughändlers Franz Carl Weber verzichteten sie auf metrische Einheiten und passten sich dem Zollsystem an, damit sich die Baukästen mit denen von Meccano und Märklin kombinieren lassen. So wurde im Jahr 1942 der Stokys-Baukasten geboren.

Nach dem Krieg, als sich die Rohstofflieferungen normalisierten, erhielten die Stokys-Teile ihr typisches, auf dem Material beruhendes Aussehen: Bänder und Platten aus silbernem Aluminium, Schrauben, Kupplungen und Naben aus goldenem Messing. Bis in die 1980er entwickelte sich Stokys immer weiter: Elektromotoren kamen dazu, besondere Modellbaukästen wurden entwickelt für Kräne, Lastwagen in bis zu sieben Varianten, Riesenräder und vieles mehr.

Doch dann kamen die Jahre der Stagnation. Bunte Plastikmodellbaukästen wurden zur verführerischen Konkurrenz, das Konsumverhalten entwickelte sich zu kurzlebigen, oft billigeren Produkten: vieles war schneller und einfacher zusammengebaut und sah dann erst noch «echter» aus. Zudem fanden Eltern die Zeit nicht mehr, sich gemeinsam mit den Kindern an einem komplexen Spielzeug zu reiben. Die Händler boten immer weniger Beratung an, setzten auf schnellen Verkauf und grossen Umsatz. Ein Spiel wie der Metallbaukasten stellte zu viele Anforderungen und passte nicht mehr in eine Zeit des schnellen Konsums und der bunten Oberflächen.

Neuer Schwerpunkt Ausbildung

Und trotzdem sind Stokys-Metallbaukästen immer noch – oder muss man sagen: wieder – gefragt. Dank einer neuen Homepage mit erweitertem Shop, einem Newsletter und der Möglichkeit einer Mitgliedschaft konnte Stokys Systeme AG seinen Kundenkreis halten und gar ausbauen. Mit dem thematischen Schwerpunkt «Ausbildung» wurden Schulen, Lehrwerkstätten und andere Ausbildungsstellen kontaktiert und auf die besondere Qualität der Baukästen für Forschung und Bildung aufmerksam gemacht. Ein spezieller Lehrbaukasten für Schulen mit zehn Lektionen wurde eigens dafür entwickelt.

Geschäftsleiter Beat Schaufelberger und Produktionsleiter Ernst Schmid (von links)
Geschäftsleiter Beat Schaufelberger und Produktionsleiter Ernst Schmid (von links)

Diese Anstrengungen zeigten Früchte, die Bestellungen nahmen zu. Mittlerweile gibt es auch Kundschaft, die ins Tösstal fährt und sich in den Produktionsräumen von Stokys beraten lässt – manchmal kommt sie von weit her, zum Beispiel aus dem Berner Oberland. Dabei können die Kunden noch einen Blick in die Werkstatt werfen und die alten Maschinen aus den Anfangszeiten von Stokys bewundern: etwa eine über 70 Jahre alte Stanzmaschine, die die Lochungen in die Aluminiumplatten stanzt, oder eine ebenso alte Drehbank, mit welcher Zahnräder gefräst werden.

Vieles wird in Bauma selbst hergestellt, falls nicht, wird wenn immer möglich bei Schweizer Lieferanten bestellt. Längerfristig will die Stokys Systeme AG aber vermehrt mit sozialen Firmen zusammenarbeiten, mit geschützten Werkstätten und andern sozialen Institutionen – und damit wieder zurückkehren zum Ausgangspunkt vor zehn Jahren, als arbeitslose Jugendliche eine Chance erhielten: Stokys als Firma, die nachhaltig und sozial produziert. Die Herstellung der Teile oder das Zusammenstellen und Bestücken der Baukästen sind zum Teil einfache Handarbeit, die sich dafür sehr gut eignet.

Mehr als ein bisschen Nostalgie

«Schön, dass es euch noch gibt», könnte man sagen. Doch damit will sich Beat Schaufelberger nicht zufriedengeben. Der IT-Fachmann ist heute Hauptaktionär der Stokys Systeme AG und seit bald drei Jahren auch Geschäftsleiter; zusammen mit Ernst Schmid, der als Produktionsleiter immer noch dabei ist, und Ernst Leimbacher, einem begnadeten Tüftler seit Kindheit, sucht er neue Wege in die Zukunft von Stokys.

Für seine Zukunftsstrategie geht Beat Schaufelberger von der Frage aus, warum Stokys allen widrigen Umständen zum Trotz überlebt hat. Was macht es aus, dass Stokys zu einem generationenübergreifenden Projekt wurde? Mit den Grundelementen und vielen Einzelteilen lassen sich immer neue Modelle, neue Apparaturen, oder wie man die Resultate der Bastler und Tüftler nennen will, herstellen. Stokys-Teile lassen sich auch mit andern Produkten wie Lego verbinden oder mit selbstproduzierten Teilen aus einem 3D-Printer. Diese Vielfalt macht Stokys zum nachhaltigen Produkt, dessen Möglichkeiten nicht in einem einmaligen Zusammenbauen erschöpft sind.

Die Zukunft dafür liegt deshalb nicht einfach in einer Verkaufssteigerung oder in der Produktion immer neuer Baukästen für den Verkauf. Vielmehr steht die Begleitung der Kundschaft über einen längeren Zeitraum im Vordergrund: dazu gehört Beratung, Input und Austausch von neuen Ideen. Stokys müsse nicht Ingenieure anstellen, um neue Modelle zu entwickeln. «Unsere Ingenieure sind die Kunden – die grossen und die kleinen; das ist unser Potential», meint Beat Schaufelberger. Viele Modelle seien durch Kunden entstanden und geben andern Anregungen. In diesem Austausch liege die Chance für die Zukunft; darauf will er aufbauen, zum Beispiel über eine Internetplattform: «So könnte eine Stokys-Community entstehen».

Stokys mit seinen Baukästen und Einzelteilen würde die Grundlage bieten für die verschiedensten Entwicklungen, an denen sich alle Stokys-Nutzer beteiligen können, Schulen, Firmen, Familien, Rentner: «Eine Art Demokratisierung des Entwickelns und Erfindens», ähnlich der Open-Source-Entwicklung von Com-puter Software. Mit dem Kauf eines Metallbaukastens wäre zum Beispiel ein Abonnement verbunden, das Zugriff auf eine Reihe von Dienstleistungen bietet – von der Beratung über die Einzelteilbestellung bis zur Teilnahme am Austausch-Forum.

Just zum 75-Jahr-Jubiläum von Stokys wurden diese Ideen entwickelt. Allerdings hat die Firma keine finanziellen Ressourcen, um diese Ideen umzusetzen. Deshalb wurde am 20. März eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Dadurch sollen die notwendigen Mittel gefunden werden, um den Aufbau einer digitalen Open-Source-Plattform zu realisieren und das geplante Abonnementssystem für die Kunden zu entwickeln. Zu diesem Jubiläum findet zudem im Foyer des «Technoramas» in Winterthur eine Ausstellung statt. Viele Stokys-Modelle – darunter auch das legendäre Modell der Cabrio-Bahn aufs Stanserhorn – werden dort ausgestellt sein und die vielfältigen Möglichkeiten der Metallbaukästen werden vorgeführt. An Experimentiertischen kann man selber schrauben und konstruieren und so dieses einzigartige Spielzeug, das wohl mehr als ein Spielzeug ist, ausprobieren und praktisch kennen lernen.

75 Jahre Stokys. Jubiläumsausstellung im Technorama Winterthur vom 24. bis 26. März 2017,
10 – 17 Uhr